erste Bitte erscheint, so kam indessen zu Stillung ihrer Schmerzen sein Bruder – der Schlaf.
Bei ihrem Erwachen, das etwas spät des Tages darauf erfolgte, sahen sie einen Trupp Kanote nicht weit von ihrer Insel in Ordnung gestellt und mit einer Menge wilder Mannspersonen angefüllt; und so sehr sie Tages vorher unwillig waren, dass nicht zwei Menschen zu ihrer hülfe herbeieilten, so sehr erschraken sie jetzt, dass ihrer eine so grosse Menge bei der Hand war. Wirklich hatten sie auch alle Ursache zu erschrecken: denn nicht aus brüderlicher Liebe, sondern aus Besorgniss für Feindseligkeiten waren sie herbeigekommen. Sie hatten ihre Schiffahrt mit der Insel angesehn und viel Bedenkliches dabei gefunden, dass sich in ihrer Nachbarschaft eine so grosse Masse niederliess, die vorher nicht vorhanden gewesen war: da dieses verschiedne wunderliche Gedanken veranlasste, besonders dass es vielleicht gar eine Rotte böser Geister sein konnte, die nicht in den besten Absichten auf die Nachbarschaft mit einer so ansehnlichen Wohnstätte angekommen sein möchten, so beschlossen sie, nicht länger in einer quälenden Ungewissheit zu bleiben, sondern die Sache stehendes Fusses in Augenschein zu nehmen. Daher waren sie in der Nacht mit ihrer ganzen Flotte von Kanoten abgesegelt, einige hatten sich in der Entfernung gehalten, und andre waren gelandet, um heimlich die neue Insel zu untersuchen. Als sie aber so wenig erschreckendes und nur zwei in tiefen Schlaf versenkte Sterbliche antrafen, so schien es ihnen das ratsamste den Tag in Schlachtordnung abzuwarten und sie alsdenn die probe ihrer Gotteit oder Sterblichkeit ablegen zu lassen. Zu diesem Ende wurden die beiden Schlafenden durch ein heftiges Geschrei, das alle anwesende Hälse zugleich anstimmten, bei Tages Anbruche aufgeweckt, und etliche tollkühne Wagehälse hatten sich schon in ihren Kanoten um die Insel herumgeschlichen, um sie von hintenzu anzufallen, zu binden und triumphirend in ihre Heimat zu führen, um ihren Stand und ihre Macht weiter zu untersuchen.
Sobald als Belphegor bei seinem Erwachen die Menge Menschen erblickte, so war seine erste Empfindung – Schrecken, wie bereits gesagt worden ist: doch belebte die notwendigkeit der hülfe und eine Art von Verzweiflung seinen Mut so sehr, dass er durch bittende Zeichen und demütige Geberden sie auf seine Insel zu locken und ihnen zu gleicher Zeit verständlich zu machen suchte, wie sehr er ihres Beistandes bedürfe. Anstatt einer gütigen freundschaftlichen Antwort tönte ihm ein fürchterliches Kriegsgeschrei entgegen, das bald hinter seinem rücken wiederholt wurde, worauf etliche sie überfielen, mit Seilen von Baste fesselten und ihren gefährten winkten, mit den Kanoten herbeizurudern und die Gefangnen einzunehmen, welches im Augenblicke geschah.
Obgleich die Art, mit welcher diese Wilden die beiden Europäer bewillkommten und aufnahmen, nicht die erfreulichsten Aussichten versprach, so war doch Belphegor äusserst zufrieden, das er auf ein langes festes Land gebracht werden sollte, wo er wenigstens Einen Fleck mit hinlänglicher Nahrung anzutreffen hofte: Akante hingegen, deren Keuschheit eben keine sonderliche Mühe und Vorsorge mehr verdiente, weil sie schon leider! so sehr als ihr Gesicht zerfezt und verstümmelt war, dachte an alles, während der Ueberfahrt, nicht so sehr und angelegentlich als an die Gefahren, die unter so wilden Barbaren ihrer weiblichen Ehre drohen konnten. So natürlich, so tief mit dem weiblichen Wesen verwebt ist Sittsamkeit und Keuschheit, dass hier Akante so gar, nachdem sie schon in neun und neunzig Fällen besudelt worden sind, doch im hunderten noch für die Erhaltung ihrer Reinlichkeit sorgte!
Belphegor räsonnirte indessen unaufhörlich bei sich über die Feindseligkeit und das Mistrauen, das die Wilden bei ihrer Aufnahme blicken liessen. – Ein neuer Beweis, sagte er sich, unter den vielen, die ich schon erlebt habe, dass die natur ihren Söhnen keine angeborne brüderliche Zuneigung zur Mitgift erteilte. Warum fühlt der Wilde diesen Zug zu keinem Fremden? Warum ist ihm ausser der kleinen Gesellschaft, die lange Gewohnheit mit ihm eins hat werden lassen, alles Feind! – O natur! natur! Du musstest dem Menschen dieses Mistrauen einpflanzen, um deine Kreaturen Selbsterhaltung zu lehren: aber trauriges Mittel! damit jedes sich erhalte, muss jedes des andern geborner Feind, von allen sich trennen und nur durch Gewohnheit, Eigennutz, Zwang der Freund von etlichen wenigen werden! Unglückliche Geselligkeit! magst du doch Instinkt oder vom Bedürfnisse erzeugt sein, du bist allzeit ein trauriges Geschenk: du sammeltest die Menschen in Rotten, um sich zu befeinden und zu zerfleischen. War es aus Oekonomie oder um das Schauspiel blutiger zu machen, dass nicht Menschen gegen Menschen, sondern Trupp gegen Trupp streiten musste? Doch weg mit den trüben Gedanken! Ich bin vom Hunger und vom tod gerettet: diese unverdorbnen Kinder der natur, die Unerfahrenheit fürchten, und die Furcht feindselig verfahren lehrte, werden unsre friedlichen Gesinnungen kaum merken und uns eben so friedlich begegnen. Der Zunder der Feindschaft, der in der ganzen Welt glimmt, kann sich nicht bei ihnen gegen uns entflammen: freue dich, Akante, wir sind wenigstens dem tod, wo nicht fernern Ungemächlichkeiten entflohen! – Es muss doch so eine Anordnung, so ein geheimes Etwas sein, das die menschlichen begebenheiten zum Besten der einzelnen Mitglieder der Erde zusammenknüpft: ein Etwas, das aus den widerwärtigsten Saamen den entgegengesezten Vorteil, aus Mistrauen und feindlicher Furcht Errettung entwickeln kann. –
Die Freude, sich aus der augenscheinlichsten Todesgefahr so unvermutet geholfen zu sehen, gab seiner Philosophie einen so geschmeidigen Fluss, dass sie bis zum Landen sich in diese Selbstbetrachtung ergoss.
Nachdem sie unter einem ununterbrochnen jubel in das erste Dorf eingezogen waren, so glaubte Belphegor nichts gewisser,