neuer Liebhaber gab. Welche Menschenseele, der Tages vorher die Besitzerinn eines so frohen Hauses Hüftenschmerz gemacht hatte, konnte einen solchen Anblick ertragen! Augenblicklich fand er die lange gesuchte Entschliessung: der Aerger half ihm auf die Beine, er ging und übergab allen zwei und dreissig Winden des himmels ein dreimaliges lautes – Akante! in eben so viele vernehmliche Seufzer eingepackt.
Er ging. Kaum hatte er eine kleine Strecke zurückgelegt, als vor seinem gesicht ein Habicht auf eine Taube herniederschoss und die flatternde Hülflose würgte. Die Scene versezte ihn in eine so tiefe Wehmut, dass er sich auf einen Rasenrand niedersezte und über die lezten Reden seines Freundes Fromal ernstaft nachdachte.
Indem er in seinen Gedankentraum versenkt dasass, näherte sich ihm ein Getöse, das nichts geringers als einen Zank ankündigte. Auf einmal erschienen ein Trupp Knaben und Mädchen, an dessen Spitze ein dickstämmiger achtjähriger Bube einen Schwachen von geringerm Alter an den Haaren siegreich neben sich herschleppte, während dass die ganze Begleitung den Triumphirenden mit einem einstimmigen jubel erhub, und hingegen dem Ueberwundnen von Zeit zu Zeit Kot oder Schimpfwörter zuwarf. Der Anblick bewegte Belphegorn: seine mitleidige Guterzigkeit spornte ihn an, dem unbarmherzigen Sieger seine Beute aus den Händen zu reissen, und ihn wegen seiner Grausamkeit zu vernehmen. Auf seine Erkundigung nach der Ursache des Streites erfuhr er von einem unparteiischen Zuschauer, dass die beiden Streitenden zwei Pachterssöhne waren, dass sie beide kleine Gärtchen zu ihrem Vergnügen sich neben einander gemacht hatten, dass der ältre allmählich dem jüngern beinahe die Hälfte von dem seinigen betriegerisch abgezwackt, dass der Beraubte sich darüber beklagt, dass ihn der andre ausgelacht und endlich herausgefodert habe: darauf hatte er die noch übrige Hälfte von des Jüngern Garten verwüstet, und da dieser das Recht der Selbstverteidigung seinen Verheerungen entgegen setzen wollte, so übermannte ihn der Stärkre, schlug ihn zu Boden, und führte ihn jetzt im Triumphe auf. Belphegor verwies dem Ungerechten seine Grausamkeit, und ermahnte ihn, dem andern das Entwendete wieder zu ersetzen. – Hier bin ich! er mag mir es wieder nehmen! war die Antwort, und blieb es, aller Zureden ungeachtet. Belphegors gutes Herz wurde warm, er nahm den Leidenden in seinen Schutz und wollte den Frechen durch lebhafte Vorstellungen zur Gerechtigkeit nötigen, wofür er ein Paar Steine an den Kopf, ein hönisches Gelächter und etliche Schimpfreden zum Danke bekam; die ganze übrige Gesellschaft stimmte im Unison mit ihm ein und eilte ihm nach: jedes darunter gab ihm Recht und verteidigte ihn, weil er die stärksten Fäuste und das unverschämteste Maul im ganzen dorf hatte.
Um seinen Schutz nicht unkräftig zu sehen, liess sich Belphegor von dem Zurückgebliebenen zu seinen Eltern führen. Er trug ihnen den statum causae sehr ernstaft und lebhaft vor, und drang in sie, den ungerechten Eroberer mit allem väterlichen Ansehn zur Billigkeit anzuhalten. Man lächelte; Belphegor glühte: der Junge kam dazu, riss den Zaun zwischen den beiden Gärten nieder, der Vater gab ihm zur Belohnung seiner Tapferkeit noch ein Stückchen Land dazu, der arme Ueberwundne musste sein Eigentum mit dem rücken ansehn, und sich als einen schwachen elenden Nichtswürdigen oben drein verachten lassen.
Belphegor stuzte, wollte aus diesem haus der Ungerechtigkeit entfliehn, liess sich aber doch auf vieles Bitten zum Essen dabehalten. Der Herr des Hauses würgte zwo Tauben: Belphegor bedauerte bei sich die armen Kreaturen, und verzehrte sie beide vom Halse bis zu den Beinen ohne das mindeste Mitleiden, als sie gebraten auf dem Tische erschienen. Da er satt war, reiste er fort, tat unterwegs einen Seufzer und rief: O Ungerechtigkeit! der Habicht würgt die Taube, der stärkre Bruder den schwächern, und der Mensch verschlingt die unschuldigen Tiere! Ja, Fromal – alles ist ungerecht wie Akante.
Die Nacht nötigte ihn bald zu einer neuen Einkehr. Kaum hatte er sie erreicht, als ihn ein hagrer Kerl, der müssig an einem Baume lehnte, auf die Seite zog und warnte, in diesem Loche nicht zu übernachten. Es ist das ärgste Diebesnest, das der Mond bescheint. – Wo soll ich aber bleiben? – Lieber unter freiem Himmel: wenn Sie wollten, so könnte ich Sie wohl an einen guten Ort bringen. – Belphegor merkte, worauf es ankam, um dahingebracht zu werden; er gab ihm von dem Wenigen, was ihm sein Freund zurückliess, ein kleines Geschenk und folgte ihm nach. Der Wegweiser führte ihn in einen dichten Wald, fasste ihn in der Mitte desselben bei der Gurgel und schwur, ihn auf der Stelle umzubringen, wenn er nicht seine ganzen Habseligkeiten an ihn auslieferte. – Aber welches Recht habt Ihr Bösewicht dazu? fragte Belphegor. Der Räuber wies ihm statt der Antwort ein langes Messer, nahm ihm sein Vermögen aus der tasche, warf ihn zu Boden, kniete ihm auf die Brust und durchsuchte alle Behältnisse an seinem ganzen leib, wo sich nur eine Beute vermuten liess, gab ihm einen derben Fluch zum Abschiede, als er nichts erhebliches fand, und begab sich auf den Rückweg.
Die ganze Nacht hindurch blieb er in diesem Zustande liegen, ohne wegen der Unbekanntschaft mit dem wald Einen Fuss von der Stelle zu wagen. Gegen Morgen hörte er einen Mann sich ihm leise nähern und bei jedem Schritte still stehen, um sich umzusehn, ohne Belphegor gewahr zu werden, bis ihn dieser anredete. – Mann, rief er, hast du Herz –
Nicht viel! antwortete der Ankommende furchtsam. Hast du ein menschliches Herz mit menschlichen Empfindungen, fuhr