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an ihnen zu befriedigen, so gaben sie auf die übrigen weniger sorgfältig Acht. Als sie nach haus kamen, wurden sie wegen grossen Ueberflusses ausgeteilt, und jedermann, der einen Anverwandten im Treffen eingebüsst hatte, bekam einen von den Gefangnen an dessen Stelle: unter welchen die beiden Europäer zu einer witwe kamen, die ihnen die Ehre antat, erstlich den Verlust ihres Mannes auf das empfindlichste an ihren Leibern zu rächen, und dann sie zu ihren Sklaven zu machen.

Der gegenwärtige Zustand war unangenehm, aber in Vergleichung der nächstvorhergehenden vortreflich; wenigstens war das Leben sicher. In kurzer Zeit bekam das ganze Dorf einen neuen Paroxismus von Tapferkeit, und alles zog aus, sogar die Weiber waren nicht davon ausgenommen: auch Belphegor und Akante mussten, so wenig sie auch den Kützel der Tapferkeit empfanden, den Zug verstärken helfen. – Da sie aber voraussehen konnten, dass das Ende des Feldzugs ihren Zustand wohl verschlimmern aber nicht verbessern könne, so beschlossen sie bei der ersten gelegenheit zu entwischen, in eine Einöde zu fliehen und da lieber kümmerlich zu verhungern, als in beständiger Gefahr zu sein, dass man der Grausamkeit eines Barbaren mit langsamen Martern zur Belustigung und endlich gar mit seinem Fleische zur Sättigung dienen müsse. Die gelegenheit zeigte sich, und sie entflohen, versteckten sich lange Zeit, um der Nachstellung zu entgehn, in einem Moraste, und rückten, so oft sie sich sicher genug glaubten, weiter fort. Aber ihre Not hatte nur eine andre Mine angenommen: der Tod drohte ihnen immer noch, nur unter einer neuen Larve. Ihre Nahrung mussten sie mühsam suchen und fanden sie nicht einmal in zureichender Menge, und die Beschwerlichkeiten der Witterung machten ihre traurige Situation vollständig.

Wer hätte sich in solchen Umständen nicht den kummervollsten Reflexionen überlassen sollen, auch ohne so viele Misantropie, wie Belphegor, im leib zu haben? – Um so viel mehr musste ER es tun: der Strom seiner ärgerlichen Klagen ergoss sich von neuem über den Menschen und die natur. Als er eines Morgens sein Kummerlied unter einem Brodfruchtbaume sang, so hörte er plözlich einige Stimmen und erschrack, wie leicht zu vermuten, weil er jetzt bei jeder unbekannten stimme einen Menschen vermutete, der ihn schlachten wollte: er verkroch sich und horchte. Der Ton hatte nichts barbarisches, und bei seiner Annäherung wurde er inne, dass es Akante war, die zwei Fremde in europäischer Kleidung zu ihm führte. Er verliess also seinen Schlupfwinkel und erfuhr, dass es zwei Spanier waren, die man mit einem Schiffe von PANAMA abgesendet hatte, um Untersuchungen in dieser Gegend anzustellen, Fahrten und Länder zu entdecken. Akante, die bei dem Don, dessen Mätresse sie ehemals gewesen war, ein wenig Spanisch gelernt hatte, wusste wenigstens noch genug davon, um zu erkennen, dass es Spanisch war, was diese beiden Leute mit einander sprachen, als sie ihrer bei einer Quelle ansichtig wurde, wo sie tranken: sie wagte sich zu ihnen, entdeckte ihnen die Verlegenheit, in welcher sie nebst Belphegorn hier schmachtete, nebst einigen andern Umständen so deutlich, als ihre kleine Fertigkeit in der Sprache es zuliess. Die Fremden liessen sich bewegen, zu Belphegorn mit ihr zu gehen, kamen zu ihm, und erboten sich, sie beide auf das Schiff mit sich zu nehmen. Der Vorschlag wurde freudig angenommen, und der Marsch zu dem Schiffe angetreten.

Sie kamen an den Ort, wo sie das Boot befestigt hatten, das sie über einen nicht allzu breiten Fluss wieder zurückführen sollte; aber sie suchten umsonst: das Boot war unsichtbar. Sie riefen, sie sahen, und siehe da! in einer weiten Entfernung sahen sie es, mit hülfe eines Fernglases, den Fluss hinuntertreiben, und nur einen einzigen Menschen auf ihm, der, so viel sich unterscheiden liess, durch unaufhörliche Bewegungen, die auch von einem Geschrei begleitet werden mochten, seine Rettung vermutlich zu bewirken suchte. Man eilte, so schnell man konnte, an dem rand des Wassers hin, es einzuholen, und bemühte sich durch beständiges Schreien teils die Leute herbeizubringen, die es verlassen hatten, teils dem armen Hülflosen, der darauf zurückgeblieben war, hoffnung zu machen, dass seine Errettung vielleicht nicht weit mehr sei. Das Boot stiess indessen an eine kleine Sandbank an, wo es aber der Strom bald wieder losarbeitete. Dieser Umstand liess wenigstens die, welche ihm nacheilten, Zeit gewinnen, und sie waren ihm jetzt schon so nahe, dass sie mit dem Verlassnen darinne sprechen konnten. Man wollte ihm helfen und wusste nicht wie: man hielt sich indessen mit Stangen in Bereitschaft, um sie bei der ersten günstigen gelegenheit anzuwenden. Der Strom näherte zuweilen ihrem Ufer das Boot und einmal so sehr, dass einer von den Spaniern es mit seiner Stange erreichen konnte; er zog es ein gutes Stück näher, der darinne sitzende frohlockte schon, Belphegor warf sich ins wasser, schwamm zu dem Taue, womit es am Ufer befestigt gewesen war, und das jetzt nicht weit vom rand schwamm, ergriff es, nahm es zwischen die Zähne und schwamm zurück, der andre Spanier haschte es mit seiner Stange, man griff zu, und nach etlichen Drehungen und Wendungen war man so glücklich es mit vereinten Kräften so nahe zu bringen, dass man es bis zu einem Aussteigeplatze von dem Strome forttreiben lassen und mit dem Taue zurückhalten konnte, dass es sich nicht zu weit vom Ufer wieder entfernte.

Mit einer unbeschreiblichen Freude sprang der Errettete aus dem Boote und dankte