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Belphegor fort, so nimm dich meiner an! –

"Ach du lieber Himmel! wenn sich jemand erst meiner annähme!"

Warum das, mein Freund?

"Warum? – Ich hätts sehr nötig. Nur ein wenig leise gesprochen!"

Was fürchtest du? fuhr Belphegor hitzig auf.

"Weiter nichts als ins Zuchtaus zu kommen."

Wenn du es verdient hast, so wünsche ich Glück dazu.

"Ich habe ein Mädchen, das mich in meiner lezten Krankheit gepflegt und gewartet hat, wie eine Mutter: ich wollte sie heiraten; aber ich darf nicht. Das arme Mädchen sizt zu haus, und weint sich die Augen aus dem kopf. Mein Herr will mich zwingen, ein Gütchen zu bearbeiten, das ein andrer vor mir verdorben hat. Ich kann nicht; es würde mich zu grund richten. Im Stocke habe ich schon gelegen; und da ich noch nicht wollte, so drohte er mir mit dem Zuchtause. Mein armes liebes Mädchen soll ich auch nicht nehmen: wir müssenach! das wissen Sie nicht, lieber Herr! – auch von unsrer Liebe eine Abgabe bezahlen. Ja, das Bischen, was wir sauer erarbeiten! – ich bin entsprungen, unddu gutes Mädchen! – wenn sie mich haschen –"1

Mein Freund, wenn du Recht hast, so geh ich mit dir und spreche für dich. – Er weigerte sich anfangs; doch endlich überliess er sich ihm und führte ihn zu seinem Herrn.

Belphegor war ein lebhafter Advokat und bekam auf seine Anfragewarum dieser Elende zu seinem Verderben gezwungen werden sollte? – die lachende Antwort: weil ich das Recht dazu habe. – Und wer gab Ihnen das Recht? – Das hab' ich gekauft. – Also kann man Unterdrückung kaufen? – Blitz! der Herr ist wohl verwirrt. Recht ist keine Unterdrückung; auch nicht, wenn ich den Herrn zum haus hinausjage; – und so fiff er eine Kuppel Hunde zusammen, hezte sie auf den armen Belphegor los, der mit Mühe einige Fragmente von seiner Kleidung aus ihren Zähnen rettete, und alles anwenden musste, um nicht einen teil seiner eignen person einzubüssen.

Welche Ungerechtigkeit! welche Unterdrückung! rief er, als er sich ein wenig gesammelt hatte; und sein Magen sezte hinzu: welcher Hunger!

In seinem gegenwärtigen Zustande war ihm nichts übrig, als von der Wohltätigkeit andrer zu leben; er bat um Almosen, hungerte selten und bekam niemals Ribbenstösse, noch Steine an den Kopf.

Eines Tages kam er auf eine Heide, wo etliche Freibeuter einen Mann so unbarmherzig behandelten, als wenn sie willens wären, ihn in Stücken zu zerlegen und auf gut huronisch zu essen. Belphegor glühte, so bald er den Auftritt erblickte, ging hinzu und erkundigte sich nach der Ursache einer solchen Barbarei. Man würdigte ihn keiner Antwort, doch erfuhr er bei gelegenheit, dass man ihn strafe, weil der Hund nichts herausgeben wolle. Aber welches Recht habt Ihr denn, etwas von ihm zu fodern? – Sie schlugen an ihre Degen, und einer darunter gab ihm oben drein einen wohlgemeinten Hieb, der ihm das rechte Schulterblatt in zwei gleiche Stücken zerspaltete. Aber, ihr Barbaren, welches Recht habt ihr–ein zweiter Hieb über den Mund hemmte seine Frage mitten im Laufe.

Alles grausam wie Akante! – dachte er, und stopfte sich mit dem Reste seiner Kleidung seine Wunden zu. Er bekam eine Stelle in einem Krankenhause und wurde sehr bald geheilt. Ein Elender, der neben ihm lag und schon ein ganzes Jahr lang sein Bette nicht verlassen hatte, war während der Kur sein vertrauter Freund geworden: doch jetzt wurde er über die schnelle Genesung seines Freundes neidisch, und biss ihn des Nachts in den kaum geheilten Arm; die Wunde wurde so gefährlich, dass der Arm beinahe abgelöst werden musste.

Nach einem langen Kampfe mit Schmerzen und dem Neide seines Freundes wurde er wiederhergestellt und der Willkühr des Schicksals übergeben.

Seine erste Auswanderung machte ihn schon wieder zum Märtyrer seines guten Herzens. Er langte in einem dorf an, wo eben das grässlichste Weiberscharmützel das Publikum belustigte. Ein Mädchen, das der ganze weibliche teil der Kirchfahrt ärger als den Teufel hasste, weil es von Jugend an sich durch seine Kleidung unterschieden hatte, war in einem saubern Anzuge, einem ehrbaren Geschenke von der Regentinn des Dorfs, in der Kirche erschienen. Jedermann empfand, wie billig, den lebhaftesten Abscheu und Aerger über eine solche Hoffart: man murmelte die ganze Kirche hindurch, man schimpfte bei dem Herausgehn, und auf einmal stürzte die anwesende weibliche Christenheit mit geschlossnen Gliedern auf die schöngepuzte Nymphe los, um ihren Staat auf das jämmerlichste zu zerfleischen. Sie waren schon wirklich in ihrer Arbeit bis zum Hemde gekommen, das sie ebenfalls, ob es gleich nur aus grober demütiger Leinwand geschaffen war und nicht die mindesten Spuren des Stolzes an sich hatte, nicht verschonen wollten, als Belphegor ankam. Er erblickte nicht so bald das gesicht des leidenden Mädchens, das gewiss eine der besten ländlichen Schönheiten war und jetzt durch eine verschönernde Mine der Traurigkeit einen doppelt starken Eindruck machte, als seine Stirne glühte, als er mitten in das Gefechte rennte, das Mädchen und ihre Schamhaftigkeit aus den Klauen ihrer Gegner zu befreien. Weil sein Ueberfall so plözlich geschah, und noch ein Nachtrab von Hülfstruppen zu befürchten war, so zerstreuten sich die Feinde anfangs: da sie aber wahrnahmen, dass sie ihre Furcht betrogen hatte, so wurden