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Verdienst ihn voraussetzen hiess, dass sie ihn nicht ganz und jeden andern mehr lieben müsste. Ohne die mindeste Veranlassung zu diesem Argwohne behandelte er sie, als wenn er völlig bewiesen wäre. Er foderte eine Bedienung von ihr, die er kaum der niedrigsten Magd zumuten konnte: sie musste ihn auf seinen Befehl die speisen auftragen, auf seinen Befehl fasten oder essen, ihn ankleiden und ausziehn, und die schlechtesten Dienste verrichten, indessen dass die Aufwärterinn, die im Müssiggange zusah, von ihm geliebkost wurde und die Rechte der Frau genoss. Der Barbar wollte sich an seiner unschuldigen Ehefrau auf diese Art, gleichsam wie durch Repressalien, rächen; und da sie ohnmächtig, empfindlich, zärtlich und schwach zum Wiederstande war, so verdoppelte der Unbarmherzige seine Martern, jemehr er wahrnahm, dass sie dadurch niedergeschlagen und gekränkt wurde. Sie kam in die Wochen, sie wurde gefährlich krank; und während, dass sie nach Troste und Wartung schmachtete, hetzte der Bösewicht Dachse mit seinen Hunden im haus, liess seine Pferde im hof unter ihren Fenstern herumführen und dazu trommeln, des Nachts, oder wenn sie sonst schlummerte, plözlich Töpfe oder Flaschen vor ihrem Zimmer entzweischlagen, oder ein andres heftiges Geräusch erregen, das sie aufwecken musstekurz, er marterte sie auf alle ersinnliche Weise und studierte darauf, sie nicht allein zu quälen, sondern jede Qual noch mit einer Bitterkeit zu begleiten, die stärker als die Qual selbst schmerzte. Er nahm ihr das Kind und übergab es fremden Händen, wo sie es ohne die ängstlichste Besorgniss nicht wissen konnte, da es unter den ihrigen die beste Erziehung, den nützlichsten Unterricht hätte geniessen können. Sie bat, sie flehte auf den Knieen: der Tyrann lachte. Sie fiel ihm um den Hals, sie badete sein Gesicht mit Tränen, sie beschwor ihn bei der Wohlfahrt seines Kindes, bei seiner eignen Glückseligkeit, sie nicht von ihrem eignen herz zu trennen, das allzeit mit ihrem kind an Einem platz wohnte. Der tückische Bösewicht verbarg die Empfindung, die ihm eine solche Bitte wider seinen Willen aufdrang: er verliess sie, gab zwar Befehl, ihr das Kind zu überliefern, wiederrief ihn aber gleich, ehe es noch gebracht wurde. Seine Launen waren gewiss die einzigen unter dem Himmel: er war ihr beständiges Spiel und wurde von ihnen von einer Entschliessung zur andern herumgeworfen; ehe er eine ausführte, riss ihn eine andere hin, so eine dritte, und nach einem weiten Zirkel kam er wieder auf den ersten Fleck. So ging es ihm hier: seine Tochter blieb in den Händen, denen er sie zu ihrer Verwahrlosung anvertraut hatte, und ihre Mutter eine betrübte, ungetröstete Mutter.

Von allen diesen Drangseligkeiten empfieng ich Nachricht, so wie sie geschahen; und was denkst Du, das ich tun sollte, Freund? –

Dem Henker den Kopf zerbrechen! rief Belphegor und stampfte, ihn erwürgen, und mit dem unglücklichen Schlachtopfer auf dem arme davon fliehn! –

Nein, Freund meines Herzens, so hastig war ich nicht: ich nahm allen empfindlichsten Anteil an ihrem Unstern und grämte mich in Stillen für sie, da ich weiter nichts vermochte. Mein Kummer wollte mich tödten: die Liebe spornte mich an, die Unglückliche zu erlösen, aber Mutlosigkeit schränkte meine überlegung und meine Kräfte ein: ich Feiger erlöste sie nicht.

Himmel! konntest du mich nicht rufen? fuhr Belphegor hastig, wie aus einem Traume, empor.

Der Derwisch sah ihn lächelnd an. – Edler Mann! wo sollte ich dich suchen? fragte er mit gefälliger Freundlichkeit.

Belphegor besann sich und merkte, dass ihm die Schwärmerei seiner Einbildungskraft den Streich gespielt hatte, ihn einen solchen Anachronismus begehen zu lassen. – Nun, so fahre fort! sprach er errötend. –

Bester Freund, sagte der Derwisch nach einer Pause, dieser einzige Zug macht dich mir teuer. – O hätte ich dich damals gekannt, hättest du damals mit deinem Feuer meinen erloschnen Mut wieder anzünden können, wie glücklich wäre ich gewesen! ich wäre nicht die Speise eines heimlichen Grams geworden! – Doch das Schicksal half schnell: der Tyrann spannte seine Folter so stark an, dass alle Erduldung und Gelassenheit zerreissen musste. Da alle seine Erfindungskraft im Quälen erschöpft schien, so gab ihm eine wollüstige Laune den tollen Gedanken ein, sie nackt sehen zu wollen. Er gebot ihr, sich auszukleiden, und vor seinem und etlicher Freunde Angesichtwie er es nannte – à la grecque zu tanzen. Sie wiedersetzte sich, sie stritt, sie focht: umsonst! sie wurde überwältigt: man riss ihr die Kleider ab, man entblösste sie, und sie, die leidende Unschuldige, stand, wie die Bildsäule der Geduld auf einem Monumente, mit beträntem gesicht und versteinertem Blicke da, um den Höhnereien der Unsinnigen zum Ziele zu dienen. Sie ging verwildert hinweg und geriet in eine Verrückung, von welcher sie, bis an ihren Tod, zuweilen Rückfälle spürte. zwei Tage lang irrte sie zerstreut und ohne Besonnenheit im haus herum, seufzte und sprach kein Wort; endlich warf sie in einem Anfalle von Raserei in der Nacht verzweiflungsvoll alle Bande der Mutterliebe von sich, vergass sich selbst und entfloh, ohne bemerkt zu werden. Doch bei aller Verwirrung führte ihr das Gedächtniss mein Andenken zurück: sie fühlte in sich selbst, dass sie ehmals für mich empfunden: ihre verunglückte Liebe suchte in der meinigen Trost, und sie floh zu mir. In dem entsetzlichsten Zustande der Verwilderung,