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der Krieg am hof aus. Dem grossen Neguz hatte die natur gar kein linkes Auge mitgegeben: die beiden Augenlieder schlossen sich fest zusammen, oder waren vielmehr zusammengewachsen und in den leeren Plaz des Auges hineingedrückt. Einige von seinen Hofleuten waren so glücklich gewesen, vermittelst eines feinen Leims die Augenlieder ebenfalls zu vereinigen und durch ein andres Hülfsmittel ihnen natürlich die nämliche Gestalt zu geben, als wenn es Werke der natur nach Einem Modelle wären. Allen, die von ihnen hierinne zurückgelassen wurden, dienten sie zu einem gegenstand des Neides und des Hasses: die Unglücklichen waren überzeugt, dass sie niemals mit ihnen zu gleichem Vorzug gelangen konnten, und erregten die hässlichsten Meutereien, sie ihrer Zierde zu berauben. Jene Auserwählten durften nie ohne starke Wache schlafen, nirgends ohne Begleitung sich hinwagen, nichts ohne vorgängigen Versuch essen oder trinken, wenn sie nicht ermordet, geblendet, vergiftet sein wollten. Man spielte sich, da Gewalt nichts wider die Vorsicht vermochte, die hinterlistigsten Kabalen, verläumdete, verkleinerte sich, einer untergrub des andern Kredit, beschuldigte sich der entsezlichsten Verbrechen, weil alle nicht auf gleiche Art blind waren, welche geheime Gährung um so mehr zunahm, als der grosse Neguz selbst diejenigen am vorzüglichsten ehrte und erhub, die ihm die meiste Aehnlichkeit mit seiner blinden person wert machte: um ihm zu gefallen, musste man gerade so blind sein, wie er. Nicht lange dauerte es, als diese Etikette zu den Höfen seiner Vasallen überging, die sie so weit trieben, dass sogar einer, dem ein Fall in der Jugend die Nase platt an den Kopf gedrückt hatte, allen seinen Hofschranzen das Nasenbein zerschlagen, und ein andrer, dem ein kalter Brand den Arm verzehrt hatte, allen den seinigen den kalten Brand inokuliren liess.

Belphegor sah sich seinen Portugiesen bei dieser Erzählung etwas bedenklich an und erinnerte sich einer alten Geographie, wo der Nation des Erzählers die Aufschneiderei beigemessen wurde, weswegen er etliche Zweifel und Verwunderungen über seine Nachrichten äusserte, welches sein Mann so übel empfand, dass er sich auf der Stelle von ihm trennte und mit stolzem Unwillen fortging.

Zweiter teil

Of all Animals of Prei, Man is te only sociable

one. Every one of us preis upon his Neighbour,

and yet we herd togeter.

GAY

Sechstes Buch

Der Bewegungsgrund, warum Belphegor von seinem Patrone die erlaubnis erhielt, ihn bis nach Abissinien zu begleiten, war nicht der löblichste: er wagte den Unterhalt auf der Reise an ihn, um diese Auslage dort tausendfach durch ihn wieder zu gewinnen. Einer von den Vasallen des grossen Neguz, die bloss das Cerimoniell der Huldigung verrichteten, aber ihm keinen Gehorsam leisteten, der König von NIEMEAMAYE, hatte ein Projekt unter der Hand, dass das Projekt aller Projekte genennt zu werden verdient. Er konnte es nicht erdulden, dass einer seiner Nachbarn ein einziges Körnlein Gold ausser ihm besass, und weil durch sein Land nur ein einziger Fluss ging, der Goldkörner bei sich führte, die er doch ungemein liebte, so wollte er es veranstalten, dass alle Goldkörner seiner Nachbarn in sein Gebiet gebracht werden, und sie keine bekommen sollten. Er liess deswegen den Fluss an der Gränze seines Gebiets mit einer standhaften dreifachen Mauer verdämmen, und leitete ihn in unzählbaren Kanälen in seinem land herum: da er aber doch notwendig endlich einmal ihn einen Ausgang wieder geben musste, wenn er sein Reich nicht zu einer offenbaren See machen wollte, so liess er in einiger Entfernung von seinem Ausflusse in das benachbarte Gebiet, von Weite zu Weite tausend immer feinre Netze, von dem stärksten Baste geflochten, vorziehen, die das unnütze wasser durchliessen und den Sand mit den kostbaren Goldkörnern zurückhielten. Das Projekt wurde zwar ausgeführt, hatte aber einen so schlechten Erfolg, dass der Fluss entweder die Netze zerriss, oder sich daneben einen heimlichen Ausgang grub, oder gar die Wohnungen der Einwohner durch Ueberschwemmungen verwüstete. Ob man ihm gleich alles das vorstellte, so glaubte er es doch vor grosser Herzensfreude nicht und triumphirte bei jeder Handvoll Goldkörner, die man ihm in seinen Schatz lieferte, dass er bald der einzige glückliche Besitzer des Goldes, und seine Nachbarn ganz entblösst davon sein würden: nichts schlug seine Wonne so sehr nieder, als dass er sich nicht des Flusses von seiner Quelle an bemeistern konnte und so viele Körner vor ihm schon fremde hände bereicherten. Dieser widrige Gedanke brachte ihn eines Tages auf den tollen Anschlag, den Fluss von der Quelle weg mit einem ungeheuren Umschweife durch eine Sandwüste in sein Gebiet zu leiten, ohne dass er ein fremdes berühren sollte: doch sehr bald, obgleich mit dem bittersten Widerwillen, verliess er diese ausschweifende idee und begnügte sich, von der notwendigkeit gezwungen, mit dem Anteile, den er seinen Nachbarn abschnitt, die den Fluss von ihm empfiengen.

Demungeachtet bemerkte er zu seinem Leidwesen, dass für die Lebensmittel, die sein Land nicht hinlänglich lieferte und die Einwohner doch für unentbehrlich zu ihrem Dasein hielten, ein mittelmässiger teil von seinem Golde wieder zu den Nachbarn überging, die ihnen mit den fehlenden Bedürfnissen aushalfen: er verbot diesen Handel: die Einwohner beschwerten sich über Mangel, und er gab den Befehl, dass künftig, um keines fremden Zuschusses zu bedürfen, jeder Einwohner des tages nur einmal essen sollte.

Alle diese Anstalten waren noch nicht hinreichend, dem Golde jeden Ausgang zu verwehren: der Mensch hat Grillen; das Fremde gefällt ihm, weil es fremd ist, und er wünscht es zu besitzen: auch für diese Einfälle flüchtete noch eine ziemliche