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sie desto ergrimmter, liessen das gemishandelte Mädchen liegen und griffen ihren Helfer an, dem sie ein Auge ausschlugen, einen Finger quetschten und die Backen mit ihren Nägeln meisterlich bezeichneten. Oben drein wurde er noch nebst der Grazie, die er beschützen wollte, von den dastehenden Gerechtigkeitspflegern in Verhaft genommen, die um so viel erbitterter auf ihn waren, weil er ihnen eine Lust verdorben hatte, und an die herrschaft des Mädchens ausgeliefert.

Durch einen glücklichen Zufall war es veranstaltet worden, dass gerade damals zwischen den beiden Monarchen, demjenigen, welchem sie übergeben, und demjenigen, von welchem sie ausgeliefert wurden, eine Zwistigkeit herrschte, die oft in einen Privatkrieg ausbrachwie er nämlich nach Einführung des Landfriedens Statt findet. Eine von den beiden Damen dieser Herren hatte bei einer Feierlichkeit, die die ganze schöne Welt der dasigen Gegend durch ihre Gegenwart verherrlichte, an der andern, die eine ganze Stufe im Range unter ihr war, einen Halsschmuck wahrgenommen, dessen Anblick ihr sogleich alle Nerven angriff, dass sie nicht anders als die Besitzerinn desselben von ganzem Herzen hassen musste. Da ihre Männer, weil sie durch die Ehe Ein Fleisch und Ein Blut mit ihnen geworden waren, es für ihre Pflicht hielten, sich gleichfalls deswegen von Herzen zu hassen, so wurde Belphegorn und seiner Mitgefangnen sogleich ohne Verhör Recht gegeben; Belphegor bekam seine Freiheit und war froh, nicht mehr als Ein Auge und Einen Finger eingebüsst zu haben: die gemeldete Feindschaft brachte ihm sogar eine Mahlzeit und ein kleines Geschenk für die bewiesne Tapferkeit ein. – Das war ein Sporn in die Seite gesezt.

Seine warme Guterzigkeit fand auch bald eine neue Ursache, das Blut in Feuer zu bringen. Er traf unter einem wilden Apfelbaume ein kleines Männchen an, das mit gesenktem kopf und betrübter Mine dasass. – Lieber Mann, was fehlt dir? fragte Belphegor, indem er sich zu ihm sezte. – Alles, antwortete jener mit einem Seufzer; denn ich habe gar nichts. Bettelarm bin ich.

So bist du nichts reicher als ich, erwiderte Belphegor.

Das könnte ein Trost für mich sein, sprach der Andre, wenn ein Trost mir etwas helfen könnte: aber– es ist umsonst! –

Sage nur, was dir widerfahren ist! rief Belphegor hitzig. – Das kann zu nichts dienen. Willst du mich bedauren? – Bedauert hat mich jedermann, aber niemand geholfen. –

So will ICH der einzige sein, sprach Belphegor glühend. – Armer Elender! wie könntest du das? Hilf DIR! dann glaubte ich, dass du Wunder tun und auch mir helfen könntest.

Belphegor knirschte mit den Zähnen und verstummte vor Aerger und Begierde. – Mann, so sage mir nur deine geschichte! sprach er endlich mit halb erstickter stimme. –

Meine geschichte? – ist kurz. Der menschliche Neid hat mich zu grund gerichtet. Ich hatte ein Vermögen, ein schönes Vermögennicht gross aber hinreichend; es war ein teil von meinem väterlichen Erbgute. Ich war unermüdet, auf die Wirtschaft aufmerksam, und mein Vermögen vermehrte sich zusehends; ich kaufte beinahe mehr an, als ich geerbt hatte. Indessen nahmen die Umstände meines Bruders immer mehr ab; er wurde auf mein Glück neidisch; er gab mir schuld, ich habe ihn bei der Teilung bevorteilt: er verklagte mich. Wir prozessirten, mästeten Richter und Advokaten, er spielte alle mögliche Kabalen, und ich verlor beinahe: endlich gewann niemand den Prozess, und ich verlor mein Vermögen: nun blieb die Sache liegen. Nicht einen Pfennig behielt ich übrig: die Gerechtigkeit nahm alles, weil sie mir Gerechtigkeit hatte wiederfahren lassen wollen, wenn ich nicht vor der Zeit verarmt wäre.

Komm! wir wollen dem fühllosen Bruder den Kopf zerbrechen; er verdients! rief Belphegor hastig und ergriff ihn bei dem arme. –

Guter Mann! ich sehe, du hast Herzein gutes und ein mutiges. Wozu kann das dienen, dass wir ihm den Kopf zerschlagen? –

Ihn zu bestrafen, den Harterzigen! –

Wozu könnte das dienen? –

Du machst mich rasend, Freund! – Komm! –

Ja, ich kommeum mit dir betteln zu gehen: das Köpfezerschmeissen ist gefährlich. – Ach! –

Was siehst du, dass du so seufzend hinblickst? fragte Belphegor und war halb zum Aufspringen gefasst. –

"Meinen Bruder!" – Weg war Belphegor, ehe er das Wort noch völlig aussprach, oder ihn zurückhalten konntegerade auf den Mann zu, den er für den Bruder des Unglücklichen hielt. Er ereilte ihn, fasste ihn bei dem Halse und kündigte ihm seinen Untergang, die Strafe für seine Unbarmherzigkeit und seinen unbrüderlichen Neid an. Der Andre, der während des Prozesses eine reiche witwe durch List zu seiner Frau gemacht hatte und sich jetzt wohlbefand, rief einen Trupp Arbeiter zu hülfe, die in einem nahen Busche Holz für ihn fällten. Sie kamen mit allen Werkzeugen der Rache, Knitteln, Aexten, Beilen, schlugen den übermannten Belphegor vom Kopf bis auf die Füsse blau, die linke Hand morsch und ein grosses Loch in den Hirnschädel: so verliessen sie ihn.

Der Mann, um dessentwillen er sich allen diesen Schmerzen ausgesezt hatte, wagte sich nicht in die Nähe des Streites, blieb furchtsam in der Ferne stehen, so lange es Schläge sezte, und schlich langsam zu seinem Verfechter hin, als die Gefahr vorüber war. Er beklagte ihn herzlich und versprach mit der gerührtesten Dankbarkeit, sich