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menschlichen Hunger zu stillen. Fische zu fangen hatten sie keine Werkzeuge, und eben so wenig Materialien, sie zu verfertigen; gleichwohl war diess die einzige Nahrung, deren sie habhaft werden konnten. Zum Glücke hatte der Alte auf seiner Jagd nach goldnen Fischen in jüngern Jahren die Kunst gelernt, sie bei hellem wasser mit der Hand zu fangen: der Hunger trieb ihn an, dass er eine Fertigkeit wieder versuchte, die er schon längst aufgegeben hatte, allein durch das Alter und die Ungewohnheit waren seine hände unsicher und unstät geworden, dass er also mit der äussersten Anstrengung in einem Tage kaum genug fing, um sich und seiner Gesellschaft das Leben zu fristen, aber nicht um sie zu nähren. Oben drein musste das Unglück ihren Jammer vermehren und den Alten, dessen schwächlicher Körper einen so kümmerlichen Unterhalt nicht ertragen konnte, in wenig Tagen sterben lassen. Was nun zu tun? – Nichts als zu hungern oder zu sterben!

In dieser schrecklichen Verlegenheit musste sich Belphegor bequemen, den Ton seiner Menschenfeindlichkeit um vieles herabzustimmen: so sehr er sonst vor dem Anblicke der Menschen flohe, so eifrig spähte er jetzt an dem rand seiner Insel, um vielleicht an dem entgegenstehenden Ufer menschliche Figuren zu entdecken, denen er durch Rufen und Zeichen verständlich machen könnte, dass hier einige von ihren Brüdern ihres Beistandes bedürften: er dünkte sich zwar etwas bewegliches wahrzunehmen, allein sein Auge reichte nicht völlig bis dahin, um es gehörig zu unterscheiden. Endlich, nach langem vergeblichen Warten, warf er sich verzweiflungsvoll nieder und rief:

O natur! o Schicksal! dass ihr doch in ewiger Uneinigkeit wider einander sein müsst! Sollte das Unglück die Bande der Menschheit näher zusammenziehn, sollte es ein geschöpf dem andern teuer und notwendig machen, warum musste das Schicksal wohl tausend Unglücksfälle in unser Leben hinwerfen, aber unter diesen tausenden kaum einen die wirkung tun lassen, wozu er nach unsrer Meinung bestimmt ist? – Meine traurige Hülflosigkeit, die Nähe des Todes, die Möglichkeit der Rettung, die Zudringlichkeit der Gefahralles zusammen hat mein Herz wieder geöffnet: ich fühle einen Zug nach Menschen; ich würde sie vielleicht lieben, wenn sie mich retteten; ich hasse sie schon weniger: aber wenn ich meine hände gleich zu Freundschaft und Wohlwollen ausstrecke, und Niemand mir die seinigen bietet? Wenn mich das Schicksal auf der einen Seite zu den Menschen hinstösst, und auf der andern sie wieder von mir entfernt?– O Labyrint! O Rätsel! Der Tod schneidet den Knoten am besten entzwei. Wohlan! zeugt die natur Geschöpfe, um sie in Qual zu versenken; macht sie so herrliche Anstalten, um sie unter einander zusammenzuknüpfen, dass sie erst hungern, frieren, schmachten, die äusserste Erschöpfung der Kräfte durch Schmerz und Gefahren erdulden, sich kränken, verfolgen, martern, erwürgen müssen, damit der kleine Rest, der der Gefahr und dem ganzen tollen Spiele der Welt entrann, sich lieben und in Friede bei einander wohnen könne; durchwebte sie dieses Leben mit Dornen, um uns die einzeln blühenden Blümchen desto wohltuender, einnehmender zu machen; gab sie ihren Geschöpfen eine so traurige Fruchtbarkeit, dass sie mehrere ihres Gleichen hervorbrachten, als nach der Veranstaltung des Schicksals ernährt und erhalten werden konnten: – mag sie es verantworten! Ich kann nicht mit ihr rechten: dennunglücklich genug! – wir haben keinen Richterstuhl, der über uns erkennt; der Mensch, ihre Kreatur, muss leiden, weil er der schwächere, weil er nichts ist. – O Akante! warum sollten wir uns nach hülfe umsehen? Um noch einmal so lange unter Schlangen, Eidexen, Skorpionen herumzukriechen? Haben wir nicht Bisse und Stiche genug bekommen? – Lass das verächtliche Geschlecht, das zum Quälen allzeit, und zur hülfe nie bei der Hand ist, lass es! Wir wollen ihn fluchen und sterben! –

Mit diesen schwarzen Gedanken fasste er sie halb sinnlos in die arme; sie weinte, er fluchte; sie dachte an alle Oerter der Freude zurück, wo sie jemals in Lust und Entzücken geschwommen hatte. – O wie schön, dachte sie, war es im Serail des grossen Fali! wie schön bei dem Markgrafen von Saloica, ob ich gleich alle meine Schönheiten dort einbüsste! wie schön bei Alexander dem sechsten! wie schön überhaupt in Europa in den Armen meiner Geliebten, Belphegors und Fromals und Stentors und Bavs und Mäos und Euphranors und andrer schönen Jünglinge! Ach, die glückliche Zeit ist vorüber; und hier soll ich nun auf dieser dürren öden Insel ohne Gesang und Klangnicht einmal begraben, sondern vermodern und von den Vögeln des himmels zerstückt werden! Kein Jüngling soll eine einzige Strophe auf meinen Hintritt singen! kein Liebhaber eine Träne auf meine erblassten Wangen tröpfeln und sie wieder aufküssen! – Nichts, alles nichts! alles nichts! alles ist aus! Ich muss sterben, unbeklagt sterben! – Belphegor, du hast Recht: das lächerliche törichte Leben ist nicht wert, dass man es durchlebt, weil man es so bald missen muss. Ich habe von Heiden, Juden und Christen leiden müssen, und die gräulichen Keile waren alle eins: aber ich habe auch Freuden genossen, und da ich sie wieder zu erlangen hoffe, so soll ich gar sterben! sie auf ewig missen! – O du tolles abgeschmacktes Leben! wärst du nur schon vorüber! – Sie weinte bitterlich.

Beide wollten sterben; allein da der Tod mit seiner saumseligen hülfe nicht allzeit auf die