mich blickte! als ich bei meiner ersten Bewegung mit ihrem Blicke zusammentraf! Ich war nicht mehr mein: sie verstund meine Verwirrung, wollte sie mindern und vermehrte sie. Endlich ermannte ich mich; ich sprang auf und ging hinweg.
Das gute Mädchen merkte genau, dass sie die Ursache meiner Unruhe und meiner Entfernung war: aber unglücklich, dass diese Bemerkung sie selbst in die schrecklichste Unruhe stürzen musste! Sie war schon verlobt: das ist mit Einem Worte alles gesagt. Meine natürliche Melancholie wuchs zu der höchsten Stärke an, ohne dass ich das Hinderniss meiner Liebe wusste: alles war mir schwarz: ich quälte mich mit selbstgeschaffnen Schwierigkeiten; ich marterte mich mit Kummer, dass ich zu dem Besitze meiner Geliebten nicht gelangen konnte, ohne mich im mindesten erkundigt zu haben, ob ihr Besitz unmöglich oder schwer zu erlangen sei. Sie war arm, und eine kleine überlegung wäre zureichend gewesen, meine traurigen eingebildeten Schwierigkeiten zu zerstreuen; allein mein schwermütiges Gefühl ergötzte mich: die Vernunft würde mir meine Glückseligkeit geraubt haben, wenn sie es wegräsonnirt hätte. Oft genug unterbrachen es meine Geschäfte, auf die ich zürnte, und die ich doch gut abwarten musste, wenn ich nicht an meinem Einkommen leiden wollte. – Gott! dachte ich oft in meinen einsamen Stunden, warum ordnetest du deine Welt so an, dass tausend geschmacklose Geschäfte, Millionen mit der Empfindung nicht zusammenhängende Dinge den Menschen im Wirbel herumdrehen, dass elende Berufsarbeiten die Zahl der Stunden verringern müssen, die er in dem süssesten Schlummer des Gefühls und der Einbildung verträumen könnte? – Freund! hast Du nie einen Mangel in Deinem Leben empfunden, der jede fühlende Seele unvermeidlich treffen muss? – Die natur hat eine unendliche Menge Anlässe zur Empfindung in die Welt ausgestreut, aber zu einzeln ausgestreut, jeder Mensch trift auf seinem Wege nur selten einen an: der grosse Haufe, dessen Gefühl vom Sorgen und Geschäften zusammen gepresst ist, vermisst nichts; er lässt sogar die aufstossenden Veranlassungen vorübergehn, ohne dass eine sich an seinem herz einhängt, und es auf sich zieht: aber der Mann, bei dem Gefühl alle seine übrigen Kräfte überwiegt, bei dem sich, so zu sagen, alles in Empfindung auflöst, was soll der tun, wenn er allentalben Sättigung sucht, wenn er seine Glückseligkeit gern haufenweise verschlingen möchte, und sie ihm doch nur gleichsam in einzelnen Bissen zugezählt wird: muss ein solcher nicht bei der gegenwärtigen Einrichtung der Welt einbüssen? Konnte die natur unsern Planeten und seinen Bewohner nicht so anlegen, dass er, mit wenigem, mit dem Notdürftigen zufrieden, seine Bedürfnisse niemals erweiterte, niemals in die tolle Geschäftigkeit sich hineinwarf, zu welcher ihn jetzt unzählige, unvermeidliche Notwendigkeiten hinreissen? Wäre die Welt gleich weniger tätig, weniger lebhaft geworden, wäre sie nicht dafür glücklicher? Was nützt es, dass jetzt jedermann eilfertig nach seinem Vorteile läuft, rennt und andre wegstösst? Nimmt man diese unglückliche Geschäftigkeit der Welt, diese Mutter so unzählbarer Uebel hinweg, müssen nicht alsdann alle die unseligen Leidenschaften wegfallen, die jetzt Menschen von Menschen trennen und selbst den empfindenden Zuschauer dieses allgemeinen Kampfjagens der Welt das Leben verbittern? Die Menschheit ist gewiss nichts dadurch gebessert, dass sie sich zu den gegenwärtigen Bequemlichkeiten und dem Ueberflusse der Europäer emporarbeitete, dass man nicht mehr Eicheln, sondern die mannichfaltigen Schmierereien der Mundköche geniesst, dass man nicht mehr auf Stroh, sondern Matratzen oder Federbetten schläft, dass man statt des klaren Bachs in einen französischen oder venetianischen Spiegel sieht: gewiss im grund nichts gebessert, nichts glücklicher! Alles hierinne bestimmt die Gewohnheit: diese machte es, dass vormals englische Lords auf einem Schneeballen so sanft ruhten, als jetzt ein englischer Zärtling auf dem seidnen Kopfküssen. Nach meinem Wunsche und meiner Einbildung sollte der Mensch mitten auf seinem Wege zur Verfeinerung stehen bleiben, wenn er auch gleich nicht auf der ganz untersten ewig sein wollte: die Materialien der Geschäftigkeit und der Begierden, die ihn jetzt herumtreiben, sollte vor ihm verborgen und er ein ruhiger sanfter Hirte, höchstens ein Ackersmann bleiben: die Erde wäre nicht zu enge für die Beibehaltung dieser Lebensart gewesen, wenn nur die Menschen nicht die tollen Begierden besessen hätte, über und neben einander her zu kriechen: und Freund! bei jener geringen mittelmässigen Geschäftigkeit sein Leben unter dem Schatten der Empfindung ohne Politik, ohne Oekonomie, Jurisprudenz, Handel und andre Vervollkommungen, die den Menschen zum kalten fühllosen Geschöpfe, leer von Imagination und Empfindung machen, ordentlich und ruhig hinwandeln, welch ein Glück! Welch eine Herrlichkeit, wenn ich damals für mich und meine LUCIE die Erde so hätte umschaffen können! Wahr ist es, ich hätte geträumt: aber süsser Traum ist doch besser als bittres Wachen. Meine Geschäfte verbitterten mir wirklich mein Leben ausserordentlich: sie störten meine Melancholie und wurden von meiner Melancholie gestört; und am Ende meines Härmens erfuhr ich, dass Lucie verlobt und gar verheiratet war, dass sie an einen der verächtlichsten Männer des Landes verheiratet war. Welch ein Donnerschlag für einen trübsinnigen Liebhaber! Ich empfieng täglich die schrecklichsten Nachrichten von seinem Betragen gegen sie. Der Unmensch, das unsinnigste geschöpf des Erdbodens, das gar nicht aus der Hand Gottes gegangen sein kann, quälte sie aus Eifersucht und zuletzt aus blossem tyrannischen Mutwillen: er merkte, dass auf dem Boden ihres Herzens eine Zuneigung lag, die durch die aufgezwungene eheliche Pflicht nur niedergedrückt, aber nicht getödtet war: er merkte dies bloss, weil seine angeborne Eifersucht; oder vielleicht das Bewusstsein seines Mangels am