von Menschen nicht. –
Der Alide erstaunte über den Eifer, mit welchem er diese Anrede hielt, und war im Begriffe, ihm seine Freude darüber auszudrücken, als eine stimme aus dem Gesträuche hervorbrüllte: Du Verworfner, der du die heilige SONNA11 verachtest, und den kriegerischen Ali über den erhabnen Abubecker setzest, stirb von meinen Händen, Ungläubiger! – Sogleich durchrennte ein hervorstürzender Mann schäumend mit einem Spiesse den betäubten erschrocknen Aliden, dass er leblos auf den Fleck niedersank, den kurz vorher sein Knie in dem Feuer seines Gebetes gedrückt hatte. – Blut! setzte der Mörder hinzu, gottloses Blut! fliesse zur Ehre des grossen Propheten und seiner rechtmässigen Nachfolger! –
Belphegor war von Schrecken und Erstaunen einige Zeit überwältigt, doch bald kehrte sein Mut und seine Fassung zurück, und er sprang auf, den Tod seines Gefehrten zu rächen: allein er war ohne Waffen, und sein Gegner verwundete ihn mit der nämlichen Wut, womit er jenen durchbohrt hatte; doch nicht tödtlich. Als Belphegor von dem Stosse niedergestürzt war und in der Ohnmacht von dem Sonniten für tot gehalten wurde, so begab sich dieser hinweg, nachdem er vorher in einem lauten Gebete dem grossen Propheten und seinem Nachfolger Abubecker zu Gemüte führte, was für eine wichtige Verbindlichkeit er ihnen durch die Ermordung dieser beiden Ungläubigen auferlegt, und was für einen vorzüglichen Anspruch er sich auf die schönste Huri des Paradieses erworben habe. Sein Religionseifer war gesättigt, und nach einer so verdienstlichen Handlung ging er an seine Berufsarbeit zurück und plünderte mit seinen Gesellen die Karavane, zu welcher Belphegor gehörte: denn er war ein Räuber vom Handwerke.
Belphegor lag ohne Besonnenheit in seinem Blute und erwachte nur, um seine Entkräftung zu fühlen: er sah sich um, er rief, so stark er vermochte; alle menschliche hülfe war von ihm fern. In einem so trostlosen Zustande war Geduld das einzige Uebrige, ihm die Erschöpfung seiner Lebensgeister zu erleichtern; Er war vor Mattigkeit in einen Schlummer verfallen, aus welchem ihn der Ruf einer stimme erweckte. Er schlug die Augen auf und wurde einen Mann gewahr, der ihn arabisch anredete. So wenig er auch von der Sprache wusste, so konnte er doch seine Begebenheit und sein Verlangen nach hülfe darinne ausdrücken. Der Araber machte sogleich die grossmütige Anstalt ihn fortzuschaffen, und liess ihn auf ein Kameel laden, dass er kurz vorher nebst etlichen andern einer reisenden Karavane abgenommen hatte, wobei er seinen Leuten den Befehl gab, den Verwundeten in sein Schloss zu bringen und bis zu seiner Ankunft gehörig zu pflegen. Der Mitleidige war, wie man leicht merkt, gleichfalls ein Räuber von Profession, kam in einigen Wochen auf sein Schloss zurück und fand Belphegorn von seinen Wunden geheilt. Er war so edelmütig, jeden Dank von sich abzulehnen, und bot ihm wohnung und Tafel auf so lange Zeit an, als ihm beliebte. Belphegor wurde von Dankbarkeit über eine solche Begegnung um so viel lebhafter gerührt, weil die üble Behandlung, die er bisher von den Menschen in verschiedenen Weltteilen erdulden musste, das menschliche Geschlecht in seinen Augen so erniedrigt hatte, dass er eine solche denkart von einem Mitgliede desselben gar nicht mehr erwartete. Der Räuber schenkte ihm eins von den schönen Kleidern, die er mit seiner lezten Beute erobert hatte, gab ihm verschiedene andre Kostbarkeiten und liess ihm nicht die mindeste Bequemlichkeit mangeln.
Belphegor wurde durch diesen freigebigen Räuber mit dem Menschen um vieles wieder ausgesöhnt: nur blieb es ihm ein unauflösliches Räzel, das oft sein Nachsinnen beschäftigte, wie man so vortreflich und so schlecht zu gleicher Zeit handeln, zu gleicher Zeit so gutdenkend und ein Räuber sein könne. Da er keine befriedigende Erklärung dieses Phänomens zu finden im stand war, so wandte er sich an seinen Wohltäter selbst und legte ihm die grosse Frage vor, deren Beantwortung ihm so schwer fiel. Der Araber war ungemein erstaunt, dass er so fragen konnte, und versicherte, dass er nicht begreife, warum jene beiden Dinge nicht beisammen sein sollten, da das eine sowohl wie das andre, eine gute wohlanständige Sache wäre. – Gastfrei, sagte er, sind meine Voreltern vom Anfange her gewesen: der Mensch war in ihren Mauren ihr geheiligter, unverletzlicher Freund, und ausser denselben jederzeit ihr Feind. Der weise ALLAH12 teilte seine Güter unter seine Kinder aus; wer keine Portion davon bekam, muss sie sich verschaffen, oder darben. Ich wage mein Leben, um eine zu erhalten: mein Gegner wage das seinige, um seine zu behalten: wohlan! der Tapferste ist der Besitzer. Der Elende, der arme, der Kranke, der sich nicht in den Streit mengen und Wohlsein und Bequemlichkeit erkämpfen kann, muss der Sklave des Mächtigern sein, oder von seinen Wohltaten leben. Jeder rechtschaffne Araber hätte Dich in sein Haus, wie in eine Freistätte aufgenommen, weil Du ihrer bedurftest; Du warst zu elend, mein Sklave zu sein: ich musste also dein Wohltäter werden; und so lange Du in meinem Bezirke wohnst, höre ich nie auf, dies zu sein: Du bist der Sohn meiner Familie. –
Aber ausser demselben dein Gegner, unterbrach ihn Belphegor, den Du plünderst, oder zum Sklaven erniedrigst? –
Nicht anders! Ich und meine Familie sind zu Einem Körper vereinigt: was nicht mit diesem Bande an mich geknüpft wird, ist Feind. Denkt ihr unter euerm Himmel anders? –
"Allerdings! Ungestört geniesst jeder den Anteil von Glück, den ihm der Zufall zuwarf: gesetz und Henker