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wenigstens stolperte der Mann mit der Stelze, wenn er auch nicht ganz stürzte, und die übrigen hatten wenigstens die Freude über ihn zu lachen. So war dieser Platz ein beständig abwechselnder Schauplatz, wo neue Zwerge mit höhern Stelzen erschienen, und andre von den ihrigen heruntergeworfen wurden, einige stolz daherwandelten, und einige mit zerbrochnen Armen, zerquetschten Köpfen, beschundnen Beinen schmerzhaft sich im Staube wanden.

Lustig ist es, sprach Belphegor, Zuschauer von diesem Stelzenkaruselle zu sein; aber sich drein zu mengen! – bewahre dafür der Himmel jeden Mann, der solche Stelzen entbehren kann! – Aber, sieh, Akante! was wimmelt dort? –

Sie sahen beide hin, und wurden einen Trupp kleinere Zwerge gewahr, die auf kurzen niedrigen Stelzen das ganze Spiel der vorigen auf einem kleinen platz nachäfften, sich wechselsweise herunter warfen und sich, um die Ehre der Gleichheit mit jenen grösseren Zwergen zu erlangen, Beine, arme und Hälse zerbrachen. –

Siehst du, Akante? das alberne Menschenvolk! rief Belphegor. Sonst würde mir dieser Anblick ein Lächeln abgenötigt haben, jetzt zwingt er mich zum Aerger. Kannst du etwas rasenderes denken, als sich die Hälse zu zerbrechen, um sie sich wie andre zerbrochen zu haben. Fort! lass uns keine Menschen sehen, so sehen wir keinen Unsinn! – Wo ist nun die Freude, die dir jene lockende Musik versprach? Horche doch! Wo ist es hin, das tönende Konzert? Verstummt! Nicht einen laut, nicht ein Geschwirre hörst du jetzt mehr. – Was zu verwundern? Sagte ich dirs nicht? – Es ist eine Freude unsers Planetens, und also eine Betriegerinn. –

Akante erstaunte, horchte und wurde jetzt erst inne, dass sie sich durch einen so beschwerlichen Weg dem Vergnügen näher gebracht hatte, um es zu verlieren. Sie tröstete sich inzwischen mit der Möglichkeit, es mit einer doppelten Vergütung wiederzufinden, und munterte Belphegorn auf, sie zu den übrigen Merkwürdigkeiten des Ortes zu begleiten. Sie gingen weiter, und sogleich zog ein weitläuftiges Gebäude ihre Aufmerksamkeit an sich, besonders war Akante vor Entzücken ganz ausser sich selbst gesetzt, da ihr aus demselben ganze Reihen von den goldnen Vögeln entgegenstrahlten, denen sie vor etlichen Tagen mit aller Gewalt nachjagen wollte, da sie ganze truppe von den helleuchtenden Rehen erblickte, und Schaaren Menschen bei ihnen, die mit ihnen vertraulich umgingen.

O Belphegor! seufzte sie, wie glücklich müssen diese Menschen sein, die die schönen Vögel in solchem Ueberflusse besitzen, wovon mich ein einziger schon hinlänglich beglücken würde! Siehe! Diese Glückseligen können sie pflegen und warten, sie streicheln, sie liebkosen, den goldgelben Samt ihres Gefieders berühren, ihre Ohren an den lieblichen Liedern ihrer Kehle weiden – o wer ein Glied von diesem beneidenswürdigen Haufen wäre! Sie haben errungen, wonach vermutlich so viele noch keuchend laufen, dem ich gern nacheilteach! komm! Lass uns wenigstens die Augen an diesen englischen Geschöpfen ergötzen! –

Gute Akante! Du beneidest diese Leute; aber, aber! – ich sehe schon ein trauriges Anzeichen. Was gilts? Sie fühlen ein Glück dieser Erde, das heisst, eine beneidete Last. Siehst du nicht? –

Und was? rief Akante hastig. –

Sie hängen ja alle die Köpfe. Deine Einbildungskraft berauscht sich bei dem Vergnügen gleich, und du vergisst, dass du auf der Erde bist. –

Nein, da sind wir nicht! Weder bei dem Pabst Alexander, dem sechsten, noch bei dem Markgrafen, wo meine Schönheiten so jämmerlich verwüstet worden sind, weder bei dem grossen Fali, noch bei irgend einem Herrn, dessen Sklavinn ich gewesen bin, habe ich eine so entzückende Kostbarkeit angetroffen, als diese goldnen Vögel oder diese strahlende Rehe: sie sind über alle Herrlichkeiten dieser Welt erhaben, und wir müssen notwendig in einem Paradiese sein. –

Wohl! aber wissen möchte ich nur, warum die guten Leute in ihrem Paradiese die Köpfe hängen. – Sie gingen, um Erkundigung darüber einzuziehn, allein da sie die Sprache nicht verstunden, so erfuhren sie bloss, was sie ihre Augen belehrten, nämlich dass die Leute mühsam die goldnen Vögel und Rehe warten und füttern mussten, und nach aller Wahrscheinlichkeit Langeweile bei diesem Amtsgeschäfte hatten.

Weil ihre Neubegierde auf diese Art nicht weiter gesättigt werden konnte, so wandten sie sich auf die andre Seite, wo sich ihnen neue Merkwürdigkeiten darboten. Ein Zwerg, der die übrigen an Kleinheit merklich übertraf, lag auf einem sehr erhöhten von Zweigen geflochtenen Sofa, an welchem eine Menge Zwerge zu ihm hinaufzuklettern versuchten. Ob er gleich nur von der Höhe war, dass ihn die beiden Europäer aufrecht stehend bequem übersehen konnten, so kostete es doch den armen Kreaturen unendliche Mühe daran hinaufzusteigen, besonders weil einer dem andern aus Neid die Mühe vielfältig vermehrte: denn sobald einer nur um ein Paar Zolle mit dem kopf höher zu rücken schien, so beeiferten sich ganze Schaaren aus allen ihren Kräften, ihn hernieder zu reissen: man schlang sich um seine Füsse, man hieng sich ihm an die Hüften, man suchte ihn durch Kützeln oder durch Gewalttätigkeiten herunterzubringen, und meistenteils gelang es den Misgünstigen, ihre Schadenfreude an dem Falle eines solchen Gestürzten zu vergnügen. Die wenigen aber, die allen diesen Hinderungen wiederstanden, alle diese Beschwerlichkeiten überwanden und glücklich zu dem Sofa emporkamen, genossen für ihre angestrengte Bemühung kein andres Glück, als dass sie neben dem kleinen Zwerge, der den Sofa inne hatte, sich niedersetzen und ihn