der Kampf ist noch nicht geendet, noch nicht entschieden, der Mensch noch immer der Fechtplatz, wo diese beiden Gegner um die Obergewalt ringen, abwechselnd bald die eine, bald die andre Partei auf kurze Zeit einen Vorteil erjagt, den oft der nächste Augenblick wieder zernichtet. Doch ist es dem Mitleide so weit geglückt, dass es dem Neide und seinem Gesellschafter die Verbindlichkeit aufgezwungen hat, nie anders als unter einer von IHM geborgten Maske zu erscheinen; und diese Masken sind – unsre Tugenden. Der Neid hatte indessen eine zahlreiche Nachkommenschaft, die Laster, geboren, und auch diese mussten sich unter jene Verbindlichkeit schmiegen. – Europa liegt unter dem Himmel, wo dieser glückliche Vertrag zuerst errichtet wurde: man führt dort den Krieg der natur klüger, dass ich so sagen mag, man führt ihn unter der Aufsicht des Mitleides; aber geführt wird er, nur mit andern Waffen und auf andre Art als ehmals.
BELPH. Aber, Fromal, so wären ja die verschiedenen Stufen, die die Menschheit durchwandert hat, nichts als verschiedene Formen von Kriege, die nur die Veränderung der Waffen und des Manövre unterschiede?–
FR. Nicht anders! wenigstens bis hieher, nicht anders! – So gar Menschen, die nicht –
MED. Brüderchen, da ich studierte, hörte ich viel von Grundtrieben und abgeleiteten Trieben: die beiden hässlichen, die du da nennst, sollen doch wohl nicht die Grundtriebe des Menschen sein?
FR. Freund, nichts ist schwerer und willkührlicher, als die Genealogie von den Trieben der menschlichen Seele. Ich weis, welche in ihr liegen, aber welche die natur gepflanzt hat, und welche aus diesen aufgewachsen sind, das ist mir völlig unbekannt: ich denke aber, dass zu allen, was in der Seele ist, die natur eine Anlage mitgeteilt haben muss. So viel weis ich auch, welche unter diesen Trieben die zu allen zeiten, unter allen Völkern, unter allen Menschen allgemeinen gewesen sind; diese, schliesse ich, müssen ihm eben so wesentlich als Augen, Nasen, Ohren sein; wie aber nie zwei Nasen, zwei Augen einander völlig gleich sehen, so hat der Neid, die Vorzugssucht bei verschiedenen Nationen, bei verschiedenen Menschen, in verschiedenen Ständen der Menschheit und der Gesellschaft eine verschiedene Mine: die Grundzüge aber sind bei allem eins. – Diese Allgemeinheit derselben leuchtet am drollichsten bei denen hervor, die das Schicksal in eine solche Lage sezte, dass sie nicht herrschen, oder mit ihren Mitbrüdern um Sklaverei, Länder und Völker die Lanze brechen konnten. Um bei der allgemeinen Tätigkeit nicht müssig zu sein, ersannen sie sich ein andres Etwas, ihre Tapferkeit daran zu üben: sie wählten unblutige Waffen, wie sie ihre Umstände erlaubten, und wenn sie einen Kitzel bekamen, das Schauspiel etwas interessanter zu machen, so zogen sie Leute mit hinein, denen Würgen und Morden verstattet war. Die Philosophen erfanden sich ein Ding, das sie Wahrheit nennten; um dieses hinkten sie herum, wie die Götzendiener des Baals. Sie erfanden eine Kriegskunst7, Regeln des Angriffs und des Rückzugs, Trenscheen, Stratageme, Laufgräben, grobes und kleines Geschütze; und die edlen Ritter der Wahrheit sind jederzeit die treflichsten Kanonirer gewesen. Das schnurrichste bei dem ganzen Kriege war, dass das bestrittne Ding gar nirgends existirte, sondern erst aufgesucht werden sollte. Folglich war ihr Krieg ungefähr auf den Schlag, als wenn die europäischen Mächte einen um die terra australis incognita, die unentdeckten Länder des Süderpols führen wollten. Was müssten sie tun, um ihrem Streite doch einem leidlichen Anstrich zu geben? – Spanien würde sagen, ich supponire, dass mein Alt- und Neukastilien diese Länder vorstellt; England supponirte, dass Schottland oder Irrland, Frankreich, dass Languedoc oder Provence es unterdessen sein sollten; und eine ähnliche Supposition machte jede andre Macht, die an dem komischen Kriege einen rühmlichen Anteil zu nehmen gedächte; und nun frisch losgeschlagen! zerhauen und zerschossen! – Sonach könnten diese Mächte einen ewigen Krieg um die eigentliche terra australis incognita mit einander führen, bei jeder Eroberung der unterdessen dafür angenommenen Länder einen Frieden schliessen und sich die Eroberungen wieder herausgeben. Hätten sie nicht unendlich vorteilhafter und vielleicht auch klüger gehandelt, wenn sie in Ruhe und Frieden auf die Entdeckung dieser Länder ausgegangen wären? und dann – omnis res cedit primo occupanti. So ein Froschmäusekrieg war der Krieg der Philosophen um die Wahrheit; jeder supponirte nicht, sondern behauptete, das was mir Wahrheit scheint, ist Wahrheit, und das Glück der Waffen soll entscheiden, wer im Punkte der Wahrheit herrschen und dem Glauben und dem Beifalle der übrigen gesetz vorschreiben soll. Man sonderte sich auch hier in Rotten und Faktionen, auch hier waren Neid und Vorzugssucht die Waffenträger, auch hier galt es Unterdrückung und Herrschsucht. Es ist alles eins: nur andre Gegenstände, andre Waffen.
Durch eine lange Reihe der begebenheiten bildeten sich in der Gesellschaft verschiedene Stände, wurden verschiedene Lebensarten nötig: und gleich entstund daher der grosse Krieg der Verachtung, dieser possirlichste und doch allgemeinste Krieg, da jeder Stand den andern herabsezt, jeder höhere den niedern verachtet, und der niedere sich durch Spott an dem höhern rächt – dieser Verachtung, die nicht bloss innerhalb der grenzen der Verachtung bleibt, sondern aus den Menschen Faktionen macht, worunter jede ein einzelnes Interesse von den übrigen absondert. Der Mensch ist ein geselliges Tier; wenn er es ist, so ist er es nur, um sich in Rotten zu teilen, sich