und stritt mit mir selbst. – Gütiger Gott! rief ich endlich und sank auf meine Kniee, konntest du den Menschen so schaffen, dass notwendig einer mit dem andern nicht gleichförmig denken musste, und dass doch gleichwohl jeder sich für den einzigen Besitzer der Wahrheit hielt, konntest du zulassen, dass einer den andern zu seiner Meinung zwingen wollte; warum solltest du es mir als ein Verbrechen anrechnen, wenn ich den Gesetzen deiner Einrichtung folge, wenn ich, der Schwächre, dem Stärkern mich unterwerfe und in die Anordnung füge, die von Ewigkeit her in deiner Welt geherrscht hat – dass der Schwächre Unrecht behielt, tun und selbst glauben musste, was der Stärkre zu glauben gebot. Glauben kann ich nicht: aber um drei Menschen aus einem martervollen Leben zu erlösen, um sie nicht ewig in Banden seufzen zu lassen, um sie der Glückseligkeit fähiger zu machen, wozu du doch jedes geschöpf auf diese Erde, nach unsrer aller Gefühle, gesetzt haben willst – kann ich nicht um solcher edlen Endzwecke willen, die dein eigner Wille sein und deine Billigung haben müssen, den Stärkern ohne Sünde betriegen, tun als wenn ich das Joch seiner Meinung annähme, und bleiben, was ich meiner Einsicht nach sein muss? Nach den nämlichen Gesetzen der natur, die meine Seele befolgt, wenn sie meine Meinung für wahr erkennt, handelt auch die seinige, wenn sie der ihrigen anhängt: du hast uns einmal so angelegt, dass unser Glaube von erlernten Vorurteilen, Leidenschaften, unmerkbaren Neigungen und Trieben, wie eine Marionette, regiert werden soll, was kann ICH dafür, dass mich die meinigen zur Linken ziehen, und meine Feinde zur Rechten? Noch mehr! was kann ICH dafür, dass meine Gegner die Stärke haben, mich nach ihrer Richtung hinzureissen oder zu würgen? – Ich schwöre: wer von uns beiden Recht hat, weisst DU nur, du Richter der Welt: du willst es nicht unmittelbar entscheiden; ich bleibe also bei der Wahrheit, die mir die notwendigkeit des Schicksals als Wahrheit aufgedrungen hat, und entsage ihr mit dem mund, weil ebendieselbe notwendigkeit der Stärkern mich dazu zwingen lässt. Wohl! mein Meineid muss das edelste Werk sein; denn es rettet drei zur Glückseligkeit bestimmte Geschöpfe vom Elende.
– Und du schwurst? fragte Belphegor. –
Ja, ich tat es! und mein Gewissen hat mir noch nie einen Vorwurf darüber gemacht: ich glaube, ich tat die nützlichste, die beste Tat. Sie machte mich und meine Familie frei, sie brachte uns der Möglichkeit, nicht unglücklich zu sein, näher: was konnte ich mehr? – dass meine Absicht nicht erreicht wurde, dass wir einem Unglücke entgingen, um in ein andres zu fallen, war das meine Schuld?
Und, guter Mann, noch kamst du nicht zur Ruhe? unterbrach ihn Belphegor. –
Nein, ich wurde herumgetrieben. Der Glaube der Europäer war damals in einer allgemeinen Gährung: niemand glaubte als was er musste, und wenige glaubten, was sie bekannten. Nirgends konnte man neutral sein: allentalben wurde man in den Krieg verwikkelt. Meine Melancholie erneuerte sich: die düstre Vorstellung, dass ich, ein geschöpf, das sich dem Engel gleich dünkte, nicht die Glückseligkeit des niedrigsten Insekts geniessen sollte, dass meine Brüder um mich herum sich zerfleischten, erwürgten, elend machten, dass sie, wie Raubtiere, einander aufrieben, eins der entschlossne Feind des andern war und nur Gelegenheiten, untriftige Gelegenheiten ablauerte, um die Feindschaft in Tätlichkeit ausbrechen zu lassen – die noch schwärzere Vorstellung, dass dies der ewige Lauf der Menschheit gewesen war, womit sich tausend andre Ideen vergesellschafteten, die mir dieses Leben und unsern ganzen Planeten wild, öde, düster, neblicht abmalten – ein Gemälde, das nicht bloss in meiner Einbildungskraft wohnte, sondern das ich in der Wirklichkeit um mich, hinter und vor mir erblickte, so bald ich nur Einen blick aus mir selbst tat! – alle diese melancholischen Gedanken machten meine längstgefasste Neigung zur Einsamkeit wirksam: ich beschloss, ausser der Welt zu sein, bloss in meiner Einbildungskraft zu existiren, für mich und meine Familie zu leben. Ich unternahm mit einem Kaufmanne, der Geschäfte in Persien hatte, die Reise, suchte den abgelegensten Winkel und suchte so lange, bis ich diesen Plaz fand, wo mein Haupt grau geworden und meine Schläfen eingesunken sind. Mein Gefährte war unglücklich in seinen Geschäften, wurde geplündert, entfloh mit Mühe den Händen der Barbaren, die ihn zerstücken wollten, fluchte der Welt und begab sich mit zwei seiner gefährten zu meiner Gesellschaft. WIR haben diesen Platz angebauet, bepflanzt, wir haben uns in kleine Gesellschaften geteilt; wir haben glücklich, ruhig und im Frieden zusammen gelebt, weil wir klein an Anzahl und unsre Nahrung hinreichend war: aber fürchterliche Aussicht, wenn dieser kleine Trupp zu einer Grösse anwachsen sollte, die den Eigennutz anfachen und die schöne Ruhe dieses Winkels in eine kriegerische Scene verwandeln würde! Aber vielleicht sehe ich noch selbst den Tod diesen ganzen Schauplatz leer machen, und dann möge ein andrer tugendhafter Trupp ihn finden und bewohnen, aber nie zu einem volk werden! – Freund! ich habe es dahin gebracht, wohin ich wünschte: ich habe mir in meinem kopf den Menschen zu den Vollkommenheiten eines höhern Geistes erhoben, ich liess ihn in dieser glücklichen Illusion mit den Geschöpfen der höchsten Ordnung wetteifern, ich liebte diese idee, ward stolz darauf und war – glücklich. Um in dieser Welt