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Eingange, und da er diesen nicht fand, nach einem bequemen Orte zum Durchbrechen umsah. Akante, die über seine saumselige Bedachtsamkeit höchst ungeduldig war, versuchte selbst allentalben, den Weg zu eröffnen, rizte sich blutig, entkräftete sich und kam nie zum Zwecke. Indessen fand Belphegor eine kleine schmale Oeffnung, wo die Dornen weniger dicht stunden und einer vorsichtigen Beugung nachgaben: hier machte er einen Versuch und es gelang ihm wirklich, mit etlichen leichten Verwundungen durchzuschlüpfen. So sehr er auch Akanten Behutsamkeit und Langsamkeit empfahl, so war doch ihre Begierde zu feurig, sie übereilte sich, schlüpfte zwar hindurch, aber zerriss sich das Kleid, und das ganze Gesicht war voller Ritze.

Die erste Dornenpallisade war durchkrochen: kaum hatten sie ausgeschnaubt, als sie eine zweite aufforderte. Sie taten das nämliche mit dem nämlichen Glücke und Unglücke. – Es zeigte sich eine dritte: auch diese wurde überwunden; und so arbeiteten sie sich noch durch zwo Mauern hindurch, wo sich Belphegor ungeduldig hinwarf und schlechterdings nicht weiter wollte: allein Akante bat ihn mit allen weiblichen Künsten, mit einem Kniefalle, mit Tränen, mit Liebkosungen; er war unerbittlich. – Sagte ich dir nicht, sprach er unmutig, dass wir in Dornen und Sümpfe geraten würden? Wo gehst du auf diesem Planeten Einen Schritt, ohne dass deine Füsse nicht bluten? Verstopfe deine Ohren! verschliesse deine Augen! sei kein Mensch, wenn du auf ihm ohne Ungemach leben willst! – War das nicht mein Rat? – Wer weis, wie viele Tagereisen lang wir ohne Nahrung, ohne Kleidung uns unter tausend Schmerzen durch diese vermaledeiten Dornenzäune durcharbeiten müssen, um zu dem platz zu gelangen, wohin uns dieses Zauberkonzert ruft; und wenn wir angelangt sind, was wird alsdenn geschehn? – Entfliehn wird die Musik, wie die goldnen Vögel und die strahlenden Rehe! entfliehn, je näher wir kommen, und uns, wie alle Güter dieses Kotballes, zum Narren haben! herumführen, Mühe machen, um uns am Ende einsehn zu lassen, dass wir Toren gewesen sind! – Ich gehe nicht weiter. –

Auch liess er sich wirklich durch keine Vorstellung weiter bewegen, sondern übernachtete da, Akante konnte mit Mühe einschlummern, so beschäftigte sie ihre Erwartung und die Gewalt der Musik, die ihr mit jedem Augenblicke voller und hinreissender zu werden schien; und wenn ja eine kurze Zeit der Schlummer sie überwältigte, so rollten doch so viele Gedanken und Empfindungen unaufhörlich durch Kopf und Herz, dass sie nie zu einem anhaltenden erquickenden Schlafe übergehn konnte. Kaum warf der Morgen den ersten Schimmer auf ihre Lagerstätte hin, als sie schon aufstand und Belphegorn mit neuen Kräften antrieb, seinen Weg fortzusetzen. Die Ruhe hatte seine Seele der Kraft der Musik und der Stärke von Akantens Vorstellungen geöffnet: es schien ihm gleich töricht umzukehren und weiter zu gehen: er wählte also, wohin ihn seine Empfindung zog; er fing die Arbeit von neuem an. Sie legten noch den nämlichen Tag die fünf übrigen Dornenhecken zurück, und obgleich die Dornen weniger verschlungen, die Oeffnungen häufiger und die Musik aufmunternder und entzückender wurde, je weiter sie kamen, so traten sie doch erschöpft und kraftlos aus der letzten hervor, besonders da sie auf ihrem heutigen Wege nur hin und wieder einige nicht sonderlich schmeckende Früchte zu Stillung ihres grössten Hungers angetroffen hatten.

Bei ihrem Heraustritte aus der letzten Dornenwand eröffnete sich ihrem Blicke ein weites merkwürdiges Teater; aber die Musik wurde nur noch leise in der Entfernung gehört, welches unsre beiden Wanderer um so viel weniger bemerkten, weil ihre Augen genug Beschäftigung hatten, um das Ohr sein Vergnügen nicht vermissen zu lassen. Eine weite unübersehlige Ebne dehnte sich vor ihnen aus, und die Aussicht wurde durch eine Menge grosser und kleiner Gebäude unterbrochen, worunter besonders eins in der Mitte derselben wegen seiner Schönheit und seines Umfangs hervorleuchtete: alle waren von Reissig und Baumstämmen sauber geflochten, weitläuftig und kündigten auf allen Seiten Bewohner von Geschmack und Liebhaber des Schönen an. Auf der Ebne zeigte sich ihnen eine Menge grosser riesenmässiger Figuren, die gravitätisch auf und abwandelten, indessen dass ihnen eine Menge Personen einen Platz für ihre Schritte frei machen mussten, worauf ein homerischer Gott mit seinem göttlichen Riesengange Raum genug gefunden hätte. Je mehr sie sich diesen Kolossen näherten, jemehr nahm ihre Grösse ab, und als sie endlich ihrem Wirkungskreise so nahe waren, als es die abhaltenden Platzmachenden Kreaturen zuliessen, so fanden sie zu ihrer grossen Verwunderung, dass es Zwerge waren, Zwerge von der kleinsten Art, die auf unmässig hohen Stelzen daherwandelten. Ihr einziger Zeitvertreib war ein solcher gravitätischer Spatziergang, und ihre ganze Beschäftigung bestund darinne, dass einer den andern durch irgend ein Mittel von seiner Stelze abzuwerfen suchte. Je höher die Stelze ihren Mann emportrug, desto aufmerksamer waren aller Augen auf ihn gerichtet, und desto eifriger waren die Bemühungen, ihn herunterzustürzen. Einige zielten von Ferne mit Steinen und Stangen nach ihm, von welchem jeder, der zu ihrem Ziele geworden war, gewiss allemal Beulen und Quetschungen bekam, wenn er sich auf seiner Stelze im Gleichgewichte erhielt: andre drängten sich so nahe zu ihm, dass sie, wie renomistische Studenten, bei dem Ausschreiten mit den Stelzen zusammenstossen mussten, und wer fiel, – fiel, oft der Angreifer, oft der Angegriffne: noch andre liessen einem so vorzüglich hohen Stelzenzwerge plözlich Steine in den Weg wälzen, die den Zirkel seiner Leibwache so schnell überraschten und mit dahin rissen, dass sie dieselben nicht fortschaffen konnten; und