1776_Wezel_104_65.txt

zurück, und sein Gefährte zitterte eben so sehr vor Furcht und Grauen, und beide standen lange in einem stummen Erstaunen.

Bald aber machte die Furcht der Neubegierde Platz: sie verlangten ausserordentlich, die Ursache zu wissen, die Menschen zu einem so unmenschlichen Todtschlage berechtigt haben konnte: demungeachtet zog sie die Besorgniss, in die nämlichen unbarmherzigen hände zu verfallen, bei jedem Tritte zurück. Sie fassten aber dennoch Mut, setzten ihre Wanderschaft fort und fanden hin und wieder halblebende tote, aber nirgends einen völlig Lebendigen. – Was soll das? rief Belphegor. Sind das Anstalten, die menschliche Gattung in diesen Gegenden auszurotten? Eine so ausgesuchte Begierde hat doch keiner der berühmtesten Tollköpfe noch gehabt. Wohlan, Freund! wir wollen weiter dringen! Werden wir unter dem allgemeinen Ruine begraben, was schadets? – Wir atmen die verpestete Luft dieses Erdkreises nicht mehr, deren kleinstes Teilchen durch den Hauch eines Unmenschen entweiht, durch die Lunge eines Barbaren gegangen ist. Gewinn ist ein solcher Verlust. –

Sie setzten ihren Weg noch einige Tage fort und trafen nichts mehr als die vorhergehenden Gegenstände anBeweise der Unmenschlichkeit genug, aber keinen Menschen. Endlich wurden sie gewahr, dass die Einwohner aus den Dörfern nur geflüchtet waren und einzeln mit bedächtlicher Schüchternheit aus den Wäldern zu ihren Wohnungen zurückkamen. Sie forschten so lange bis sie erfuhren, dass vor einigen Tagen eine schöne Europäerinn in dem Harem des grossen Königes von Persien geführt worden sei: eine Karavane von Reisenden war dem zug begegnet, und da sie unglückseliger Weise ihm nicht ausweichen konnte, so hatten sich die Evnuchen einen Weg mit dem Schwerdte durch sie gebahnt. Das nämliche Schicksal betraf alle, die die Unvorsichtigkeit oder das Unglück hatten, sich auf dem Wege finden zu lassen: der klügere teil war aus den Wohnungen, die an der Strasse lagen, geflüchtet, um nicht durch einen unbedachtsamen blick auf eine verschleierte Schönheit das Leben zu verwirken.

Belphegor hätte gern dem grossen Sohne des himmels für diese Barbarei den Kopf abgeschlagen, wenn er bei der Hand gewesen wäre, und machte verschiedene Anmerkungen in seinem Tone darüber, die bei andern, als sklavischen erstorbnen Gemütern, einen förmlichen Aufruhr veranlasst hätten. Wenn es aber gleich nicht diese wirkung tat, so fühlten doch seine Zuhörer einen gewissen Schwung in seiner denkart und seiner Beredsamkeit, welcher sie dunkel überredete, dass er keiner vom gemeinen Haufen, sondern ein Weiser sein müsse, weswegen sie ihm rieten, die Bekanntschaft eines gewissen Derwisches zu machen, der in einer völligen Einsamkeit lebte und ihnen unter dem Namen des Derwisches in den Bergen bekannt sei. Sie setzten hinzu, jedermann, der ihn gesprochen, sei voller Bewundrung und Ehrfurcht zurückgekommen und habe versichert, dass sein Mund von einem unerschöpflichen Strome von Weisheit und heilsamen Lehren überfliesse.

Eine solche Nachricht war für Belphegors Begierde ein Sporn: kaum konnte er sie endigen lassen, als er um einen Wegweiser bat, der ihn zu dem glücklichen Orte führen sollte, wo er einen Menschen zu finden hoffte. Sein Gefährte, dessen Durst nach Weisheit nicht so heftig brannte, warnte ihn sehr eifrig, sein Leben und das wenige gerettete Geld nicht der Treulosigkeit dieser Bösewichter anzuvertrauen, die ihn in unwegsame Gebirge führen und in den ersten Abgrund stürzen würden. So sehr er ihm mit seiner arabischen Beredsamkeit zusetzte, und so stark er seine Warnung mit Gründen unterstützte, so blieb doch Belphegor in seinem Vorsatze unbeweglich: eben so unbeweglich blieb auch der Araber in dem seinigen, und trennte sich von seinem gefährten, um wieder in sein Vaterland zurückzukehren, wo man nach seiner Meinung viel edelmütiger stiehlt und raubt als irgendwo.

Belphegor kletterte nebst seinem Wegweiser mit seinem gewöhnlichen Ungestüme über Felsenspitzen, steinichte unsichre Wege, schlüpfrige hervorragende Stücken Stein, wo ein einziger Fehltritt in unabsehbare Tiefen stürzte, wo den herabfallenden Millionen hervorstehende Spitzen erwarteten, um ihn zu zermalmen, durch stechendes Gesträuch von Wacholdern, die einen kleinen verschlungnen Wald bildeten, über Wasserfälle, über Schnee, Eis und fast durch die Wolken, um zu dem Derwische der Berge zu gelangen. Nachdem sie drei Tage mit dem höchstmühsamen Wege gekämpft hatten, so wurde er selbst ein wenig misstrauisch gegen seinen Führer: doch drückte die Hitze seiner Erwartung und die Grösse der gehofften Freuden bald jeden Argwohn nieder; er beruhigte sich damit, dass er dem Wegweiser alles bei sich habende Geld übergab und ihn versicherte, dass der ganze Schatz sein werden sollte, wenn er ihn durch Verkürzung des Weges nur etliche Stunden früher zu dem weisen Derwische zu bringen wüsste: der Andre nahm es mit Dankbarkeit an und versprach sein Verlangen so sehr als möglich zu erfüllen. Auch fanden sie sich beim Anbruche des Tages auf einem Felsenrücken, von welchem sie eine schöne muntre lachende Ebne übersahen, die durch den Anblick schon ihnen die ausgestandnen Beschwerlichkeiten hinlänglich vergütete. Belphegors Herz schlug vor Entzücken, als er die wohnung des Derwisches durch ein dünnes Palmwäldchen hervorschimmern sah: gern hätte er mit Einem Sprunge die heilige Schwelle betreten: jedes Luftteilchen, das er einhauchte, schien ihm reiner und heiliger zu sein.

Wenn die Musen gegen einen Prosaisten nicht etwas spröde wären, so rief ich sie mit lautem Schreien um ihren Beistand bei der Schilderung eines der schönsten Täler an; aber so muss ein armer Verfasser in ungebundner Rede die Sache allein bestreiten. Will indessen eine sich herablassen, meinen Pinsel zu führen, so greife sie zu! –

Die ganze Fläche des beinahe eiförmigen Tales war ringsum von Bergen umschlossen, die sich amphiteatermässig in mannichfaltigen Absätzen erhuben