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in dem Ausdrucke seiner Narrheit verschieden, allentalben in sich selbst verliebt, allentalben sich selbst der grösste, der wichtigste, und der Verächter andrer: sollte er gleich nur Strohkörbe machen können, so verachtet er doch gewiss, den Brodneid abgerechnet, aus blosser Selbstgefälligkeit alle Körbe, die ER nicht verfertigt hat. Wir lachen über diesen Mückenmonarchen, dass er seine Vasallen seine Obergewalt so empfindlich fühlen lässt: allein wo nicht die Furcht vor dem Spotte und dem Gelächter viele Menschen in poliziertern Himmelsstrichen zurückzöge, so würden sie alle diesem jämmerlichen Nazib gleichen: wer nicht in der Tat unterdrücken kann, unterdrückt in der Einbildung; wer im Staube liegt, steigt wenigstens mit seinen Gedanken empor, und glaubt der höchste zu sein, weil er sich der höchste zu sein dünkt. Das einzige Mittel, das die Europäer vor solchen ausschweifenden Ausbrüchen des Stolzes bewahrt, ist meiner Meinung nachdie Politesse, Furcht vor dem Spotte, und die vielfältige Verwickelung des Interesse; wo diese zurückhaltenden Schranken fehlten, da habe ich den Stolz Farcen aufführen sehen, oder von ihm erzählen hören, die unserm afrikanischen Lustspiele nicht viel zum voraus liessen. Kennst du den deutschen Ehrenmann noch, von dem ich dir leztin erzählte, dass er sich täglich dem beschwerlichsten Zwange, der langweiligsten Etikette unterwarf, sich und seiner Familie durch einförmige abgezirkelte Cerimonien und Komplimente das Leben schleppend, lästig, freudelos machte, bloss um seinem haus das Ansehn eines Hofs zu geben? –

Fromal wollte abbrechen, allein Belphegor ersuchte ihn fortzufahren.

Oft, sezte er seine Gedanken fort, habe ich gleichsam an dem fuss der menschlichen Grösse gesessen und dem Eifer zugesehn, mit welchem eins über das andre hinwegklettern wollte, wie man rang, wie man kämpfte, wenn weiter nichts möglich war, wenigstens das Recht zu erlangen, über dem andern zu sitzen, zu stehen, vor ihm hineinzugehn und herauszugehn, eher, als er, der Teller und das Glas präsentirt, eher die Verbeugung zu bekommen, wie man sich beleidigt fand, wenn aus versehen dieses Recht gekränkt wurde. Anfangs tat es mir wahrhaftig weh: du weisst, wir hatten beide in Einem Traume der Fantasie geschlummert: der erhabenste Mensch war uns der weiseste, der verständigste, der geistreichste, der empfindungsvollstekurz, wir massen seine Grösse nach seinem geist: aber wie bald fand ich, dass dieser Maasstab dem Maasstabe einer kleinen Provinz glich, der nur in ihr und sonst nirgends gebraucht wird; mein Maas traf nie mit dem Maase eines andern überein: ich warf es weg und richtete mich nur bei mir selbst darnach. Ich hatte weder Lust noch Kräfte mich in den allgemeinen Wettstreit zu mischen; ich blieb Zuschauer. Ich sah, dass der Mensch SICH SELBST mit seinem ganzen Zubehör von Vorurteilen zum Muster hinstellte, nach dem er tadelte und lobte, billigte und verwarf; ich sah sie alle nach dem Ringe des Vergnügens und des Vorzugs rennen, ich sah, dass sie nach jedem Vorzuge gierig griffen, wenn er in meinen Augen gleich nicht Eines Schrittes wert war, sollte er auch in einer Schuhschnalle bestehn; ich sah, dass dem Vorteile alles weichen musste, dass man nur in Rücksicht auf IHN handelte, dass man sich wechselsweise Lob und Bewundrung abkaufte, dass man gab, um zu empfangen, dass das ganze Leben nur ein Kommerz von Schmeicheleien war, und dass man sich bei dem Besitze eines solchen Beifalls glücklich dünken konnte, ohne einen Augenblick daran zu denken, dass er nur eingetauscht war, dass er nicht dem mann, sondern seinem Kleide, seinem Pferde, seinem Titel, seinem Gelde gehörte; ich sah bei meinem ersten Eintritte unter die Menschen die freundliche Stirn, die dienstfertigen Füsse, die gefälligen hände, die ehrerbietigen Verbeugungen, die liebkosenden, schmeichelnden, glatten Worte für die Dollmetscher des Herzens an, und freute mich! – und schalt alle wahnwitzig, die dem Menschen weniger zutrauten, als ich damals an ihm zu finden glaubte: ich sah die Menschen einzeln, ich warf einen eindringenden blick in ihr Herz, ich belauschte sie, undTiger entdeckte ich, die einander zerreissen möchten, Falsche, die das verspotteten, was sie vorhin bewunderten, die das beneideten, wozu sie vorhin Glück wünschten, die den hassten, den sie vorhin gebückt ehrten; Herzen entdeckte ich, mit dem verächtlichsten Unrate kleiner Begierden, elender Wünsche, niedriger Verlangen angefüllt; Köpfe, mit leeren nichtswürdigen Anschlägen, unterdrückenden Listen, Projekten einer Seifenblasengrösse beladen: nein, dachte ich, mit euch, Leutchen, kann mein Weg nicht lange auf Einem Fusssteige fortgehn; ich müsste mich ganz umschmelzen, oder mich mit einem gar zu starken Firnisse der Heuchelei übermahlen, wenn ich nicht in ewigem Widerspruche mit euch sein wollte. Ich, Narr, ich grämte mich, ich tadelte mich darüber, ich warf mir Unvollkommenheit, Untätigkeit vor, dass ich meine Zunge nicht zur Bewundrung zwingen konnte, dass meine trägen hände sich nach keiner der geschäzten Hoheiten, nach keiner dieser goldschimmernden Früchte ausstreckten, dass mein Herz, wie erstarrt, keinen einzigen Pulsschlag um ihrentwillen schneller tat: man schalt mich sogar einen Fühllosen, einen Duns ohne Lebenskraft: – ei wozu das? – Ich ersparte mir meine Unruhe; ich liess sie schwatzen: warum sollte ich meinen Gaum zu einem Bissen zwingen, der ihm widerstund, und den mein Magen also sicher nicht ohne Schmerzen verdaut hätte? – Weg, weg mit ihm! ich liess die Leute darnach schnappen, darnach laufen