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bestürmen liess, so lange man beliebte. Auf diesem Wege hatte er sich die Wunde zugezogen, die Fromal kurirte, und wofür er jetzt ihm die Freundschaft erwies und sich nicht von seiner Seite trennte, ohne den Bitten seiner Aufsucher nachzugeben.

Da die Priester diese Vertraulichkeit merkten, so winkten sie den drei Europäern, ihnen zu folgen, welches sie taten, worauf der Löwe gleichfalls sich aufmachte und neben seinem Befreier herhinkte. Als sie an die Festung gelangten, fanden sie die Besatzung in Bereitschaft, an dem noch freien Orte auszuziehen und alles, was sie von ihren Vorräten hineingerettet hatten, der Raubbegierde ihrer Angreifer zu überlassen. Die höchste Gefahr drohte: die Löwen kletterten in dichter Schlachtordnung den Wall hinauf, der aus Sand und Holze verfertigt war, und ein Wagehals unter ihnen hatte seine Klauen schon kaum etliche Zolle von dem obersten rand des Walles entfernt, als Fromal mit seinen Begleitern ankam. Er stieg hinauf, das Schlachtfeld zu besehen, und fand die Klauen jenes Verwägnen schon oben, um durch einen Schwung den Bösewicht vollends herauf zu bringen. Schnell hieb er mit seinem türkischen Säbel sie beide ab, dass das Tier rückwärts über seine nachfolgende Armee wegstürzte und den ganzen Wall hinunterrollte. Darauf verlangte Fromal Feuer, erfuhr aber durch Zeichen, dass keines mehr vorhanden war; sie hatten schon oft mit brennenden Baumzweigen auf ihre Feinde kanonirt, die nach einem kleinen Rückzuge sogleich wieder anrückten: endlich war ein starker Regen dazwischen gekommen, hatte alle ihre brennenden Materialien ausgelöscht, und neues anzumachen, hatten sie weder Zeit noch Gegenwart des Geistes genug, besonders da ihre Metode, Feuer zu bekommen, ungemein langsam von statten ging. Fromal schlug mit einem europäischen Messer an den afrikanischen Feuerstein, den er dem Löwen aus dem fuss gezogen hatte, fing das Feuer mit trocknen Palmblättern auf, hielt sie an eine resinöse Materie, die leicht Feuer fängt und von den Einwohnern zu diesem Endzwecke herbeigeschaft war, brachte es glücklich zur Flamme, zündete vorrätige Baumzweige an, befahl auch andern, seinem Beispiele zu folgen, und so rennte er nebst einem truppe Einwohner mit flammenden fackeln den Wall hinauf, fuhr mit ihnen auf die kletternden Feinde zu, die sich anzuhalten hatten und deswegen nicht verteidigen konnten, sengte ihnen Rachen, Mähne und Ohren; sie stürzten brüllend herunter, andre wollten dem Feuer trotzen, liessen sich aber doch vertreiben, die sämtliche Belagerer gerieten in Verwirrung, stürzten, rollten, wälzten sich hinunter und nahmen mit versengten Nasen und Ohren ihren Abzug, indessen dass ihnen Fromal mit seinem siegreichen truppe unaufhörlich lodernde Aeste nachschickte, so weit man sie schleudern konnte. Da der Sieg ungezweifelt war, erhub Fromal ein lautes Triumphgeschrei, welches die Einwohner nachahmten, worauf sie ihn auf ihren Schultern ins Dorf nebst seinen beiden gefährten zurücktrugen. –

Siehst du, Brüderchen? sagte Medardus zu Belphegorn, als sie auf einem öffentlichen platz niedergesezt wurden: sagte ich dir nicht? wer weis, wozu das gut ist, dass Prinz Amurat sich erstach, dass die Markisinn gespaltet, alle unsre Mitsklaven niedergehauen, und die Schiffer von uns ersäuft wurden? – Siehst du nun? Wir sollten hier die Löwen verjagen, und vielleicht gar–

Viel Anstalt zu einem kleinen Nutzen! sagte Belphegor, wenn er dies ganz sein soll! –

Nur Geduld, Brüderchen! Wer weis, wer weis!

Es war die hergebrachte Gewohnheit des Landes, dass die heiligen Löwen nach einem glücklich abgelaufnen Löwenkriege mit einem Menschen beschenkt wurden, dessen Aufopferung sie wegen des Schadens wieder versöhnen sollte, den man ihrem Geschlechte zugefügt hatte. Aus einer ökonomischen Absicht, die Eingebornen des Dorfs zu schonen, kamen die Priester diesmal auf den sinnreichen Einfall, einen von den drei angelangten Weissen dazu anzuwenden, die ihnen ohnehin verdächtig worden waren, weil sie die Ueberwindung der Feinde bewerkstelligt, und dadurch ihre priesterliche Wunderkunst beschämt hatten. Aus tückischem priesterlichen Neide taten sie den unseligen Vorschlag und bestunden darauf, so sehr auch das Volk aus Dankbarkeit sich demselben widersezte; und konnte ein christlicher Pabst bloss um eine angenommene Grille geltend zu machen, versichern, dass es ihm und Gotte angenehmer wäre, wenn die Priester Schwärme Konkubinen hielten und Millionen unehliche Kinder umbrächten, als dass ein Priester Eine rechtmässige Frau nähme und Ein rechtmässiges Kind zeugte, so darf man es einem afrikanischen Priester um so viel weniger verargen, wenn er aus Neid einen hässlichen Weissen den Löwen vorsetzen und lieber undankbar sein, als eine hergebrachte Gewohnheit übertreten will. Sie beharrten hartnäckig darauf und lasen, ich weis nicht warum, den armen Medardus zum Schlachtopfer aus, während dass er sich bemühte, seinem Freunde die weise Anordnung der menschlichen begebenheiten und ihre Abzweckung zum Guten zu beweisen.

Fromal merkte bald, dass eine ausserordentliche Bewegung unter seinen neuen Freunden vorging, er erkundigte sich bei seinem Nachbar, der ihm durch seine Pantomime zur Not erraten liess, dass seinem gefährten eine Gefahr bevorstünde, ob er gleich die eigentliche Beschaffenheit derselben nicht zu erfahren vermochte. Ehe er sie ausstudieren konnte, sah er seinen armen Freund schon von den Priestern umringt, die ihn mit den heiligen Binden von Palmblättern behiengen und zur Speise der Löwen einweihten. Fromal erriet zwar ihre Absicht nicht, allein aus dem vorhergehenden Winke eines Schwarzen schloss er doch nichts Gutes; er zischelte dem Belphegor seinen Argwohn ins Ohr, der ihn nicht so bald vernahm, als er mit seiner gewohnten Heftigkeit auf die Priester losgehn wollte: doch Fromal stiess ihn zurück und übernahm es, für ihn zu sprechen: er drohte mit seinem