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seiner anzunehmen, sich nie von ihm zu trennen. Er wusch seine Wunden, verband ihn, so gut er konnte, und trug ihn auf seinen Schultern in ein Dorf, wo sie auf vieles Bitten in einer Scheune beherbergt wurden.

Eine Regel hatte sich Belphegor aus seinen bisherigen Unglücksfällen abgezogen, dass er in die Flamme seines guten empfindungsvollen Herzens eine gute Dosis kühle Vorsicht giessen müsse: er nahm sich auch in völligem Ernste vor, Neid und Unterdrückung ins künftige als blosser Zuschauer zu betrachten, eher an dem Feuer des Unwillens zu ersticken, als es hervorbrechen zu lassen, und wenigstens die innerlichen Teile des Leibes unbeschädigt zu erhalten, da kein äusserliches Glied an ihm war, das nicht Denkmale seines Eifers für die Gerechtigkeit, blaue Flecken, Narben oder Beulen bezeichneten.

Der Mitleidige, der ihm einen Plaz bei sich verstattet und auch zuweilen eine Wohltat mitgeteilt hatte, bot ihm jetzt, da er wieder geheilt war, wie auch seinem gefährten eine Stelle unter seinen Arbeitern an: keiner von beiden schlug das Anerbieten aus, besonders nicht Belphegor, und zwar deswegen, weil er hier weniger Reizungen, sich neue Wunden zu erwerben, zu finden hoffte. Seinen bisherigen Begleiter, Wärter und Freund knüpfte die Dankbarkeit auf das engste mit ihm zusammen, und ihre Freundschaft schien ihnen unzerstörbar, sie war die wärmste, die unverbrüchlichste auf der Weltweil keiner einen Gran Elend oder Glück mehr oder weniger besass als der andre.

Belphegor erhielt bald einen merklichen Vorzug in der Gunst seines neuen Herrn, weil er, seiner Leibesschäden ungeachtet, viel mehr Tätigkeit und Arbeitsamkeit, als sein Freund, bewies. Der Alte erkannte es mit freudigem Danke, dass er sich um seines Nutzens willen zu tod arbeiten wollte, und ging damit um, ihm zu Belohnung seiner nützlichen Dienste, nach Labans löblichem Beispiele, seine einzige Tochter in die arme zu werfenein dickes rundes wohlbeleibtes Mädchen, das alle Sonntage einen vollwichtigen Doppeldukaten mit Kaiser Karl des sechsten Bildnisse an dem gelben Halse trug, zwei Hemde und einen ungeflickten Rock besass, da das ganze übrige Dorf Winter und Sommer halbnackt ging. Ehe Belphegor diese wohlgemeinte Absicht erfuhr, kam sein Freund dahinter. Er fühlte sogleich, als ihm das nahe Glück seines Freundes bekannt wurde, eine so starke Revolution in der Galle, dass er augenblicklich seinen Herrn aufsuchte und ihm hinterbrachte, er habe vor ein Paar Minuten Belphegorn und die tugendreiche Tochter vom haus hinter einem Heuschober in einer so vertraulichen inbrünstigen Vereinigung gesehen, dass er dieser seiner Aussage gewiss Glauben beimessen würde, wenn er drei Vierteljahre auf den Beweis warten wollte. Der Alte, dem die Keuschheit seiner Tochter am Herzen lag, und der ohne grosse Not weder göttliche noch menschliche gesetz gern brach, noch brechen liess, brannte von Wut, rennte nach dem Orte zu, wo er Belphegorn zu treffen glaubte, fand ihn bei der Arbeit, ergriff eine Heugabel und rennte ihm von hinten zu alle drei Zinken in das dicke Bein, stach ihm eben so viele Löcher in den Kopf und schlug ihm das linke Bein einmal entzwei. Zwo Stunden darauf liess er den Bader kommen und ihn vom Kopf bis auf die Füsse wieder ausflicken, um nicht von der Gerechtigkeit des Orts dazu angehalten zu werden: da er wieder ausgebessert war, nahm er eine Peitsche und gab ihm mit fünf und zwanzig wohlgezählten Hieben seine Entlassung, und mit einem kräftigen Fluche ein Empfehlungsschreiben an den Teufel auf den Weg. Belphegor nahm von seinem Freunde beweglichen Abschied, und dieser bekam den Tag darauf die dicke Rahel mit allen Pertinentien in rechtmässigen ehelichen Besiz.

Diesmal konnte sich es Belphegor mit dem grössten Eide versichern, dass ihm sein gutes Herz nicht den Kopf zerlöchert hatte: eigentlich wusste er gar nicht und erfuhr auch niemals, warum ihm ein so schmerzhafter Abschied erteilt wurde. – Demungeachtet, sagte er, will ich auf meiner Hut sein und mich von meiner Hitze nicht hinreissen lassen, wenn man gleich Millionen Menschen vor meinen Augen zerhackte und in Blute kochte.

Er litt viele Tage Hunger, weil auf dem ganzen Striche, wo er ging, alle Dörfer verbrannt, die Einwohner niedergesäbelt oder betteln gegangen waren. Der Nachbar des Landes hatte einen Einfall in dasselbe getan und viertausend Stück Schafe, die es mehr ernährte als das seinige, aufspeisen lassen: bei der gelegenheit hatte man statt des Freudenfeuers über erlangten Sieg ein Dutzend Dörfer angezündet.

Belphegor fand einen von den Kriegsmännern, die bei diesem Treffen sich Heldenlorbern erfochten hatten, an einem kleinen Bache, wo er sich seine Wunden wusch. Er sezte sich zu ihm und machte ihm ein sehr rednerisches Bild von der Verwüstung und dem Elende, das er unterwegs angetroffen hatte, das der andre mit einem stolzen Lächeln anhörte. – Ja, heute sind wir brav gewesen, sprach er und strich den Bart. – Aber um des himmels willen, rief Belphegor vor Hitze zitternd, wer gab Euch denn das Recht, so viele Leute unglücklich zu machen? –

Der Krieg! brüllte der Soldat.

"Und wer gab Euch denn das Recht zum Kriege? –

Die Leute leben hier zu land, wie im Paradiese, schwelgen und schmausen. Wir haben zwölfmalhunderttausend geübte arme, und unsre Feinde kaum sechstausend: wir müssen ihnen die sündliche Lustigkeit vertreiben.

Und also, ihr Barbaren, ist eure Uebermacht das Recht, eurem Neide so viele Unschuldige aufzuopfern? – Ist das euer Recht? –

Kerl! du bist nicht richtig im kopf; du phantasirst; so ungereimtes Zeug schwatzest