: hier steilte sich eine schneeweisse Felsenspitze, wie ein Turm, in die Höhe, hinter ihr dehnte ein brauner Berg den langen rücken weg, und höher als beide verlor sich eine Menge zackichter gräulicher Gebirge mit ungleichen Höhen am Horizonte: dort hiengen Felsenstücken in der Luft, die nur Einen Stoss zu brauchen schienen, um herabzustürzen, neben ihnen bedeckte ein düstres Strauchwerk den phantastisch gekrümmten Berg, der sich mit einer Menge kahler Beugungen und Hölungen endigte, und die breitsten weitschimmernden Häupter entfernter Gebirge darüber emporsteigen liess: bald stürzte sich ein kleiner Bach beinahe hängend an einer Felsenwand herab, verschwand, brach eine weite Strecke davon wie ein brausender schäumender Bach aus dem Felsen hervor, flog über ausgehölte schwebende Steine hinweg und wurde von einem Schlunde gierig verschlungen, um nie in dieser Gegend wieder zu erscheinen: bald stieg eine allmähliche schiefgedehnte berasete Anwand bequem in die Höhe und türmte sich plötzlich in unzächliche Höhen, die sich gleichsam wetteifernd über einander erhuben, hier nackt, dort in einem Mantel von gelbgrünem Gesträuche, bald aus Pyramiden, bald als umgestürzte Kegel, hinter welchen eine weissgraue Kolonnade vom majestätischen Felsen den Gesichtskreis begränzten und weitgedehnt in ungleicher Grösse allmählich verschwanden. Die Seite, von welcher sie in die Ebne hinabstiegen, war ein hoher platter Berg, der an sich schon die Aussicht beschloss, mit einem Cedernwalde bedeckt, durch welchen sie hindurchwandern mussten, und kaum waren sie heraus – siehe! so stunde, wie hinter einem eröffneten Vorhange das ganze schöne Tal, in seine vielfältigen Wälle von Gebürgen und Felsenwänden, wie sie vorhin gemalt worden sind, eingezäunt, mit etlichen kleinen schmalen Wasserkanälen durchzogen, mit einzeln Bucketen von Obstbäumen, lichten und dunkelgrünen Büschchen, beinahe regelmässigen Pflanzungen, frischgearbeitetem Acker, blühenden kriechenden und aufgestengelten Gewächsen, Gruppen von Citronenbäumen mit goldnen blinkenden Früchten, zerstreuten kleinen Hüttchen gleichsam bestreut – kurz, das herrlichste lachendste Mosaik der natur vor ihren Augen.
Belphegor war überrascht, betäubt, überwältigt, hingerissen, er staunte, er war seiner Sinnen nicht mächtig; er warf sich vor Begeisterung auf die Erde und küsste den Boden, als den Eingang zu einem Heiligtume. So bald seine Empfindungen weniger gewaltsam wurden, so besahe er die Gegend um sich mit unersättlicher Begierde, sah und hatte nie genug gesehen. Sein Führer ermahnte ihn zur Eilfertigkeit, wenn er noch vor Abend bei dem Derwische anlangen wollte, weil seine wohnung fast an dem andern Ende des Tales liege und noch viele Stunden erfodre, wenn sie gleich ihre Schritte verdoppeln wollten. Belphegor riss sich, wiewohl mit einigem Widerstande, von dem entzückenden Anblicke los, um einem noch entzückendern zuzueilen.
Kaum waren sie die langgedehnte Anhöhe hinuntergestiegen, als sie ein krummlaufender gang einlud, durch einen kleinen dunkeln Hain zu wandeln, an dessen Ende sich zwo vierfache Reihen von Pomeranzenbäumen anschlossen, die dahinterliegende Saatfelder von Mais durch die Zwischenräume der Stämme durchschimmern liessen. Am Ende derselben fanden sie etliche Hütten von Baumzweigen, doch ohne Bewohner. Belphegorn befremdete diese Entweichung, und er ward um so viel neugieriger, die Bewohner aufzusuchen. Sie gingen in der Folge über verschiedene kleine Kanäle, die mit Obstbäumen eingefasst waren, durch kurze ganz natürliche Wildnisse von Ahornbäumen, durch Felder mit funkelnden Kürbissen, Melonen und andern lachenden Früchten. Schöner, als alles, war der Zugang zu der wohnung des Weisen: Reihen Maulbeerbäume, um die sich die herrlichsten Weinreben mit halbreifen rötlichen lang herabhängenden Trauben schlangen; hinter ihnen Beete mit Gartenfrüchten, besonders Melonen; darauf Pfirschbäume mit rotschimmernden samtnen Früchten beladen, Abrikosenbäume mit Reichtume überschüttet; die ganze Scene schlossen vier erhabne Zypressen, die über dem lächelnden Kolorite der Fruchtbäume mit ihrem melancholischen Grün in vier Spitzen emporstiegen und unter ihre Zweige die wohnung des Derwisches gleichsam wie unter Flügel nahmen. Der ehrwürdige Alte sass mit zwo Töchtern in persischer Kleidung auf einem Steine vor seiner wohnung und schaute mit entblösstem haupt nach der Sonne hin, die eben hinter dem gegenüber stehenden Berge versinken wollte.
Belphegor hatte ihn kaum in der Ferne erblickt, als er mit seiner Hastigkeit auf ihn zuflog, sich ihm zu Füssen warf und mit der feurigsten Inbrunst seine Kniee umfasste. Der Alte hub ihn lächelnd auf und nötigte ihn durch ein freundliches Zeichen, sich neben ihm niederzusetzen. Das Gefühl einer gegenwärtigen Gotteit könnte kaum feuriger und mehr überwältigend sein, als Belphegors Empfindungen: er war sich seines Daseins nicht bewusst, ein Schwarm ununterschiedner Vorstellungen und glänzender Bildern schwebten um seine betäubte Seele, und eben so viele verwickelte Gefühle fuhren durch sein Herz. Lange sass er, so ausser sich gesetzt, neben dem Alten, der den innerlichen Tumult in seiner Mine las und darum ihn gerührt bei der Hand fasste, ohne sein Stillschweigen zu unterbrechen. Endlich machte sein Gast den Anfang: er schüttete ihm in einem Strome von persischen Worten sein Herz aus, die aber meistens halberstickt und abgerissen hervorkamen, weil er der Sprache zu wenig mächtig war, als dass seine Empfindungen und Gedanken die Geläufigkeit der Zunge nicht übereilen sollten. Der Derwisch bat ihn, von seinem Wege auszuruhn und alsdenn ein kleines Mahl mit ihm im Mondscheine einzunehmen. Belphegorn überlief ein süsser Schauer, als er dieses hörte, und er begab sich hinweg.
Die älteste von den beiden Töchtern führte ihn in ein Kabinet, wo sie ihm ein reinliches Lager von Blättern mit einer Decke von einem orientalischen Halbtuche zu seiner Ruhe anbot und zu ihrem Vater zurückkehrte. So ermattet er war, so hatten doch die vorhergehenden heftigen Empfindungen seine Nerven zu sehr angespannt, als dass der Schlaf sie