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Leib und Seele vom lieben Gotte empfangen hätte, wenn er keinen Nutzen damit schafte, und wollte Belphegorn, der bisher nur ein todtes Kapital für ihn gewesen war, in Geld verwandeln. Er wurde zwar einem von der erleuchteten englischen Nation zum Verkauf vorgestellt, allein aus vaterländischer Menschenliebe machte er sich, als er seinen krüplichten nicht sonderlich viel Arbeit versprechenden Körper erblickte, ein Gewissen daraus, wider alle Christenpflicht einen weissen Nebenmenschen in den Handel zu bringen. God damn me! Gott verdamme mich, sprach er, wenn ich jemals den angebornen Edelmut meiner Nation so sehr verläugne, dass ich mit weissen Christen handle! – Aber, fiel ihm Belphegor ins Wort, sind schwarze Heiden nicht auch Menschen? – Te ordures, das Auskehricht der Menschheit! rief jener. – Aberwollte ihm Belphegor antworten, doch der Mann schien kein Liebhaber vom Disputiren zu sein, sondern kehrte sich hastig um, ein Paar schwarze Mütter zu bezahlen, die aus Dürftigkeit ihrer mütterlichen Empfindung auf einige Zeit den Abschied gaben und ihre Kinder dem grossdenkenden Engländer überliessen, um sie aufzufüttern, bis sie geschickt wären, in Amerika unter Hunger, Elend und Blösse den Europäern den Kaffe süss zu machen.

Belphegor wünschte sich nur einmal noch so viele Macht, als ihm genommen war, um eine die Menschheit entehrende Unterdrückung, den schändlichsten Handel zu vernichten, wovon er jetzt ein Augenzeuge war. Sein bisheriger Patron, der nach zwo andern Proben deutlich abnahm, dass Belphegor eine verlegne Waare ohne Wert war, gab ihm den wohlmeinenden Rat, sich von ihm zu entfernen, wenn er nicht mit Gewalt entfernt werden wollte: er folgte dem Rate ohne Anstand und überliess sich Wind und Wetter, was es aus ihm zu machen gedachte. Er tat sich nach einer gelegenheit um, um mit einem Sklaventransporte aus dieser Gegend zu kommen; doch auch diese gefälligkeit versagte man ihm. Zulezt traf er einen Mitleidigen, der ihn mit sich nach Abissinien unentgeldlich zu nehmen versprach; aber im grund waren seine Bewegungsgründe nicht die mitleidigsten, wie die Folge beweisen wird. Er schickte ihn mit einigen von seinen Leuten und Kameelen voraus, die ihn an einer Gegend des Senegalstroms erwarten sollten.

Belphegor tat seine Reise mit einer Niedergeschlagenheit, die seinem natürlichen Charakter zuwider zu sein schien: das Unglück hatte ihn bisher mehr aufgebracht als mutlos gemacht: doch jetzt war seine Lebhaftigkeit merklich gesunken. Er sezte sich mit tiefsinniger Selbstbetrachtung unter den Schatten eines Palmbaums, indem seine Reisegefährten die Kameele am Strome tränkten.

Was für Seiten, sprach er zu sich, habe ich, seit Akantens Kniestosse, an dem Menschen gesehen l Seiten, die ich in dem Taumel meiner ersten Jahre mir schlechterdings nicht denken konnte! – Ja, Fromal, der Mensch ist ein Würfel mit unzählbaren Seiten; man werfe ihn, wie und so oft man will, so kehrt er allemal eine empor, auf welcher Neid und Unterdrükkung mit verschiedener Farbe gemahlt steht. Fromal, DU lehrtest mich das; ich glaubte dir nicht, ich glaubte nur meinem herz, das mit stolzem Selbstzutrauen sich selbst verkannte. Du wolltest mir es benehmen, und ich schwur, weil mein Herz schwur. Ich Unglücklicher, ich habe dich selbst zum Beweise gemacht, dass ich ein Meineidiger bin. Hätte ich das geglaubt? – Geglaubt, dass unter dieser feurigen freundschaftlichen Brust Eis genug liegen könne, die Flamme der Treue zu löschen, alle Regungen des Mitleids, der Liebe so lange zu ersticken? geglaubt, dass in einem Winkel meines Herzens Sauerteig des Neides genug liege, um die ganze lautere Masse desselben anzustecken? – Was bin ich denn nun besser, als jene Grausamen, deren Unterdrückung meinen Zorn sonst reizte? Worinne besser? – bloss dass ich nicht würgte und mordete; ich bin der Neidische, der Habsüchtige, der Unterdrücker gewesen, der sie insgesamt sind, nur dass der Neid mehr Mitleid in mir zu bekämpfen hatte als bei jenen, dass die Stärke meines Mitleids durch weniger Gelegenheiten weniger abgeschliffen ist, als bei jenen. Vielleichteine traurige Vermutung! – dürfen nur mehrere Reize, mehrere Verblendungen meiner Vernunft vorgehalten, die Fälle meines Lebens mit den Umständen andrer mehr zusammengeschlungen, verwickelter werden; vielleicht darf nur alsdann in der Bemühung für mein Interesse, für mein Recht dieses feurige entusiastische Gefühl der Menschenliebe, dieser Schwung der Einbildungskraft niedergedrückt werden; und ich bin so harterzig, so fühllos wie die Unbarmherzigen, die ich tadle. Konnte ich es schon so sehr gegen meinen Fromal sein? konnte der Neid so sehr alle Stimmen in mir überschreien? – Doch bis zur Unterdrückungnein, so weit ist mein Herz nicht böse noch schwach. – Neid? – leider muss ichs zugeben, dass ein blendendes Nichts, betäubende Ueberredungen, glänzende Vorteile die Vernunft des schwachen Menschen so verwirren, seine Eigenliebe so anspornen können, dass sie sich unser ganz bemeistert, alle andre Empfindungen verdrängt und alle Federn unsrer Tätigkeit allein nach ihrem zug spielen lässt: doch den heiligsten Schwur tät ich gleich, ohne Furcht vor Meineid, dass ihre Obermacht in mir niemals bis zur grausen Unterdrückung anwachsen soll. – Welche Betäubung alles Sinnes gehört dazu, mit der Freiheit eines Geschöpfes von meiner Art ein Gewerbe zu treiben? es zu einem ewigen Sklavenstande zu bestimmen, wenn es weder Kenntniss noch Wahl leitet? es dem tod auf dem Wege, oder dem Elende in einem andern Weltteile entgegenzuführen? und auf diesen Ruin der Menschheit seinen entehrenden Vorteil zu gründen? – Ja, Fromal,