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mit herumhängenden Haaren, roten aufgeschwollnen Augenliedern, in offner flatternder Kleidung, mit blossen Füssen kam sie in dem fürchterlichsten Regenwetter eines Abends auf meine stube, als ich tiefsinnig über Mittel, sie zu retten, nachdachte. Sie fiel auf die Kniee, sie flehte mich um meinen Beistand an: ich erkannte sie nicht, so sehr war sie entstellt, und so wenig liess mich die Betäubung des Schreckens meine Sinne gebrauchen. Sie stürmte, wie unsinnig, auf mich los; und noch kannte ich sie nicht, bis sie ihren Namen nennte, bis sie an meine Liebe mich erinnerteda erwachte ich, aber nur wenige Augenblicke, um desto länger mit allen meinen Kräften niederzusinken. Ihr Bild erschütterte mich bis in das Mark; in einer todtenähnlichen Fühllosigkeit sass ich da: ich glaube, wir wären zu Monumenten unsers eignen Kummers versteinert, wenn uns nicht mein Nachbar, der neben meiner stube wohnte und über die Stille, die so plötzlich das lauteste Wehklagen unterbrach, erstaunt war, durch seine Dazwischenkunft getrennt hätte. Er hatte Kaltblütigkeit genug, unsrer Sinnlosigkeit durch gesunde überlegung zu hülfe zu kommen: er schlug der unglücklichen Entlaufnen einen Zufluchtsort vor, wo sie weder Mann noch gesetz wiederfinden sollten.

Es geschah; und ich beschloss, mich von meinen lästigen Geschäften loszureissen, mein Vermögen heimlich aus dem land zu bringen und mich in einer hinlänglich sichern Entfernung mit ihr niederzulassen: ich wäre nicht stark genug gewesen, ein solches Projekt zu bewerkstelligen, aber mein Freund unterstützte mich. In einiger Zeit war alles vorbereitet, der Tag bestimmt, und ich eilte, meinen Anschlag ins Werk zu setzen. Ich komme in das Haus, wo ich sie abholen sollte, und wohin ich, seit ihrem Eintritte darein, nicht gehen durfte; ich finde sie voller Erwartung und Zittern in den Armen eines Frauenzimmers, die vor Verwundrung oder Schrecken zusammenfuhr, als ich hineintrat. Meine Aufmerksamkeit war auf mein Vorhaben zu sehr geheftet, um sie mehr als flüchtig zu übersehn: ich bot meiner Lucie schon die Hand, um mit ihr fortzugehn, als mir ihre bisherige Beschützerinn die andre ergriff, und in der Sprache meines Vaterlandes mir die geschichte meines Lebens und meiner Liebe bis zu meiner Flucht aus Frankreich erzählte, und zuletzt mich fragte, ob ich mich dazu bekennen wollte. Ich erstaunte, dass sie alles dies wissen konnte, und noch mehr, als ich in ihrmeine S * * fand. Gütiger Gott! welche Begebenheit! Zu einer Zeit sie wieder zu finden, wo mein Herz schon ganz an ein andres geknüpft war! Die Liebe zu ihr war zwar durch die Länge der Zeit verdunkelt, aber ihr Andenken kehrte doch stark genug in mich zurück, um mich in einen Streit mit mir selbst zu versetzen. Ohne Anstand sprach sie mich, da sie meine Verlegenheit gewahr wurde, von meiner ersten Verbindung frei und kam mit mir überein, meine Liebe in Freundschaft zu verwandeln, die Alter und Zeit bei ihr von der ehemaligen Wärme zu einer kältern Gesetzteit herbeigebracht hätten. Sie begleitete uns eine kleine Strecke; in kurzem war ich mit meiner Lucie an Ort und Stelle und gleich darauf ihr Mann.

Ich hatte die Verwegenheit, in mein Vaterland nach einiger Zeit zurückzugehn, mich um Gelder zu bewerben, die ich dort zurückgelassen und in den Händen meiner Anverwandten glaubte: doch wie betrog ich mich! Der Sturm der Verfolgung hatte aufgehört zu wüten, aber sie wütete noch durch die gesetz. Allentalben fand ich noch Spuren der Unmenschlichkeit, allentalben hörte ich die vergangnen Gräuel noch erzählen, bald im triumphirenden, bald im klagenden Tone. Meine Mitbrüder, die sich noch heimlich dort aufhielten, zogen mich mit aller Mühe von dem Ansuchen um mein Rückgelassnes ab; aber sie konnten mich nicht zurückhalten. Ich erlangte nichts und brachte mich durch meine Zudringlichkeit ins gefängnis. Meine Frau und meine beiden Töchter, die mir jetzt das Alter und die Einsamkeit versüssen, befanden sich in der kläglichsten Lage: sie mussten sich im Verborgnen bei einem meiner guterzigen Anverwandten aufhalten, der mit der Grimasse ein Katolik und im Herzen der aufrichtigste Hugenott war, und mich der Willkühr einer blinden zelotischen Justiz überlassen, oder sich entdecken und mit mir zugleich dem Aberglauben aufopfern wollte. Gütiger Gott! wie wir litten! wie ich in meinem Kerker seufzte! Ich war schon beinahe von meinem Schmerze aufgezehrt und tröstete mich mit meinem nahen Ende, ich war schon gegen alle Vorstellungen von den künftigen Unglückseligkeiten meiner Familie abgehärtet, als ich plötzlich die entsetzlichste Nachricht erhielt, dass meine Frau und Kinder in dem Gefängnisse neben mir schmachteten. Auf einmal stürzten alle meine schlafenden Empfindungen, wie ein Donnerwetter, über mich her und warfen Besonnenheit, Leben und alle Kräfte darnieder: ohnmächtig lag ich da, und mein Wärter hielt mich für tot.

Als ich wieder zu mir zurückkam, verlangte ich nichts so angelegentlich, als meine Familie ein einziges Mal zu umarmen und dann zu sterben: diese Güte war zu gross, um sie mir nicht zu verweigern: meine grausamen Richter schlugen sie nicht allein ab, sondern setzten sogar die grausame Bedingung hinzu, dass ich, um sie nur zu sehen, um nicht sie und mich auf ewig den Ketten zu überliefern, in vier und zwanzig Stunden das Bekenntniss meiner Väter abschwören und in den Schoos der Kirche, dieser verfolgenden Kirche, als in den Schoos einer Mutter zurückgehn müsste. Alles setzte mir zu, eine Heuchelei zu begehn, um einer Grausamkeit auszuweichen. Ich überlegte und überlegte, kämpfte