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, das Palet ergriffen und das Ganze meisterlich ausgeführt. Belphegor konnte etwas zeichnen und sein Gefährte hatte es ehemals gekonnt: dieser wenigen Talente ungeachtet, brachten sie doch ein Werk zu stand, dem man wenigstens mit hülfe einer deutlichen Erklärung ansehn konnte, was der Künstler auszudrücken gemeint gewesen war. Dies Meisterstück der Kunst wurde auf Stangen zusammengerollt getragen und jedem neugierigen Auge zur Ansicht geöfnet, sobald dafür etwas bezahlt war.

Ein neues Hinderniss! Beide waren nicht stark genug in der Landessprache, um ihr Gemälde mit der gehörigen Flüchtigkeit der Zunge redend zu machen: und gleichwohl war eine wörtliche Erklärung mehr als Licht und Schatten in ihrem Werke. Sie machten indessen einen Versuch. Belphegor erzählte in dem nächsten dorf den erstaunenden Zuhörern mit lauter stimme von dem Wütrich, dem bekannten Alexander, der ganz Persien bezwungen, und versprach ihnen zu zeigen, wie dieser Erzfeind des persischen Namens nach seinem tod zur verdienten Strafe gezogen, wie sein Körper zerstückt und in die niedrigsten Gestalten verwandelt worden, und wie er zulezt mit seinem übermütigen Stolze sei gebraucht worden, um ein Mauslöchlein zuzustopfen u.s.f.

Niemand wusste etwas von diesem Blutunde, dem Alexander: den Ali kennen wir wohl, sagten die Anwesenden, welcher hochgelobt und gepreist sei. Andre glaubten, dass er den Ali lästern und von ihm so schändliche Aergerlichkeiten erzählen wolle. Diese machten dem Schauspiele ein plözliches Ende, huben Steine auf und bombardirten auf Gemälde und Künstler los, dass beide nicht ohne Löcher davon kamen: sie ergriffen die Flucht und besserten, als sie sich in Sicherheit sahen, Tapete und Malerei wieder aus.

Die Leute sind hier zu devot, sagte Belphegor. Freilich muss man Plätze suchen, wo schon ein gewisser Luxus herrscht, und wo die Menschen nicht mit ihren Bedürfnissen zu sehr beschäftigt sind, um am Vergnügen Geschmack zu finden. Dummheit und Devotion müssen Leute, die für den Geschmack und die Philosophie arbeiten, wie das Feuer vermeiden.

Sie gingen in eine kleine Stadt, aber auch hier wusste niemand etwas von dem grossen Alexander, doch sah man, um das Bedürfniss der Langeweile zu befriedigen, die wunderbaren Schicksale des toten Halbgottes auf der Leinwand an. Sie schauten also erstlich: wie dem seinwollenden Halbgott Alexander und grossen Menschenwürger die Würmer aufm Leib herummarschiren und jedes sein Portionlein abzwackt. – Ferner schauten sie: wie von dem grossen Alexander und Erzfeind der Perser ein teil in den Magen eines Schweins übergeht. – Die idee, sieht man wohl, war sehr moralisch, und Belphegor bedeutete sein Auditorium dabei, dass die Teilchen Materie, die ehemals den Alexander ausmachten, als er Persien schändlicher Weise bekriegte, nach seinem tod zerflogen und verschiedenen Menschen, Pflanzen und Tieren zu teil geworden wären. Er liess daher seinen Helden unter einer Eiche begraben liegen, seine Bestandteile in den Baum aufsteigen und zu Eicheln werden, dann unter dieser Gestalt in den Magen einer Sau hinuntersteigen, von dieser seinen Ausgang nehmen, einen Fleck düngen, zu Flachse aufwachsen und in dieser Form von einem alten babylonischen weib gebraucht werden, um ein Mäuseloch zu verstopfen. Auf ähnliche Weise musste ein andrer Trupp von seinen Bestandteilen eine Reise tun, so ein dritter und noch mehrere, und jede Reise endigte sich mit einer höchstunangenehmen Herberge. – So viel sinnreiches und wahres die Erfindung auch entielt, so konnten die Einwohner doch nicht viel Belustigung daran finden, weil sie nichts davon begriffen; besonders wollten sie nichts mit dem Alexander zu tun haben, der nie einem unter ihnen den Kopf entzwei geschlagen hatte, und ihnen also auch nicht bekannt war: der Gewinnst war ungemein geringe.

Sie machten einen dritten Versuch in einer grösseren Stadt: abermals Unwissenheit! keine Seele wusste nur Eine Sylbe vom Alexander; man konnte ihn nicht einmal aussprechen. Sie stellten sich auf einen Marktplatz, wo das Volk sich um einen Gaukler aufmerksam versammelt hatte, den es aber sogleich haufenweise um der Neuheit willen verliess, als die beiden Europäer ihre Stangen hoch in die Luft aufrichteten. Man wurde durch den Anblick der Gemälde nicht sonderlich ergötzt, man gähnte: indessen hatte der Gaukler es doch einmal übel genommen, dass er durch die Ankunft dieser Leute einen Verlust an Zuschauern erlitte; er hörte also kaum die erste Sylbe von dem Namen des Alexanders, als er, um sich zu rächen, unter die Menge das Gerüchte ausstreute, dass diese Ruchlosen den grossen Propheten Ali verspotten und lächerlich machen wollten: das Volk, das ohnehin wegen seiner betrognen Erwartung wider die Europäer eingenommen war, fing bald Feuer, gab eine Salve Steine und Knittel auf die Gemälde, stürmte darauf loss, eroberte und vernichtete es unter dem lautesten jubel. Ein Glück war es, dass der Pöbel gelegenheit fand, seine Wut an der fühllosen Leinwand zu sättigen: denn während dieser Raserei erwischten die beiden Europäer eine Oeffnung in dem Gedränge, durch welche sie wohlbedächtig hindurchkrochen und mit leidlich heilen Gliedmassen zum ersten Tore hinausliefen.

O wohnung des Neides und des Unglücks! rief Belphegor; hässliche Erde! Auch in dem niedrigsten Gewerbe ist Krieg! findet sich gelegenheit für Menschen, einander missgünstig zu verfolgen! O Erde, du wohnung des Neides! – Freund! was sollen wir nun tun? –

Betteln! sagte der Gefährte seines Unglücks.

Betteln! schrie Belphegor und seufzte. –

Nicht anders! Weg mit dem Stolze! Unverschämteit her! das ist jetzt unsre notwendigste Brustwehr.

Belphegor stiess einen Valetseufzer an den Stolz aus, liess sich von seinem Freunde die Haare abschneiden und wanderte mit