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hätte überwältigen sollen. Er lag voller Gedanken in einem oft unterbrochnen Schlummer, und konnte endlich seinem Verlangen nach dem gespräche des Derwisches nicht mehr widerstehen: er sprang auf und ging zu ihm.

Während der Mahlzeit entwickelte es sich bald, dass der vermeinte Derwisch ein Europäer war. – Ein Europäer! rief Belphegor voll Freuden: und aus welchem land? Aus Frankreich, antwortete jener und seufzte. Aus Frankreich, das mich mit vielen seiner Söhne undankbar ausstiess. Ich bin der Bruder der unglücklichen Markisinn von E. – Der Markisinn von E.! unterbrach ihn Belphegor. Der unglücklichen Markisinn, die die gräulichen Türken in vier Stücken spalteten, dass sie grossmütig den Prinzen Amurat bei sich aufgenommen hatte! – Ein Zug ihres Charakters! die gute Schwester! sagte der Alte. Freund! erzähle mir die geschichte, dass ich höre und in meinen weissen Bart dazu weine.

Belphegor gehorchte ihm; und sein Zuhörer hörte ihre widrigen Schicksale mit gerührter Aufmerksamkeit, erhub bei dem Ende der Erzählung seine Augen gegen Himmel, indessen ihm etliche Tränen die Wangen heruntertröpfelten: diese, sprach er, weih ich dir!

Aber, fing Belphegor nach einer kleinen Pause an, wie konnte dich, ehrwürdiger Vater, deine Flucht in diese himmlische Einsiedelei, so weit von deinem vaterland führen? Du flohest Frankreich. –

Um einer Ursache willen, unterbrach ihn der Alte lebhaft, die die Menschheit mit ewigen Flecken brandmaltFlecken, die keine Tränen auswaschen können. Wir wurden Opfer der Ruhmsucht eines stolzen Monarchen,13 des eingewurzelten Vorurteils, politischer Ränke und des Privatasses; und wurden, nach dem öffentlichen Vorwande, der Religion, der Rechtgläubigkeit geopfert. Ich floh nach Deutschland mit einigen meiner vertriebnen Mitbrüder, um es zu bereichern und poliren zu helfen. Ich floh, aber mein Herz blieb in Frankreich, oder es irrte vielmehr mit meiner S * * herum: denn unmöglich konnte ihre Liebe sie in einem land zurückbleiben lassen, das ihren zärtlichen Freund verstossen hatte. Ich lebte indessen nur zur Hälfte: ich bin von jeher ein geschöpf gewesen, das mehr in der Imagination als in der Wirklichkeit lebte, glücklich und unglücklich war. Meine verlassne Liebe erzeugte bald mit hülfe meiner Einbildungskraft eine Melancholie in mir, die mich von aller Gesellschaft entfernte: ich lebte, dachte und fühlte in der tiefsinnigsten Einsamkeit, und ich dachte nichts, als meine S * *, und fühlte nichts als meine Liebe. Geschäfte und andre Verbindungen zwangen mich häufig, meine Einsiedelei zu verlassen: ich tat es mit Widerwillen, mit dem grössten Widerwillen, weil keine andre S * * in der ganzen schimmernden Gesellschaft, in welcher ich, wie ein Gespenst, täglich herumwanderte, anzutreffen war: keine, auch nicht die schönste, auch nicht die bewundertste bewegte den Perpendickel meines Herzens nur um eine Sekunde schneller: alles waren mir steife unnatürliche Kreaturen, die den Mangel des natürlichen Reizes durch Kunst und Anstand ersetzen wollten, aber ihn für mein Gefühl unendlich wenig ersetzten, durch den falschen Anstrich nur desto mehr vermissen liessen; mein Herz fand nirgends anziehende Kraft und allentalben Widrigkeiten. Je weniger mein Gefühl gleichsam ausgefüllt wurde, desto mehr verstärkte es sich! und zuletzt war gar nichts mehr übrig, das nicht, so zu sagen, wie ein leichter Span auf einem Weltmeere, darauf geschwommen hätte: gar nichts drückte sich ihm ein. Geschwind zerriss ich alle Banden, die mich an die Menschen fesselten, und floh eine Gesellschaft, wo ich allzeit gelegenheit zum Misvergnügen fand, weil kein Vergnügen meinen Foderungen gleich kam.

Nicht lange nach dieser Entfernung von den Menschen tat ich einstmals eine kurze Ausflucht in die Gesellschaft: ich fand ein Mädchen, das gleich bei dem ersten Anblicke eine mehr als magnetische Kraft für alle meine Sinne hatte. Mein Gefühl, das in meiner einsamen Periode mit der Einbildungskraft in genauere Vertraulichkeit geraten war, erhob sich plözlich zu einer solchen Stärke, dass ich mir selbst sagte: ich habe sie gefunden! – Ein Mädchen voll der süssesten Naifetät, mit der aufrichtigsten Mine, die mit der Zunge und dem herz in Einer vollkommnen Harmonie stunde, ohne Zwang, ohne studierte Höflichkeit, ohne galante Grimassen, voll natur, voll der unschuldigsten natur, ohne glänzenden Wiz, aber mit einem feinen verstand und den gesundesten grundsätzen geziertalle diese Züge leuchteten mir auf einmal mit vereinigter Kraft in die Augen. Mein Herz wankte, alle meine Kräfte bis zu den innersten wurden erschüttert, meine Empfindungen vom grund aufgewiegelt, mein Kopf schwindelte, die Augen wurden trübe, ich schwärmte, ich schwatzte wie im Phantasieren des hitzigen Fiebers, ich taumelte und sankdurch eine geheime Veranstaltung des Schicksalsan ihren Busen, an den Busen des Mädchens, das jenen Tumult in mir erregte. – O edler Freund! mein altes Herz schlägt noch jetzt hurtiger, wenn ich an das Erwachen gedenke, das auf jenen Fall erfolgte. – Das unschuldige Mädchen entsagte aus natürlichem Mitleide allen Foderungen des Wohlstandes und liess mich an ihrem Busen liegen, trieb alle zurück, die mich von ihr reissen wollten. Er ruhet hier sanft, sprach sie mit dem naifsten Tone der Guterzigkeit: er liege, bis er wieder erwacht. – Alles sagte sie, ohne zu wissen, dass sie das brennbarste Herz an das ihrige drückte und ein Feuer einfangen liess, das nie die Vernunft wieder löschen würde. Ich lag an sie gelehnt; und an sie gelehnt, erwachte ich. Himmel! welche Empfindung, als ich um