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sich auf der Stelle beschneiden zu lassen und ein Jünger des Mahomed und Ali zu werden. Er gewann die Leute lieb, unterredete sich oft mit ihnen über ihren Glauben und bewies ihnen sehr viel Güte, welche sie ihm reichlich erwiederten. Die Freundschaft war geknüpft, und er ersuchte sie sogar, ihn einen Zeugen ihres Gebets sein zu lassen, welches sie ihm bewilligten: doch bediente er sich dieser erlaubnis mit vieler Bescheidenheit, und nie gebrauchte er sie, ohne dass das Feuer ihrer Andacht ihn zu einem Kniefalle und zur Vereinigung seiner Innbrunst mit der ihrigen hinriss. – Aber warum nennt man nur diese Leute Ungläubige? dachte er oft bei sich selbst; sie, die mit den feurigsten Regungen Gott verehren, deren ein Christ nicht fähiger sein kann? Kann ein Herz, das zu einer so rührenden Erhebung von seinem Schöpfer begeistert wird, das Herz eines Ungläubigen sein? Mag er doch den MAHOMED, den ALI oder ABUBECKER für grosse Menschen halten, mag er sich doch ein Stückchen von seinem Fleische verschneiden lassen, mag er doch nach Mekka oder nach Bagdad sein Gesicht bei dem Gebete kehren: wenn sein Herz nur zu Gott gekehrt ist, gilt jenes nicht alles gleich? – O dass doch die Menschen keine gelegenheit entwischen liessen, sich zu entzweien, sich zu trennen, sich zu hassen, zu verfolgen, sich zu schlagen, würgen, morden! Ja, Fromal, Recht hattest du: – die Menschen vereinigten sich, um sich zu trennen. Konnten sie nicht alle in stiller Eintracht auf diesem weiten Erdenkreise sich niederwerfen und das ewige Wesen mit der vollen starken Empfindung anbeten, die es verdient? Konnten sie die Welt nicht einen allgemeinen friedsamen Tempel sein lassen, wo Millionen Menschen, Nationen und Völker in unübersehlicher Weite mit vereintem Gefühle ihren Dank zu dem Allgütigen emporsandten, der sie fähig machte, ihm zu danken? Konnte es nicht dem einen gleichgültig sein, ob sein Nachbar das Gesicht nach Osten oder Westen kehrte, ob er sich im Staube wälzte oder auf den Knieen lag, sich dabei die Haut blutig rizte oder das schönste Festkleid anzog, die hände erhub oder senkte, ein flammendes Opfer zu seiner Andacht hinzutat, oder sein Herz nur flammen liess? Und sollte es nicht vielleicht dem Schöpfer und also auch dem Menschen gleichgültig sein müssen, ob der Höchste, der Grösste, dessen Begriff unser Gedanke doch niemals umfasst, in dem Wurme, dem Stier, der rohen Misgeburt, der ungebildeten Phantasie, im Stein, Holze, Metall oder in der blossen idee, als Tien, Jehovah, Jupiter angebetet wird? Sollte dies nicht vielleicht sein? Wenn so viele Tausende durch einen unvermeidlichen Zusammenhang von Ursachen unter die Stufe der Erleuchtung, der Aufklärung des Verstandes hinabgestossen werden, sollte der Ewige ihre Empfindung verschmähen, die sie ihm in einem Bilde opfern, das ihre schwache Vernunft und wilde Phantasie nicht anders zu schaffen vermochten? Sollte er sie darum verschmähn, weil er sie durch eine Reihe von begebenheiten zu tumm bleiben oder werden liess, um sich zu den Begriffen eines christlichen Philosophen zu erheben? Im grund, bei genauerer Untersuchung war es nicht der Peruaner aus eigner Wahl, der seinen Schöpfer in der Sonne fand und das Blut seiner eignen Kinder zu ihr empor dampfen liess, nicht der Mexikaner, der sich an dem geopferten Fleische seiner Feinde labtenein, eine lange Reihe von nicht selbst gewählten Ursachen gaben den Erkenntnisskräften dieser Völker eine solche Wendung, drangen ihnen solche Ideen in einem solchen Lichte auf, dass sie sich ihren Gott so und nicht anders, seine Verehrung so und nicht anders denken konnten: ihre Begriffe vom Guten und Bösen, von Recht und Billigkeit bildete das Schicksal, nicht SIE. Sie deswegen strafen, weil ihr Geist zu schwach war, sich durch aufgedrungne Irrtümer hindurchzuarbeiten, hiesse das nicht einen Menschen mit Stricken und Fesseln allmählich auf den Boden niederziehn und ihn züchtigen, dass er nicht gerade steht? Hiesse das nicht einen Bucklichen peitschen, weil er seine verwachsne Brust nicht gerade ausdehnt? – Und gleichwohl unterstanden sich es Sterbliche, dem Richter der Welt dies Verfahren zuzuschreiben, ja sogar es an der Stelle des Richters der Welt zu tun! – Gewiss, die Menschen sammelten sich, um sich zu trennen, um zu kriegen, und weil es ihrem Neide und ihrer Vorzugssucht an hinlänglichen platz fehlte, so peitschen sie sich auch herum, weil der Zufall in dem kopf des einen die Ideen anders geordnet hatte, als in dem Gehirne des andern: o Unsinn! und oft zankte man sich oben drein nur deswegen, weil der eine etwas weniger einfältiges glaubte als der andre. – Eine sekte, wo die dogmatische Sucht kein herz nagt und seinen Leidenschaften zum Lanzenträger dientwo ist eine solche, sie ist mir willkommen! sie ist mir die beste! – Freund, rief er dem Aliden zu, der sich eben näherte, Freund! wenn alle Jünger des Ali mit solcher Inbrunst beten wie Du, so werde ich noch heute ihr Bruder! Wenn sie sich selbst so lieben, wie ihren Gott, so schneide mir ein Stück Haut ab, ritze mir die Backen, bade mich, oder mache eine Cerimonie, wie du willst, um mich zu deiner sekte einzuweihen, oder mich zu zeichnen, dass ich zu ihr gehöre! – genug, ich will der Genosse deines Bekenntnisses sein und unter Menschen leben, die sich weniger hassen als andre: denn dass sie sich mehr lieben sollten, das fodre ich