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mächtiger Monarch sein, der mit seiner Nase einen solchen Sturmwind erregen kann. – Ach, erwiderte man, der grosse Kaiser niest, wie jeder Sterbliche, allein es ist hier die Gewohnheit, dass Untertanen und Monarch in einer beständigen Uebereinstimmung leben. Jede Handlung, die ER tut, muss das ganze Land tun; und wo sich das nicht schickt, wenigstens seine Hofstatt. Wenn ER niest, so wird ein Zeichen von dazu bestellten Leuten gegeben; und der ganze Hof niest: in gewissen Entfernungen sind durch alle Provinzen Posten gestellt, die einander diese Zeichen durch einen weittönenden Knall mitteilen: diese Mitteilung erstreckt sich durch das ganze Land, das ihm unmittelbar unterworfen ist, und bringt es dahin, dass eine halbe Stunde nach dem Niesen des Neguz das ganze Land herumgeniest hat. – So geht es mit vielen andern Handlungen, die ich nicht nennen mag, sagte sein Belehrer, und die das ganze Land gewissenhaft und pünktlich nachtut. Dieses ist unterdessen nur auf die hauptsächlichsten Verrichtungen der menschlichen Bedürfnisse eingeschränkt; doch die ganze Hofhaltung ist ein wahrhaftes Schattenspiel von dem Neguz. Wenn ER liegt, liegt alles; steht ER, steht alles; sizt ER, sizt alles; ER steckt einen Bissen in den Mund, ER trinkt, und jedermann unter den sechstausend Zelten, der nur von einiger Beträchtlichkeit ist, tut zu gleicher Zeit das nämliche; welches alles vermittelst der ausgestellten öffentlichen Cerimonienmeister, die gleichsam den Takt zu dem Leben der Hofstatt nach der Angabe des Kaisers schlagen, glücklich bewerkstelligt wird.

Belphegor staunte nicht wenig über diese abgezirkelte Etikette, und konnte sich nicht entalten, sie zu belächeln. O, sprach der Andre, der ein Portugiese war und französisch sprach, es gibt viel mehr Sonderbarheiten in diesem land, die jene weit übertreffen. Haben Sie noch keine bemerkt? – Belphegor besann sich: – dass hier so viele Leute hinken? fragte er. – Ja, und wissen Sie warum? erwiderte jener. Als der gegenwärtige NEGUZ den Tron bestieg, verbreitete sich das Gerücht, dass er hinke; sogleich hinkte ein jeder seiner Untertanen: wer nicht teatralische Geschicklichkeit genug in den Beinen besass, einen hinkenden gang natürlich nachzuahmen, der verrenkte sich den Fuss, schlug sich einen Knochen daran entzwei, zerschnitt eine Sehne, eine Ader, oder gebrauchte ein ander Mittel, wie es einem dienlich und bequem schien, sich zu lähmen. Als sich das ganze Land auf diese Art gebrechlich und dem grossen Neguz ähnlich gemacht hatte, so kam man erst auf die Frage, mit welchem fuss der mächtige Kaiser eigentlich hinke. Weil man in der ersten Hitze an diese wichtige Bedenklichkeit nicht gedacht hatte, so hinkte dieser auf die rechte, jener auf die linke Seite: zu ändern stunde es bei denen nicht, die eine wirkliche Lähmung dem Neguz gleich machte: jede Partei musste also mit Gewalt das Recht des Fusses durchsetzen, an welchem SIE hinkte. Das ganze Reich zerfiel sogleich in zwo Faktionen, die mit der uneingeschränktesten Wut sich verfolgten, bekriegten, ermordeten; das ganze Land war Ein Krieg; man vergoss sein Blut gern zur Ehre seines Kaisers, um auszumachen, ob das abissinische Reich mit dem rechten, oder linken Beine hinken sollte. Endlich wurde man des Aufruhrs überdrüssig und wollte die Entscheidung des Streites dem grossen Neguz auftragen, der allein mit Zuverlässigkeit berichten könne, welcher von seinen Füssen lahm sei. Es geschah; und man erfuhr, dass der Kaiser gar nicht hinke, sondern auf einem Auge blind sei. Wirklich hatte sich auch das ganze Hoflager von dem nächsten nach dem Kaiser bis auf den untersten Stallknecht aus Ergebenheit gegen ihren Herrn das linke Auge ausstechen lassen; und nur aus Neid, Misgunst und Unterscheidungssucht war von den Höflingen das Gerücht von dem Hinken des Kaisers ausgesprengt worden, damit der Hof allein mit dem Vorzuge einer wahren Aehnlichkeit mit dem Neguz prange. Aus alberner Begierde vergass das tumme Volk sich zu erkundigen, welches Auge ihrem Monarchen fehlte, sondern sie liefen haufenweise wie in einer Trunkenheit zurück, und jeder stach oder stiess sich ein Auge aus. Manche nahmen aus Oekonomie das schlechteste unter ihren beiden dazu; die natürlich Blinden ersparten sich den Schmerz und liessen es bei ihrer angebornen Aehnlichkeit bewenden: andre, die wider keins von ihren Augen erhebliche Einwürfe zu machen fanden, liessen sich in ihrer Wahl vom Zufalle bestimmen: da aber an allen Köpfen nicht dasselbe Auge schadhaft, oder natürlich blind war, oder vom Zufalle getroffen wurde, so waren abermals die Abissinier geteilt, abermals in der grössten Verlegenheit. Sie waren wenigstens in so weit klüger, dass sie ohne Blutvergiessen sich sogleich an den grossen Neguz wandten, der sie belehren liess, dass ihm das linke Auge ganz fehle. Welches Unglück für diejenigen, die sich das rechte geblendet hatten! Sie mussten, wie Bastarte des Reichs, zu ihrer Kränkung Zeitlebens in ewiger Unähnlichkeit mit dem Neguz bleiben, wie Verworfne von den übrigen verachtet werden, oder sich ganz blind machen. Einige brachten mit neidischer Verzweiflung viele ihrer glücklichen Mituntertanen um, andre tödteten sich selbst, noch andre gerieten auf den sinnreichen Einfall, das linke Auge ausheben und in die leere rechte Augenhöle versetzen zu lassen, und da kein einziger geschickter Okulist unter dem abissinischen Himmel bisher aufgewachsen ist, so wurden sie insgesamt stockblind; kein einziges Auge wollte nach der Verpflanzung bekleiben. Ein kleiner Haufe begnügte sich mit der ersten Torheit und ertrug seine vermeinte Schande in Gelassenheit. War gleich der geringere teil der Einwohner beruhigt, so brach nunmehr