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aber warum musste denn der unglückliche Fali umkommen, der treu für seinen Herrn gefochten und eine niederträchtige Beleidigung nicht als ein feiges Lamm erdulden, sondern den Urheber derselben mutig bestrafen wollte? warum liess da deine Vorsicht nicht lieber den Streich des Fali gelingen, der in seinem Herrn ein grösern Bösewicht gezüchtigt hätte als Edzar war? –

Belphegor wollte antworten, aber sie liess ihn nicht zum Worte: in Einem unaufhaltsamen Strome fuhr sie zu fragen fort. – Warum musste ich, die ich zu dem gottlosen Anschlage hingeschleppt worden war, die ich wie eine leblose Maschine dabei gleichsam fortgestossen wurde, warum musste ich ärger als Edzar, der gottlose Anstifter des Verbrechens, behandelt werden? Mit Einem kurzen Hiebe war sein Leben und seine Marter aus: aber ich Elende wurde von zwei wilden Evnuchen zum Serail unter tausend empfindlichen Hieben hinausgetrieben, dem Schmerze, dem Kummer, der Dürftigkeit und allen nur erdenklichen Unglückseligkeiten übergeben; ich musste vier und zwanzig Stunden lang unter freiem Himmel, allen Unfällen der Witterung ausgesetzt, mit einem von Blute unterlaufnen rücken liegen, durch die Barmherzigkeit eines Fremden in ein Haus gebracht, geheilt und durch seine plözliche Abreise mitten in der Kur dem Elende von neuem ausgesetzt werden, ich musste von Almosen leben und die meiste Zeit hungern, ich musste endlich, um weniger zu hungern, mich der Willkühr eines jeden überlassen und – – hier verstummte sie.

Alles verdiente Strafen! fuhr Belphegor hastig auf, für die lahme Hüfte, die du mir – – hier besann er sich: denn Akante sah ihn sehr ernstaft und bedenklich an; und weil ein Argwohn leicht Gründe zur Gewisheit findet, so erblickte sie, aller Unkenntlichkeit ungeachtet, ungemein viele Aehnlichkeit in den Gesichtszügen des Mannes mit demjenigen, dem sie ehemals lahme Hüften gemacht hatte. Sie hielt es wenigstens der Mühe wert, einem Versuch mit einer Anfrage zu tun; und da ihr ehmaliger Liebhaber ein Bettler war, so konnte sie nichts dabei verlieren, sich ihn unter den Charakter einer Hure darzustellen. Sie sah ihn immer steifer an, sagte die ersten Sylben seines Namens, bis sie ihn ganz heraussprach, und der gute Mann aus angeborner Aufrichtigkeit es ihr länger nicht verhelen konnte, dass ER es war, den sie nannte. Beide, obgleich keins vor dem andern viel voraus hatte, schämten sich mit ihrem Reste von europäischem Gefühle, sich in so traurigem erniedrigendem Zustande widerzufinden. Hätte auch gleich kein Ueberbleibsel von Liebe mitgewirkt, so wäre die Gleichheit des Elends und ihrer Abkunft schon kräftig genug gewesen, sie für einander anziehend zu machen: doch mitten unter den Empfindungen, die ihre Wiedererkennung begleiteten, konnte Akante nicht vergessen, dass ihr bisheriges Ungemach eine Folge von den Hüftenschmerzen sein sollte die sie Belphegorn gemacht hatte, besonders da Leute, die viel gelitten haben, alle Beispiele wider die Billigkeit der Vorsehung begierig auffangen, um sich gleichsam für ihr ausgestandnes Unglück dadurch an ihr zu rächen.

Was? rief sie; so vieles Herzeleid soll ich durch zwei oder drei Ribbenstösse verdient haben, die ich dir, verblendet von unwillkührlicher leidenschaft und von Fromals ruchloser Ermunterung angetrieben, ohne deinen grossen Schaden gab? indessen dass Edzar, dieser überlegene studierte Bösewicht, mit Einem leichten Schwertiebe davon kam, und sein niederträchtiger Herr, der keine Sonne ohne eine Tat der Grausamkeit untergehen liess, noch lebt und in hohem Wohlsein über Persien herrscht? – Welche Proportion? Oder hat vielleicht mein ganzes Geschlecht schon vor der Geburt lahme Hüften gemacht, dass es unter diesem ganzen Himmelsstriche zur elendesten Sklaverei verbannt ist? schon von dem ersten Augenblicke seiner Existenz dazu verdammt ist? Warum ist mein ganzes Geschlecht von ewigen zeiten her der Jochträger des eurigen, eurer Bedürfnisse, eurer Bequemlichkeit, eurer üblen Laune gewesen? Wodurch hat es eine solche Zurücksetzung unter das eurige verdient? – Nichts als seine unglückliche Schwäche warf es in die allgemeine Unterdrückung! Uebersieh alle zeiten und Länder! Musste die Gattung vernünftiger Kreaturen, die ihr in Europa als Engel anbetet und vielleicht durch Schmeicheleien einschläfern wollt, damit sie euch ihre Ueberlegenheit nicht fühlen lassen, der schönste teil der Schöpfung nicht beständig dienen, in jedem verstand dienen? und nicht bloss dienen, sondern der Sklave des rohen grausamen stärkern männlichen sein? Allentalben war dies, den einzigen kleinen Punkt ausgenommen, auf welchem wir das Leben empfiengen, und auch hier noch vor wenigen Jahren. Ihr Männer konntet in der tollsten Raserei zu Tausenden nach einem kleinen Striche steinichten unfruchtbaren Erdreiches laufen17 und Tod und Gefahren in jeder Gestalt entgegengehn; ihr konntet euch um eines leeren Titels, einer einfältigen Grille: eines blendenden Nichts, würgen, zerfetzen, verstümmeln: und doch kam keiner noch auf den edlern Vorsatz, das weibliche Geschlecht in allgemeine Freiheit zu setzen. Schämt euch, ihr Elenden! Um euern verfluchten Durst nach Golde, nach Ländern, Titeln oder andere noch niedrigere Leidenschaften der Rache, der Zanksucht, des Neides zu sättigen, macht ihr, so oft es euch beliebt, die Erde zum Schlachtfelde und wisst euren unmenschlichen Taten tausend schimmernde Mäntel umzuhängen und tausend glänzende Anstriche von Edelmut, Grossmut, Menschenliebe, Patriotismus zu geben: doch für das Geschlecht: das euch mit Schmerzen gebar, wagtet ihr nie einen Schritt! vergosst ihr nie einen Tropfen eures menschenfeindlichen Blutes! Wohl den guten freundlichen Rittern, die während der Barbarei unsers vaterländischen Himmelsstrichs sich über alle Vorteile und Rücksichten des Eigennutzes emporschwangen und mit der Lanze in der Hand, von dem einzigen Triebe der Ehre und Menschenliebe begeistert ausgingen, die Banden der weiblichen Knechtschaft