der Grausamkeit einflössen würden.
FR. Nicht den leichtesten Schwur tue ich für mein Herz. Wenn alle Menschen bisher, so bald ihr Neid, ihre Vorzugssucht Zunder bekam, entglommen, und wenn nicht andre Rücksichten und Triebe sie abhielten, in Krieg, ein jeder auf seine Art, ausbrachen, warum sollte ICH so stolz sein, mich für die einzige glückliche Ausnahme zu achten? – kommt, Brüder! wir wollen uns lieben, so lange wir können, so lange nur Datteln uns entzweien müssten; – und so standhaft wird doch wenigstens unsre Freundschaft sein, dass sie sich wider eine Dattel verteidigen kann? – Hier in Wüsten, in der Einsamkeit, wo kein Neid, kein Interesse, kein Vorzug uns aufwiegeln kann, hier lasst uns unser trauriges Schicksal verbessern, und den Nutzen für unsre Freundschaft daraus ziehen, den die Dürftigkeit uns anbeut!
Belphegor und Fromal umarmten sich freundschaftlich, indessen dass dieser versicherte, wie sehr er aller falschen Anmassung feind sei und darum frei gestehe, dass nach seiner Erfahrung der Schwur einer immerwährenden Freundschaft nur in Romanen, in der Einsamkeit, oder beständigem Elende statt finde. Während dass diese Umarmung beide beschäftigte, rief Medardus voller Schrecken: Jesus Maria! siehst du, Brüderchen? – Der Schrecken hatte ihn ganz vergessend gemacht, dass er ein Protestant war, und er wiederholte zu verschiedenen malen sein altes angewöhntes, Jesus Maria! – Als sich Fromal nach ihm umsah, erblickte er einen Löwen, der seine beiden Vorderklauen auf die Schultern des Medardus gelegt hatte und keuchend den aufgesperrten Rachen über seinem kopf hielt, dass es nur noch nötig war zuzuschnappen, um ihn mit Einem Bisse vom Rumpfe abzureissen. Die ganze Gesellschaft war in der höchsten Bestürzung und sah das Ungeheuer, wie versteinert, an. Fromal bemerkte zuerst, dass das Tier von Zeit zu Zeit einen schmerzhaften blick auf die linke Klaue, und dann einen bittenden auf ihn warf, aus welcher Gestikulation er schloss, dass es von einem Uebel befreit zu sein wünschte. Weil dies eine so bequeme gelegenheit war, sich in die Gunst dieses gefürchteten Gesellschafters zu setzen; so nuzte sie Fromal, fasste seinen Mut zusammen und näherte sich ihm, um den Schaden zu besichtigen. Der Löwe brüllte ihm einen freudigen Dank entgegen, dass der arme Medardus, dem diese Dankbarkeit wegen der Nähe in ihrer ganzen Stärke in die Ohren fuhr, vor Erschrecken vorwärts niederstürzte und eine Zeitlang glaubte, dass er wahrhaftig in dem Magen des Löwen schon verdaut würde: das Tier warf sich auf die rechte Seite und reichte Fromaln die kranke Klaue dar. Die Kur war höchstgefährlich: denn er hatte sich einen scharfen Feuerstein so tief in das Fleisch eingetreten, dass kaum genug hervorragte, um ihn anzufassen; überdiess machte die Furcht die Hand des Wundarztes zitternd und jeden Handgriff unsicher: doch er sezte mutig an und zog ihn glücklich heraus, nahm etliche Palmblätter, band sie ihm mit einem Reste von europäischem Bindfaden, den er eben in der tasche fand, darauf, und zog sich demütig in eine bescheidne Ferne zurück. Der Patient riss die Verbindung ab, und leckte die blutende Klaue, bis das Blut gestillt war: alsdann sprang er auf, lehnte sich an Fromaln hinan, der jeden Augenblick statt des Honorariums seinen Tod erwartete, und leckte dankbar sein Gesicht mit der breiten Zunge, dass es von Geifer triefte. Diese grossmütige Gesinnung erwarb ihm das Zutrauen der ganzen Gesellschaft so sehr, dass sie ihm ihre Hochachtung und aufrichtige Ergebenheit durch Liebkosungen von jeder Art an den Tag legten, die er mit erhabner Majestät in Gnaden anzunehmen geruhte. Da man aber befürchtete, dass bei längerer Gesellschaft der Hunger endlich in nahrungslosen zeiten die Dankbarkeit des Monarchen ersticken, und er seine eifrigen Verehrer alsdann aufspeisen möchte, so dachte man auf eine heimliche Entfliehung von ihm. Doch jeden Schritt, den Fromal tat, begleitete er; er war sein Busenfreund.
Mitten unter diesen Ueberlegungen und Bemühungen, seiner Freundschaft zu entwischen, kam ein Trupp von schwarzen Einwohnern des Landes, die kaum den Löwen erblickten, als sie sich ihm mit den ehrerbietigsten Konvulsionen und feierlichsten Geberden auf den Knieen näherten. Das majestätische Tier blieb ernstaft an der Seite seines geliebten Fromals liegen, und bewegte nicht Einen Fuss, so sehr die Schwarzen ihn auch darum ersuchten.
Dieses Tier war, wie sich nachher zeigte, ein wichtiges Mitglied des dasigen staates. Die Einwohner leben mit den Löwen im beständigen Streite, um dessentwillen man Schanzen und Kastele angelegt hat, die jene Feinde so regelmässig angreifen und bestürmen als wenn sie die Kriegskunst des Königs von Preussen gelesen hätten. Wenn bei einer solchen Belagerung sich der Vorteil auf die Seite der Belagerer zu neigen scheint, so wird ein gezähmter Löwe, den man in jeder Festung zu diesem Endzwecke unterhält, als Bevollmächtigter zu seinem Geschlechte abgesendet, sie durch glimpfliche Vorstellungen von ihren ruchlosen Feindseligkeiten abzubringen und billige Friedensbedingungen zu erbitten. Diese Vermittelung ist, wie man es ihr ansieht, eine Erfindung der Priester, die einen solchen Abgesandten, statt des Beglaubigungsschreibens, mit geweihten Palmblättern behängen – eine Zierde, die er gemeiniglich bei dem ersten Ausgange von sich wirft. Ein Dorf hatte eben jetzt eine solche harte Belagerung auszustehn, und da man sich auf das Aeusserste gebracht sah, so griff man zu dem lezten Rettungsmittel und sendete den geheiligten Löwen ab: doch kaum war der Treulose herausgelassen, als er die Wichtigkeit seiner Sendung und seinen ganzen Auftrag vergass, sein Kreditiv von sich warf, davon rennte und belagern und