bis endlich die saiten der hoffnung schlaff wurden, und der Mut gleichfalls. – Trauriges ungerechtes Schicksal! – dabei blieb Akante und beschloss verzweiflend, sich in die See zu stürzen. – Lass mich voran! rief Belphegor. Gab mir die natur das Leben und doch keine Mittel es zu erhalten, so werfe ich die unnütze Last von mir und sterbe. – Mit diesem Worte sprang er unaufgehalten in die Flut: allein ein Rest von Liebe zum Leben oder eine andere Ursache machte, dass er sich unbewusst im wasser, ohne zu sinken, fortarbeitete und nach dem Ufer zuschwamm, wo er ganz durchnässt und kraftlos sich auf das Trockne hinwarf.
Er erholte sich; sein erster blick ging nach Akanten, aber fand sie nicht: er suchte, er rief und fand sie eben so wenig. Nach langem vergeblichem Bemühen blickte er endlich seufzend nach der See hin, als wollte er zum zweitenmale sich ihr übergeben; – siehe! plötzlich wurde er ein Fahrzeug gewahr, das mit etlichen Personen an einer andern Seite des Ufers abfuhr. Er rief, er suchte das Geräusch des Wassers zu überstimmen, es glückte ihm, und man ruderte auf ihn zu. Es war ein Kanot aus einer benachbarten Insel, das ihm wiewohl weigernd einnahm und ihm seine geliebte Akante wiedergab. Sie hatte sich nicht entschliessen können, nach seinem Beispiele ihren Tod in den Wellen zu suchen, war trostlos am Ufer hinaufgeirrt und hatte in einer Bucht das Kanot mit zwei Wilden gefunden, die Muscheln suchten: sie wurde von ihnen aufgenommen, und auf ihr Bitten waren die Wilden Belphegors Geschrei zugerudert, ob sie gleich mehr wünschte als hofte, dass sie seine Errettung bewirken würde, weil er nach aller Wahrscheinlichkeit schon als Leichnam von den Wellen emporgetragen werden musste. Sie liessen sich mit freundschaftlicher Freude fortrudern und liebkosten ihre Erretter mit allen ersinnlichen Zeichen der Dankbarkeit; doch konnten sie nicht den ganzen Rest von Mistrauen auslöschen, der ihrem Geschlechte eigen ist. Die Reise währte lang, und ehe sie sich es versahen, setzten sie ihre Führer unter einem listigen Vorwande an einem weitausgedehnten festen land aus, an welchem sie hinfuhren, worauf sie in ihre Kanote sprangen und mit der grössten Eilfertigkeit hinwegruderten. Die beiden Betrognen riefen ihnen nach, aber vergeblich.
Abermals durch die Bosheit der Menschen unglücklich! sprach Belphegor. Von einem festen land zum andern fortgeschleppt, was haben wir gewonnen? – Dass wir nicht die Vögel jenes Landes, sondern die Raubtiere dieses Bezirkes füttern! – O Akante! welch ein Ungeheuer ist der Mensch! Unbeleidigt, bei den grössten Zeichen des Zutrauens, der Dankbarkeit, der Freundschaft ist er doch, selbst ausser dem stand der Gesellschaft, der harterzigste Feind von jedem, den er nicht kennt. Muss nicht tief in die Seele der Zug der wechselseitigen Feindschaft gegraben sein, wenn er jeden als seinen Gegner behandelt, ihm als seinem Feinde nicht traut, so lange er nicht durch die Bande der Gewohnheit und der Gesellschaft mit ihm verknüpft ist? – O Fromal! du hattest Recht: die Menschen sammelten sich, um sich zu trennen. – Was sollen wir nun, Akante? – Wir wollen uns ins Land wagen; ob uns der Hunger und das unbarmherzige Schicksal im Stillesitzen oder auf dem Marsche aufreibt: gleich viel! Wohlan, wir gehen! –
Akante war es zufrieden: die Reise wurde angetreten, und in wenig Tagen hörten sie das Geschrei von Menschen. – Höre, Freundinn, sagte Belphegor dabei, wohl ist mir beständig in der Einsamkeit: aber so bald ich Menschen merke, so ist mein Wohlsein vorüber: ich erwarte einen Feind. Wir wollen den Rufenden entgehn: eher will ich hier in der Wüste unter Tieren sterben, als unter Menschen leben. –
Plötzlich, als er noch redete, flog langsam ein glänzender goldgelber Vogel nahe vor ihrem gesicht vorbei: seine Federn warfen an der Sonne den Strahl eines Sterns von sich, und ihre Augen waren so sehr davon geblendet, dass sie seine schöne Bildung kaum bemerken konnten. Unmittelbar auf ihm folgte ein Paar nackte Menschen, die keuchend und mit aller Anstrengung des ganzen Körpers ihm nachsetzten, beide Augen unverwandt auf ihn emporgerichtet, ohne neben sich mit Einem Blicke zu schauen. Der Vogel schien zuweilen nur zu schweben und ihre Ankunft zu erwarten: seine Verfolger sammelten ihre letzten Kräfte, eilten hinzu, und kaum glaubten sie mit ihren Fingerspitzen den strahlenvollen Spiegel seines Schwanzes zu berühren, als er langsam fortschwebte und sie entkräftet hinter sich zurückliess. Da das Schauspiel auf einer weiten ausgebreiteten Ebne vor sich ging, so konnten die beiden Zuschauer ungehindert jede Bewegung bemerken. Die Nachsetzenden rafften sich zwar jedesmal, dass ihnen der Vogel einen solchen Betrug spielte, wieder auf und verfolgten ihren Raub von neuem, allein da ihre Kräfte ungleich waren, so kam ihm der eine meistens um etliche Schritte näher als der andre, worüber dieser sich so erbitterte, dass er alle seine Stärke anwandte, jenen Glücklichern von seinem Vorsprunge zurückzuziehn, und da eine solche Aufhaltung gleichfalls Erbitterung erregen musste, so zankten sie sich so lange herum, bis keiner von beiden einen Schritt weiter gehen konnte, oder der Vogel indessen so weit aus dem gesicht gekommen war, dass sich keiner ohne Narrheit die Lust ankommen lassen konnte, seine Beine nach ihm zu ermüden, oder von den übrigen, die in verschiedenen Entfernungen gleichfalls nachfolgten, waren einige so weit zuvorgekommen, dass sie sich unmöglich überholen liessen. So jagten unzählige truppe hinter dem goldnen Gefieder drein