sich zu freuen, dass man ein Mensch ist, um sich und seinem Geschlechte Würde zu geben, um auf seine natur stolz zu sein, muss man sich illudiren:
man muss die Augen verschliessen, keinen blick ausser sich tun, und dann in süssen Schwärmereien dahinträumen. Jetzt, da meine ganze Seele von ihrer Höhe und anschauenden Kraft heruntergesunken ist, jetzt will sie nicht mehr träumen: aber wohl mir! ich werde bald zu einem andern Traume hinüberschlummern. –
O edler Mann! unterbrach ihn Belphegor; ich habe ebenfalls in deinem Traume gelegen, aber das Schicksal und Akante verscheuchten ihn; und seitdem habe ich gesehen! gesehen und gelitten! Ich mischte mich in das Gedränge und –
"Und du bekamst Wunden und Beulen an Ehre, Vermögen und gutem Namen!"
Noch mehr! kein Fleck ist an meinem Körper, den nicht eine Narbe brandmarkt! und wenn ich aus dem Getümmel zur Stille kam, so verwundeten die grässlichsten Vorstellungen meine Seele: die Welt sollte mir eine friedliche wohnung glücklicher Kreaturen sein, und die Erfahrung stellte sie mir als eine Höle auflauernder Räuber vor: in dem Menschen wollte ich einen guten freundlichen Bruder finden, und ich fand einen eigennützigen habsüchtigen Wolf. –
"Lieber Fremdling! wenn du mit dem blossen inneren Geistesauge die Erde übersiehst, so findest du ein gewisses Leere, ein gewisses Geistliche darinne, das dir ekelt, dass du sie ein fades Werk nennen musst; gleichwohl ist es dein Beruf auf ihr zu leben. Um das zu können, finde ich nur zwei Wege: entweder stürze dich in das Gewirre, das Getümmel der Freuden, der Geschäfte, des allgemeinen Streites des Eigennutzes, ficht, siege oder stirb! Lass dich in dem Wirbel des Taumels herumdrehen, ohne zu denken, ohne anders als über die Oberfläche der Dinge zu reflektiren: zum ruhigen stillen Anschauen der Sachen, zum Eindringen in sie lass es nie kommen! Lebe, wie die meisten Einwohner der Welt leben, das heisst, komme nie zu dem Grade des Nachdenkens, wo du mehr als einen kleinen Zirkel der Welt überschaust, siehe nicht über dich und deinen Nutzen hinweg! Sei ein menschliches Tier, kein menschlicher Geist! – Oder wähle den andern Weg: reisse dich von allen Banden loss, die dich an die Menschen fesseln, existire nur in deiner Seele, vergrabe dich in ruhige einsame Stille! und dann alle Fittige deiner Einbildungskraft und Empfindung angespannt! lass sie fliegen so hoch sie die Luft trägt, bis zum Aeter! überlass dich ganz den süssesten Illusionen,14 die die Menschheit ersinnen mag, dem Glauben an Vorsicht, Unsterblichkeit und Erhabenheit der Seele: setze deine natur und also auch dich selbst auf die höchste Staffel der Wesen, rücke sie der Gotteit nahe: weide dich an diesen Schauspielen der Imagination und der Empfindung: sei mehr Geist als Tier, lebe mehr in der idee als in der Wirklichkeit und kenne nichts auf der Erde ausser dir! – Einer von beiden Wegen muss dich zur Glückseligkeit führen: du musst entweder mit der Welt rasen, oder dich von ihr trennen! Der denkende Mann, mit starkempfindendem herz, der nur zuweilen sich in ihr Spiel mischt und nur selten eine Karte zugiebt, der verliert allzeit an seiner Ruhe, besonders wenn er jedesmal den Fuss zurückzieht und nachdenkt und vergleicht und erwägt. – Ich betrat den zweiten Pfad: dich stiess das Schicksal auf den ersten, aber du verliessest ihn, wie ich merke, du irrtest von einem zum andern, du wolltest rasen und auch vernünftig sein; und siehe! die Stunden der Vernunft, des Nachdenkens wurden für dich Stunden der Angst, der Beunruhigung." –
Weiser, ehrwürdiger Mann! rief Belphegor entflammt, führe mich auf den Weg meiner ersten Jugend zurück, in die Gefilde der Einbildung, in welchen du bisher gewandelt hast! Ich bleibe bei dir: ich baue statt deiner das Feld und erarbeite meine und deine Nahrung: wenn der Abend mir den Schweis abkühlt, dann sitze ich mit dir unter dem Schatten dieser Zypressen und schwärme mit dir in bilderreichem Nachdenken und süssen Grillen herum; wir träumen wachend über unser Selbst, du lehrst mich deine alte Erfahrung, wir leben in uns, mit uns, und denken nicht Eine Minute daran, ob Kreaturen, die sich mit uns zu Einer Art rechnen, ausser unsern Bergen einander zerfleischen, würgen, braten, rösten, essen. Wehe euch, ihr Freunde, dass ihr noch auf der ofnen See der Welt herumgeworfen werdet, noch nicht wenigstens eine kleine Bucht gefunden habt, die euch vor den Gefahren sicherte, wenn ihr gleich das tolle Spiel der Welt mit ansehn müsstet. – O wüsstet ihr, welchen Hafen ich hier entdeckt habe, der mich vor Stürmen, selbst vor dem Anblicke der Stürme verbirgt, wie würdet ihr über mein Glück frohlocken und eilen, es mit zu geniessen! kommt, kommt! Meine arme sind offen, weit ausgebreitet, euch zu empfangen! Hier wollen wir in seliger Entzückung, wie gekrönte Streiter, die Wunden zählen, die wir erfochten haben. –
Die Freude riss ihn so heftig hin, dass er den Alten umarmte, küsste und nicht aus seinen Armen lassen wollte. Mitten unter diesen Freudensbezeugungen hub sich der Alte empor und sprach mit ernster Mine: Freund, noch eine Pflicht ist mir übrig – eine traurige aber doch süsse Pflicht: begleite mich! Du kanst empfinden; Du wirst also kein überflüssiger, kein müssiger Zeuge davon sein