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ausgebreitet genug werden möchte, liess er acht Tage vor der Audienz auf allen Gassen und an allen Orten, so gar Löwen und Straussen kund und zu wissen tun, dass sich jedermann versammeln solle, die Gesandschaft des grossen Königs aus dem Norden zu beschauen. Die Feierlichkeit ging mit allem Glanze vor sich, den nur seine königlichen Schätze zuliessen; seine sämtlichen Untertanen vom Greise bis zu dem kind, das kaum gehen gelernt hatte, mussten paradiren: der Zug ging unter der lärmendsten beschwerlichsten Musik einen Tag lang seine ganzen Länder hindurch: Kameele, Strausse, heilige Löwen, alle vierfüssige und befiederte Kreaturen, deren er nur habhaft werden konnte, mussten die Prozession verlängern helfen: alle Produkte seines Landes, die königliche Garderobe, die königlichen Schätze und Kleinodien, die in Datteln, Palmblättern, grossen Schläuchen voll Kameelmilch und ähnlicher Kostbarkeiten bestunden, wurden öffentlich vorgetragen: Nach dieser mühseligen Reise durch warme, sandigte, wasserlose Gegenden gelangten sie endlich zum königlichen Palaste, einer viereckichten grossen Hütte von Palmbäumen aufgeführt, dessen Dach man gegenwärtig, wie bei allen vorzüglichen Feierlichkeiten, über dem haupt des grossen Königs weggerissen hatte, weil nach seiner eignen Versichrung ein so grosser Monarch nichts als den Himmel Gottes über seinem haupt dulden könne; die inneren Wände waren mit Palmblättern austapeziert. Der mächtige NAZIB sass in halbnackter Majestät auf zwei Klötzen, erhaben über alle die schmutzigen Vasallen, die, wie Sphynxe, um seinen Tron herum demütigst auf den Bäuchen lagen und die Köpfe auf den untergestüzten Armen in die Höhe richteten. zwei langausgestreckte Vasallen genossen die Ehre, ihm zum Fussschemel zu dienen, auf die er von Zeit zu Zeit seinen erhabnen Speichel herabzuwerfen würdigte, sie ihrer Niedrigkeit und seiner Grösse zu erinnern: plözlich blies er die Backen auf und liess sie mit einem lauten Ausblasen des Atems wieder zusammenfallen, welches ein Befehl an alle Fürsten des Erdbodens sein sollte, vor ihm niederzufallen.

Nachdem die lächerlichste Pantomime auf allen Seiten gespielt war, wobei Fromal kaum seine Muskeln zu der nötigen Ernstaftigkeit zwingen konnte, und Belphegor vor Erstaunen über den unsinnigen Grad, zu welchem er die kindischste Vorzugssucht hier gestiegen sah, nicht zu sich kam, sprang endlich der König auf, gab jedem seiner Vasallen eine Ohrfeige, und liess sich von ihnen vor den Palast tragen, wo er der Sonne, die eben untergehen wollte, den Auftrag gab, dem grossen Könige des Nordens, zu welchem sie nun bald kommen würde, grossgünstig zu melden, dass er, der mächtige Nazib, sein Gebet erhört, ihn zum ersten seiner Vasallen, zum Sessel seines Hintern erhoben habe, und ihm verspreche, ihm alle Huld und Schuz in Gnaden angedeihn zu lassen. Da die Gesandten aus vielen wichtigen Ursachen die zugedachte Ehre verbeten hatten, das erteilte Erbamt ihres Principals in eigner person zu verrichten und dem grossen Nazib zum Sessel des Hintern zu dienen, wie es anfangs veranstaltet war, so musste sich der oberste von den Vasallen dazu bequemen, der über dieses Glück so stolz wurde, dass er Tages darauf einem seiner Mitvasallen ein Auge vor Uebermut ausschlug. Als der Nazib seinen Siz auf ihm mit einem expressiven Stosse genommen hatte, so wiederholte er die obige Grimasse mit dem Backen, um allen Fürsten des Erdbodens anzudeuten, dass er ihnen nunmehr die erlaubnis gebe, von dem anbefohlnen Kniefalle wieder aufzustehn. Zulezt wollte er den Gesandten noch zumuten, seine Füsse, die es ungemein nötig hatten, in Kameelmilch zu waschen, welches sie mit einem Bündel Palmblätter obenhin taten, dann lagerten sich die Vasallen in einer Reihe vor ihm hin, und er goss ihnen mit erhabnem Stolze den Rest seines Fussbades ins Gesicht.

Darauf nahm die Mahlzeit ihren Anfang, die überhaupt aus sechs Ingredienzen bestund, wovon ein jedes unzählichemal aufgetragen wurde: man sass vom Untergange der Sonne bis zum Anbruche des tages, und die sämtlichen Untertanen des Reichs standen in Parade um die Tafel: die untersten Vasallen bedienten ihn, und die übrigen lagen neben ihm am Tische. Nach aufgehobner Tafel wünschten Fromal und Belphegor sehnlich, von ihrer hohen Rolle befreit zu sein, allein nun fiengen erst die Lustbarkeiten an; sie mussten aushalten.

Sogleich traten zwei truppe schwarze Kerle hervor, die auf ein gegebnes Zeichen auf einander losgingen und sich mit Knitteln unbarmherzig prügelten, dass gleich bei dem ersten Angriffe drei tot auf der Stelle niedersanken. Belphegor und Fromal liessen durch ihren Dollmetscher, den Franzosen, flehentlichst bitten, eine so unmenschliche Lustbarkeit zu endigen; allein sie bekamen die lachende Antwort: es sind ja nur meine Untertanen. Belphegor ergrimmte über diese entsezliche Antwort so heftig, dass er ohne Fromals Zurückhaltung dem grossen Nazib den Hirnschädel gespaltet hätte. Die Streiter schlugen einander tot bis auf einen, der die Ehre des Siegs und zur Belohnung die erlaubnis bekam, den Staub von den Füssen des Nazib zu lecken. Belphegor liess noch einmal alle dergleichen barbarische Ergözlichkeiten verbitten; allein die Antwort blieb beständig dieselbe: es sind ja nur schlechte Kerle, meine Untertanen, meine Sklaven.

Als die beiden Europäer in ihre Hütte ermüdet zurückkamen, so konnte sie die Ermattung von einer so beschwerlichen Rolle nicht abhalten, über den lächerlichen Ehrgeiz des grossen Nazib zu lachen. So eine Karrikatur ist der Mensch, sprach Fromal, unter allen Zonen; die komischste Zusammensetzung von kindischem Stolze und läppischen Einbildungen: aber glaube nicht, dass er unter dem afrikanischen Himmel allein dies possierliche Ding ist! Unter allen neunzig Graden südlicher und nördlicher Breite, vom ersten Mittagszirkel bis zum lezten ist er das nämliche burleske geschöpf, nur