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zu würgen, sich zu verfolgen, sich zu verachten; die Menschen mussten sich vereinigen, um sich zu trennen, um sich unter dem Namen der Nationen, der Stände zu hassen, zu verachten, zu verfolgen. – Was sind Städte anders als Fechtplätze, wo man mit Verläumdungen streitet? – Alles, alles nüzten die Menschen, um den Naturkrieg fortzusetzen, von dem unsre Kultur nichts als eine veränderte gemilderte Form ist, wie ich vorhin sagte.

Es wurden Monarchen; man kämpfte um ihre Gunst. Es wurden Ehren, Titel und Würden; man kämpfte darum. Doch unter den vielen possierlichen Kriegen hat mir keiner mehr Laune gegeben, als der Kampf um öffentlichen Beifall. Wenn ein Dichter über alle seine werten Zunftgenossen sich bitter satirisch lustig macht, ist das etwas anders als zu dem Publikum sagen: ihr lieben Leute, ich will euch zwingen, dass ihr MICH alle für den grössten Geist erkennen sollt; und hat er sich in den Besiz seines gesuchten Ruhms hineingedrängt, so hat er nichts getan, als die Leute beredet, dass sie ihm den Gefallen erzeigt und ihn für etwas Grosses gehalten haben. – Was sind Spiele, gesellschaftliche Ergötzungen anders als Kriege im grund? Auch wenn er sich die Zeit verkürzen soll, muss der Mensch streiten, mit der Karte, dem Würfel, der Kugel. – Selbst das sanfte unkriegerische Geschlecht, dem alle Waffen versagt zu sein scheinen, wählte, um nicht allein in Musse zu leben, zu ihrem Kriege Blicke, Worte und Kleider, und führte ihn mit Perlen, Juwelen, Stoffen und derZunge.

Nur Erzbischöffen, Päbsten und Bischöffen war es vorbehalten, das ehrwürdigste erhabenste unter Menschen, die Religion, zum gegenstand ihrer Kriege zu misbrauchen; und unter allen Religionen genoss die christliche zuerst diese Ehre. Man zankte sich um den Episkopus oekumenikus, um das Wörtlein Filioque, um Ortodoxie und Ketzerei, verbannte, verfluchte, exkommunicirte, verfolgte, trennte sich, alles in Gottes Namen, und eigentlich auf Antrieb und Begehr des Neides und der Vorzugssucht.

Wenn zu allen zeiten vom Anbeginn, in allen Teilen der Welt, unter allen Völkern, in allen Ständen der Menschheit und der Gesellschaft der Krieg unter Menschen dauerte, noch fortdauert, und die verschiedenen Gattungen desselben nur die Waffen und die Führungsart unterscheiden; wenn am hof und in der Stadt, der Gelehrte und der Handwerksmann, Mannspersonen und Frauenzimmerwenn jedes, der grösste und der geringste, nur für sich kämpft, über alle will und alle unter sich haben will, und omnes malunt sibi melius esse quam alteri; wenn dieser allgemeine Streit das ewige Gaukelspiel der Welt gewesen ist: was sollen wir alsdann denken? – Dass die natur Affen auf diese Erdkugel sezte, die sich um goldne Aepfel und saure Feldbirnen, die das Schicksal von Zeit zu Zeit unter sie wirft, herumprügeln, und jeder Preis mit der Aufschrift: dem Stärksten! bezeichnet ist.

BELPH. Fromal, du bist ein unglücklicher Mann mit deinen Schlüssen. Warum willst du nun vollends den Rest von Traume verscheuchen, mit welchem mich mein Herz täuschte? – Gewiss, du suchtest nur die gehässigsten Züge zu deinem Bilde zusammen, und warfest alle zurück, die dir die Menschenliebe darbot.

FR. Die Menschenliebe? – Die Menschenliebe der Spanier meinst du wohl, als sie Millionen ihrer vielgeliebten Nebenmenschen zur Ehre Gottes und seiner apostolischen Majestät erwürgten? oder die Menschenliebe der Römer, die um der vortreflichen Einbildung willen, Herren der Welt zu sein, dem halben damals bekannten Erdboden die Freundschaft erzeigten, sie nach einem kleinen Blutbade zu ihren Untertanen zu machen? oder

BELPH. Kein oder mehr! ich bitte dich. – Warum nimmst du deine Originale nicht lieber aus dem sanften häuslichen niedrigen gesellschaftlichen Leben, aus deinem, aus dem herz deiner Freunde, aus dem friedsamen Alter der Kindheit, dem offnen Gemüte der Jugend

FR. Warum rätst du nicht lieber, aus dem Teokrit oder Gessner? – Soll ich, um eine truppe Gladiatoren zu charakterisiren, die Zuschauer schildern? weil diese friedlich und nur in ihrem Beifalle uneinig dasitzen, ohne sich Leides zuzufügen, diese Züge in ein Gemählde von den Fechtern hineinzwingen? – Noch ist nicht einmal jenes Alter von allen Spuren des allgemeinen Naturkriegs leer: selbst Kinder trennen sich bei ihren uninteressirten Spielen in Parteien, ihre liebste Ergötzung ist balgen, das kleinste Mädchen ficht mit ihren ersten goldnen Ohrringen wider das zierdelose Ohr des Jüngern, aus Vorzugssucht verdrängt der vornehmere Knabe den geringern von seinem Spiele, oder erniedrigt ihn zu seinem Aufwärter, man kämpft um die Gunst der Eltern, der Lehrer, oft der Bedienten, das Kind beneidet schon das andre, wenn es nach seiner Meinung schönere Pompons erhalten hat, es will der aufgewartete Monarch in seinem Wirkungskreise sein. – Und wir, bester Belphegor, ungern sage ichs! wir lieben uns, so lange wir keine Ursache haben, uns zu hassen. Alle Menschen lieben sich, so lange sie in gleicher Linie stehen, sind mitleidig, wohltätig, ohne alle Grausamkeit gegen einander: rückt einer über die Linie, dann gute Nacht Freundschaft! So bald der Zufall unsre Liebe auf eine probe stellte, uns Materialien des Hasses und des Streites zuwürfeBelphegor! Belphegor! fühle an dein Herz und forsche!

Belphegor und Medardus schwuren beide, dass Himmel und Erde in ein Chaos zusammenstürzen könnten, ehe Zufall, Schicksal, Glück, Macht und Reichtum ihnen die mindeste Regung des Neides oder