1776_Wezel_104_56.txt

der ihren profanen Augen seine geheiligte person verdeckte und nur seine stimme durchliess. Belphegors Gefährte verstund die Sprache des Landes, und jener musste daher ein stummer Zuhörer sein. In acht Tagen war es schon so weit gekommen, dass sie der König unter die Zahl der Auserwählten erhub, denen es vergönnt ist, ohne Schirm mit ihm zu sprechen: doch bei solchen Unterredungen wusste es Belphegors Gesellschafter jedesmal dahin einzuleiten, dass er dieser Ehre allein genoss, und Belphegor in einem verschlossnen Zimmer zu haus bleiben musste, weil seine Treue durch verschiedene bedenkliche Aeusserungen zu verdächtig geworden war, um ihn bei dem Vorhaben eine spielende person sein zu lassen, oder sich völlig von ihm zu trennen.

Der kritische Tag rückte heran, an welchem der König von dem gefährten des Belphegors mit einem Dolche aufgeopfert werden sollte. Länger konnte er den Gedanken nicht ertragen, der Mitbewusste einer so nahen schrecklichen Tat zu sein: er arbeitete sich aus seiner Gefangenschaft heraus, begab sich in den königlichen Palast, wo er auf das vorgewiesene Zeichen, dass er unter die Vertrauten des Königes gehöre, zu ihm eingelassen wurde und ihm die drohende Lebensgefahr eröffnete. Sobald er in den Saal trat, machte ihn die Physiognomie des Königs stutzig: sie schien ihm so bekannte Züge zu haben, die nur durch Zeit und Zufälle verdunkelt waren, dass er den unbeweglichsten blick auf sie heftete. Die nämliche Aufmerksamkeit verwandte auch der König auf Belphegorn, und über der wechselseitigen unaufhörlichen Betrachtung vergassen sie lange, dass sie zusammengekommen waren, um sich zu sprechen. Belphegor liess in der Verwirrung sich einen europäischen Ausruf entfahren, den der König in der nämlichen Sprache beantwortete, und sehr bald war es entwickelt, dass auf dem niemeamayischen Tronder Herr Medardus, Magister der Philosophie und freien Künste, sein bester Freund, sass. Sie bewillkommten und freuten sich einige Zeit, worauf Belphegor seinem wiedergefundenen Freunde die Absicht seines Besuchs bekannt machte; man kehrte sogleich Anstalten vor, dem gefährlichen Streiche zuvorzukommen, setzte den boshaften Unternehmer desselben gefangen, bestrafte ihn und tat andre so alltägliche Sachen, dass ich mich schäme, eine darunter zu berühren.

Nachdem man sich hinlänglich über das Unvermutete dieser Zusammenkunft gewundert hatte, so fand sich bei beiden die Neubegierde ein, zu wissen, wie sie möglich war. Belphegor tat seinem königlichen Freunde seiner Seits bald völlige Genüge und dankte ihm besonders mit vieler Rührung für die Befreiung vom tod, die er ihm zu SEGELMESSE unter dem Charakter eines heiligen Tiers hätte angedeihen lassen.

Siehst du, Brüderchen! unterbrach ihn Medardus, davon weiss ich Dir kein Wort; in meinem Leben bin ich nicht in das DingSelenmesse, oder wie Du es nennstgekommen. Da ich von euch weggerissen wurde

Um des himmels willen! wie ging das zu? –

Wie das zuging, Brüderchen? – Das musste eine Hexerei oder eine andre Teufelei sein. Da ich so mitten unter euch stehe, war mir es auf einmal, als wenn mir leise ein Strick um den Leib geschlungen würde, und siehst Du, Brüderchen? in der Minute hieng ich Dir in einem wald an einer hohen Stange, zu welcher sie mich, wie ich hernach gewahr wurde, mit einem starken Seile und einer Rolle hinaufgezogen hatten. Kurze Zeit darauf wurde ich herabgelassen, um dem Löwen vorgesetzt zu werden, den Fromal kurirte: doch was denkst Du wohl, Brüderchen? – Das närrische Tier liess sich bei mir nieder, belekte mich, wie Fromaln, von der Stirn bis zum Kinne, und brüllte so freudig, als wenn er seinen leiblichen Bruder in mir angetroffen hätte, legte die geheilte Klaue auf mich und behandelte mich recht freundschaftlich. Die Priester wurden stutzig, hielten mich für ein besondres geschöpf und glaubten gar, dass die Seele eines nahen Anverwandten aus der Familie des Löwen auf ihrer Wanderung in mir herberge: denn anders konnten sie sich die glimpfliche Begegnung des Tieres nicht erklären, als dass er sich scheue, die Banden des Bluts in mir zu verletzen. Die Leute müssen eine Kolonie von den Aegyptern sein, oder ihren Glauben an die Seelenwanderung in Aegypten geholt haben: wer Lust hat mag das untersuchen, – genug, MIR schafte die Seelenwanderung herrlichen Nutzen. Sie taten mir die Ehre an, mich als ein heiliges Tier zu bewirten, und weil ich doch äusserlich die Menschenfigur hatte, so gab man mir menschliche Nahrung und einen eignen Stall gleich neben meinem vermeinten Blutsfreunde.

Nicht lange, nachdem ich diese Würde zu bekleiden angefangen hatte, entstund Krieg, und weil das Königreich, wo ich mit meinen übrigen heiligen Kameraden lebte, das einzige heidnische war, so hielten es die mahometanischen Feinde desselben für ihre erste Pflicht, alle Spuren des heidnischen Gottesdienstes zu vernichten; und die Reihe traf vor allen Dingen zuerst uns heilige Tiere. Als man meine europäische Abkunft aus meiner Gesichtsfarbe schloss, so nahm man mich voller Freuden in Triumphe mit sich fort9: doch mein Trupp wurde von den Feinden zerstreut, man liess mich zurück, und ich entfloh den schwarzen Barbaren.

Ich irrte herum und stiess auf eine Karavane, die nach Nigritien ging. Es waren Europäer dabei, die mich verstunden; ich bat um Aufnahme und erlangte sie. Was sollst du in Nigritien, unter den kohlschwarzen Kreaturen? dachte ich. Siehst Du, Brüderchen? ich wusste aus einer alten Geographie, dass weiter herunter die Goldküste liegt: wo es Gold gibt, glaubte ich gewiss einen Europäer, wenigstens einen Spanier anzutreffen. Ich wusste auch