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ein Paar elende Goldstücke bei dem Handel gewinnen konnte. Mein neuer Herr nahm mich in sein Serail und verkaufte mich in etlichen Wochen an MULAI JASSEM, einen Handelsmann aus Antiochien; MULAI JASSEM verkaufte mich an ABI NIZZA nach Bagdad; ABI NIZZA überliess mich seinem Bruder, dem ABI ESSER: ABI ESSER, ein aufbrausender Mann, ward zornig auf mich, warf mich zum haus hinaus, liess mich wieder zurückholen, um mir hundert Peitschenhiebe mitzuteilen, und vertauschte mich gegen ein schönes kastanienbraunes Pferd an einen Franken,16 der mich endlich in die hände eines persischen Herrn brachte, eines der mächtigsten Herrn im Königreiche; und ich wurde unter die Zahl seiner Beischläferinnen aufgenommen. Ob er gleich aus besonderen Absichten nur zwei Weiber hatte, so war doch sein Haus ein beständiger Schauplatz des Zanks und Tumultes: es teilte sich in zwo Faktionen, die einander tödtlich hassten und mit aller Erfindungskraft auf Mittel sannen, ihren Hass zur Tätlichkeit werden zu lassen: Sklaven, Sklavinnen, alles hatte den Groll von seiner Gebieterinn angenommen und verfolgte sich, als wenn es seine eigne Angelegenheit wäre. Vorzüglich äusserte sich diese Feindschaft bei der Geburt eines Kindes; die eine von den beiden Weibern war ganz unfruchtbar, und die andre hingegen hatte ihrem Herrn schon drei Kinder geboren: ein solcher Vorzug war des bittersten Neides wert. Als diese glückliche zum viertenmale niederkam, so biss sich ihre Neiderinn vor Zorn und Unwillen bei der ersten Nachricht davon so heftig in die Unterlippe, dass man sie ablösen musste, um eine Entzündung des ganzen Gesichts zu verhindern. Kaum hatte sie den Schmerz ausgestanden, als ihr die Rachsucht den grausamen Entschluss eingab, die Wöchnerinn nebst ihrer Frucht im Bette zu verbrennen: sie gab ihrer Partei Befehl dazu, die mit der grössten Bereitwilligkeit eilte, ihn zu vollstrecken. Im Augenblick loderten die Flammen in ihrem Zimmer und allen Ecken hervor, ergriffen die nächst daran stossenden, verbreiteten sich weiter, und in wenig Minuten war der ganze Palast in Rauch und Flammen gehüllt: man rettete sich, wie man konnte, und mit dem grössten Teile der Sklavinnen entlief ich, um ein leichter Joch zu finden, als das wir bei unserm gegenwärtigen Tyrannen zu tragen hatten: doch wir wurden von etlichen Verschnittnen eingeholt, gemustert und bis auf eine kleine Anzahl verkauft, bei welcher gelegenheit ich in die hände des grossen mächtigen FALI geriet, um die Aufwärterinn einer seiner Beischläferinnen zu werden. Er hatte dem Sultan, seinem Herrn, wichtige Dienste im Kriege getan und noch vor kurzem etliche Provinzen erobert, weswegen ihm sein Herr mit vieler achtung und Schonung begegnete. Einer von den Feldherren, der mit ihm eine gleich lange Zeit gedient hatte und es höchst übel empfand, dass ihm das Glück weniger gewogen war und ihn etliche Stufen niedriger in der Gunst seines Despoten sitzen liess, hielt sich für verpflichtet, einen solchen Mann zu hassen, zu verfolgen, und wo möglich, unter sich zu erniedrigen. Er suchte jede gelegenheit anzuwenden, ihn seinem Herrn verdächtig zu machen; und keine glückte ihm. Seine Missgunst stieg zu einer solchen Höhe, dass es ihm genug war, seinen Nebenbuhler zu stürzen, wenn er gleich selbst in seinen Fall mit hinabgezogen werden sollte. Unter den vielen fehlgeschlagenen Listen erfand er endlich eine glückliche, wobei ICH die Hauptrolle spielte.

Als ich eines Tages dicht an den Mauern des Harems Feldblumen für meine Gebieterinn suchen musste, so näherte sich mir ein alter Evnuche und versprach mir gleich bei der ersten Anrede, mein Glück auf ewig zu machen, wenn ich mich in ein Verständniss von der äussersten Wichtigkeit mit ihm einlassen wollte. Ich wurde neugierig, und er verlangte von mir, dass ich mich schlechterdings in die Gunst des FALI einschmeicheln und zu der Ehrenstelle einer wirklichen Beischläferinn erheben lassen müsste. Wie kann ich das? fragte ich. – dafür lass mich sorgen! war seine Antwort: gieb mir nur dein Wort, dass du dich zu allen Schritten, die die Sache erfodert, gehorsam bequemen willst, ohne jemals zurückzuweichen oder furchtsam vor Schwierigkeiten zu erschrecken, die sich dir in Menge entgegenstellen werden. Ueberlass dich meiner Führung, und folge an meinem arme jeder meiner Bewegungen ohne Widerstreben nach! In wenig Wochen sollst du im Triumphe auf dem Gipfel stehen, von welchem deine Gebieterinn jetzt auf dich herabsieht. – Ich versprach, ihm in allem zu gehorsamen: und sogleich verliess er mich, ohne mir das mindeste von dem Gange seines Anschlags zu entdecken. Ich war erstaunt, ich sann nach, und ging voll unruhiger Erwartung und Erstaunen mit meinen Blumen in den Palast zurück. Ich musste jeden der folgenden Tage Blumen suchen; ich glaubte jedesmal den alten Evnuchen zu finden, um etwas bestimmteres von meinem bevorstehenden Glücke zu erfahren: allein statt seiner kam den dritten Tag der grosse Fali und eine kleine Weile darauf der alte Evnuche, der uns aber bald wieder verliess, nachdem er mir einen verstohlnen Wink gegeben hatte, die gelegenheit zu nützen. Ich nahm die schönste unter meinen Blumen, überreichte sie ihm demütig und warf mich vor ihm nieder. Herr, sprach ich, siehe in Gnaden das geringe Geschenk deiner Magd an und verschmähe nicht die Gabe ihrer hände! – Er befahl mir aufzusehn, und versicherte mich sehr freundlich, dass ich Gnade vor seinen Augen gefunden hätte, worauf er mir zu meiner Arbeit zurückzukehren gebot und mich verliess. Ich pflückte gedankenvoll weiter und fand in diesem Rätsel alles unauflöslich: ich brachte vier und zwanzig Stunden in der quälendsten Ungewisheit zu, bis