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als dass man auf seine erste Bitte, sobald sie nur verstanden worden wäre, mit der grössten Bereitwilligkeit seinen Hunger befriedigen werde. Er tat zwar seine Bitte, aber niemand schien sie zu verstehen, sondern man sperrte ihn nebst Akanten nach einer langen Prozession in ein Gebäude ein; und eine kleine Weile darauf trug man ihnen speisen im Ueberflusse auf, deren Ungewohnheit ihnen die Ueberladung ersparte. Die Einwohner, die sie genau beobachteten, frohlockten nicht wenig als sie ihre Gefangnen mit so vielem Appetite essen sahen, welches Belphegorn, der es sich als eine Freude der Menschenliebe und des Mitleids ausgab, beinahe auf bessere Gesinnungen von der menschlichen natur brachte und seine bisherigen Beschwerden über sie bereuen liess. – Hier, sagte er zu Akanten, hier ist unverdorbne natur: in keiner sogenannten polizierten Gesellschaft würde man so naife Ausdrücke des Mitleids und vielleicht auch schwerlich eine so sorgsame Verpflegung, ohne alle Rücksicht auf eigenes Interesse, angetroffen haben.

Nur das einzige war ihm unbegreiflich, dass diese mitleidigen Versorger sie gleich anfangs aller Kleider beraubt hatten, beständig gefesselt hielten und auf das schärfste bewachten: er sann tausend günstige Ursachen dafür aus, die insgesammt ganz wahrscheinlich, aber keine die wahre war.

Nach einer achttägigen Wartung und Beköstigung, die ihnen ihre Kräfte völlig wieder hergestellt hatte, wurden sie des Morgens unter dem Zusammenlaufe des ganzen Dorfs ausgeführt, und jedes in der ganzen natürlichen Blösse an einen Pfahl gebunden: beide zitterten nicht ohne Grund für ihr Leben; doch war ihnen alles noch Rätsel. Verschiedene von den Umstehenden waren mit bedenklichen Werkzeugen bewaffnet, die zu nichts als zum schneiden und sägen geschickt waren: ein grosses Feuer loderte in hohe Flammen empor, und nichts war wahrscheinlicher, als dass sie beide gebraten werden sollten. Mitten unter dieser unseligen Vermutung rennte eine Weibsperson, unsinnig wie ein Mänade, auf Belphegorn zu und zwickte ihm mit einem steinernen Instrumente ein Stück Fleisch aus dem arme, dass er vor Schmerz vergehn mochte; das Blut quoll aus der Wunde, und schnell hielt einer der Dastehenden ein Gefäss unter, um es aufzufangen und zu verschlucken. Dem Beispiele des rasenden Weibes folgten einige andre, und in kurzer Zeit waren die beiden Leidenden vor Schmerz fast erschöpft und ganz mit Wunden bedeckt, ihr Blut von verschiedenen getrunken, und Stücken von ihrem Fleische im Triumphe davon getragen worden. Aus diesem tragischen Ende, das ihre gütige Verpflegung nahm: konnte man schliessen, dass man nur die menschenfreundliche Absicht dabei gehabt hatte, ihr Blut und ihr Fleisch fetter und wohlschmeckender zu machen und ihnen Kräfte zu geben, dass sie durch ihre Martern desto länger ihrer Grausamkeit zur Kurzweile dienen konnten.

Von dem schrecklichen Schauspiele war kaum der erste Akt vorüber, als plözlich ein Schwarm von der benachbarten Völkerschaft eindrang, nach einem kurzen Gefechte die Barbaren vom Schauplatze fortschlug, das Dorf anzündete und die blutenden Europäer mit sich hinwegnahm, die diese Sieger sogleich nach der Ankunft in ihrem dorf verbanden und sorgfältig verpflegten. Weder Belphegor noch Akante trauten jetzt dem Glücke mehr, sondern argwohnten eine neue Grausamkeit hinter dieser Gütigkeit: da sie aber so sehr lange bis zur völligen Heilung anhielt, so wussten sie wenigstens nicht, was sie denken sollten, wenn sie auch gleich nichts Gutes erwarteten.

Ihre gegenwärtigen Verpfleger waren sehr religiöse Leute. Sie hielten es für höchstsündlich, einen Menschen zu essen, ohne ihn vorher den Göttern geopfert zu haben; und um ihre Nachbarn, die gewissenlose Leute waren und sie frassen, ohne ihren Göttern einen Bissen davon anzubieten, von dieser ärgerlichen Gottlosigkeit abzuhalten, unternahmen sie beständige Anfälle auf sie: so oft sie durch Kundschafter erforschten, dass man eine solche Mahlzeit halten wolle, so brachen sie auf, befreiten die für die Gefrässigkeit jener Barbaren bestimmten Opfer mit Gewalt, kurirten sie sorgfältig wieder aus, opferten sie ihren Göttern und assen sie mit der grössten Anständigkeit.

Kein andres Schicksal ist also von der Frömmigkeit dieser Leute für unsre beiden Europäer zu hoffen: und kurzer Zeit nach ihrer völligen Genesung erfuhren sie es selbst, dass kein andres auf sie wartete. Belphegor raste vor Zorn und Verdruss; er wollte nicht essen, und man zwang ihm die speisen ein: er wurde gemästet, um ein würdiges Gericht für die Tafel der Götter zu werden. Der Termin des Opfers, das Hauptfest des Jahres, näherte sich, und die Vorbereitungen nahmen ihren Anfang.

Unterdessen fühlten ihre Nachbarn ein gewaltiges Jucken der Tapferkeit in Armen und Füssen, sie hatten lange müssig zu haus gelegen, und wie das unvernünftige Vieh nichts getan als gegessen, getrunken und bei ihren Weibern geschlafen. Um sie dieser unrühmlichen Ruhe zu entreissen, fand sich bei einem unter ihnen gerade zu gelegner Zeit ein Traum ein, der kaum erzählt war, als alle bis zum kleinsten Nervengefässe sich begeistert fühlten, nach den Waffen griffen und auszogen, als brave Menschenkinder ihre Gliedmassen gegen ihre Nachbarn zu brauchen, die jetzt mit ihrem Feste beschäftigt waren und also ihren Mut nicht in der gehörigen Bereitschaft hatten. Sie kamen; sie fielen das Dorf an, wo Belphegor und Akante zum Opfer aufbewahrt wurden, sie ermordeten und erwürgten, was ihnen in den Weg kam, und um so viel hitziger und unbarmherziger, weil die lange Ruhe ihre Kräfte und ihren Mut tätiger gemacht hatte. Die Uebereilten wurden in die Flucht getrieben, und die Sieger bemächtigten sich der zum Opfer bestimmten Gefangnen, unter welchen auch Belphegor und Akante mit fortgeschleppt wurden: allein da sie von den Einwohnern des Dorfs eine hinreichende Anzahl bekommen hatten, um ihr blutbegieriges Vergnügen