ein verzweifelt schweres Ding, allein Herr von seinem Willen zu sein und lauter Gutes zu tun. Sonst, wenn ich einem armen durstigen mann einen Trunk Apfelwein reichte, wünschte ich immer: o wer dich doch auf einen Tron setzte, dass du die Leute glücklicher machen könntest! Jämmerlich ist doch die Armut, dass man nicht mehr für den armen Nebenmenschen tun kann, als ihm höchstens auf ein Paar Minuten den Durst löschen oder den Hunger stillen! wenn ich reich, wenn ich mächtig wäre – kein Mensch auf Gottes Erdboden, so weit nur mein Auge reichte, sollte mir Zeitlebens hungern oder dursten. – Brüderchen, ich hab es erfahren. Ich habe sonst mit meinem Kruge Apfelwein Mehrern Gutes getan, als jetzt mit meinem Golde. Das böse Menschenherz! Fromal sagte mir wohl, ich sollte nicht schwören, ich würde einen Meineid begehn; ich habe ihn begangen. Aber, Brüderchen, nicht ein Tröpfchen Menschenblut klebt an meinem Gewissen. Siehst Du? ich fand an dem gelben Unrate so vielen Gefallen, ich wollte gern viel und immer mehr haben, ich nahm es, wo es zu bekommen war: ich habe doch wenigstens niemanden Leides getan. Wenn man so bloss sich selbst, seine Begierden und seine Macht zu Rate zu ziehen braucht, da lässt man leicht die Zügel schiessen: doch Du, Belphegor, Du sollst in Zukunft mein einziger Rat-geber sein. –
Belphegor fand bei dieser Erklärung für seine moralisirende Laune eine herrliche Aussicht und nahm deswegen den Vorschlag zur Mitregentschaft mit Freuden an; und seit diesem Augenblicke teilten sie Macht und Ansehn mit einander.
Den ersten und zweiten Tag tat Belphegor ernstliche Erinnerungen wegen der versprochnen Wiedererstattung, und es fanden sich tausend Entschuldigungen und Verhinderungen: Belphegor drang alsdann weniger ernstlich, seltner und endlich gar nicht mehr darauf; tadelte alle getroffne Anstalten als unbillig, unfreundlich, unterdrückend, und behielt sie bei: es blieb alles, wie es war, und statt dass sonst alles Gold aufgehäuft wurde, liess er etwas mehr von den gesammelten Schätzen in den Umlauf kommen, damit das Volk wieder die Ingredienzen zu zwo Mahlzeiten kaufen konnte. Unter seinen Leidenschaften war die Liebe zum Golde schwächer als bei seinem Mitregenten: er war freigebig und ermahnte auch diesen es zu sein: aber desto heftiger war sein Ehrgeiz: allmählich vermehrte er die Ehrenbezeugungen, die er von seinem volk foderte, und wenn er nicht reich zu sein wünschte, so wollte er angebetet sein, ohne zu fühlen, dass es auch eine Unterdrückung gibt, die dem Menschen seine Würde nimmt und ihn zum kriechenden Sklaven macht. Genug, der weise Moralist wurde zum Unterdrücker, hasste und liebte die Menschen nach ihrer grösseren oder geringern Kunst zu schmeicheln und sich zu demütigen, der Kriechendste, der Hingeworfenste war ihm der Beste, und man musste kriechen oder leiden – eine Alternative, die dem völligen Zwange gleich ist!
Inzwischen waren die benachbarten EMUNKIS von ihrer Sklaverei so übermässig niedergedrückt worden, dass ihr betäubtes Gefühl rege wurde; sie empfanden, dass sie Menschen waren, stürzten ihren Tyrannen von dem Trone, ermordeten die Leibwache, die bisher den Meister gespielt hatte, wie vorhin der König von NIEMEAMAYE erzählte, und da Faktionen unter ihnen entstunden, vertrieb eine die andre, welche jetzt mit dem wütendsten Ungestüme in das Reich einbrachen, dessen herrschaft Belphegor und Medardus teilten. Der Sturm drang mit einer unglaublichen Schnelligkeit bis zur Hauptstadt, alles geriet in Verwirrung und Unordnung, man setzte sich zur Gegenwehr, und niemand wusste, warum man angegriffen wurde. Die beiden Regenten, die nicht sonderlich kriegerischen Mut besassen, hielten es für das heilsamste, sich mit der Flucht dem Ungewitter zu entziehn. Belphegor versorgte alle Taschen von dem aufgehäuften Golde und entkam glücklich: doch Medardus, der sich zu reichlich damit versehen wollte, zauderte so lange bis die Burg umringt wurde, die die aufgebrachten Vertriebnen einnahmen, plünderten und ansteckten.
Belphegor entkam wohl, aber der Sturm folgte ihm nach. Seine vorigen Untertanen, die NIEMEAMAYEN, waren von den EMUNKIS vertrieben, jene brauchten einen andern Platz, sie vertrieben die nächsten Völker, deren sie mächtig werden konnten, und man vertrieb und ward vertrieben, so lange bis zwei Völker vernünftig genug waren, sich unter Einem Himmel neben einander in Friede zu vertragen.
Von dem Tumulte wurde Belphegor mit fortgerissen, machte sich aber glücklich davon loss, und nahm seinen Weg allein nach Aegypten, wo er bei einem europäischen Kaufmanne sein rohes Gold in Geld umsetzte und sich sehr in seine Gunst empfahl, weil er sich nach seinem Verlangen nur die Hälfte des Wertes dafür bezahlen liess. Er versprach ihm für höfliche Worte und einen mässigen Vorteil seinen Schutz und seine Gesellschaft, in welcher er nach Asien überging. Weil der Wert seines Goldes nicht lange mehr aushalten zu wollen schien, so bot er seinem Beschützer seine Dienste an, der sie nicht ausschlug und ihm in kurzer Zeit einen Auftrag nach Persien gab, wo er gewisse Handlungsgeschäfte für ihn besorgen sollte.
Seine Reise ging glücklich und ohne widrige Zufälle von statten bis zu seiner Annäherung an die persischen grenzen. Bei der Gesellschaft, mit welcher er reiste, befanden sich einige Aliden,10 die zu jeder Zeit des tages, wenn es die gesetz ihrer Religion foderten, seitwärts gingen, um ihr Gebet einsam zu verrichten. Belphegor ward von der Innbrunst, mit welcher er sie es verrichten sah, wenn er sie belauschte, so entzückt, dass er nur eine Ueberredung und ein Messer brauchte, um