1776_Wezel_104_4.txt

hoffen; sie musste sich also ihren Mann wieder suchen, der so treuherzig, wie du, sein Geld für Blicke und Minen hingiebt: ist er mit seinen kleinen Schätzen am Ende, so schlägt sie ihn lahm, wie dich, oder wohl gar ein Paar Beine entzwei.

Soll man es dulden, dass die Hässliche die edelste empfindungsvollste Klasse der Schöpfung durch ihre Teilnehmung an dem schönsten Geschlechte entweiht?

"Du machst mich zu lachen, guter Belphegor! – Ich dächte, du tätest eine kleine Reise durch die Welt: die wird dich von deinem Grame und deiner Empfindlichkeit kuriren. Lerne, was für ein Ding der Mensch und die Welt ist! dann wollen wir sehen, ob deine Empfindung sich ausdehnen oder zusammenschrumpfen wird. – Schäme dich! wer wird um eines hübschen Mädchens willen zum Narren werden? – Fort in die Welt hinein!

Oder lieber aus ihr! Hier ist mein Dasein vorüber; ich habe gelebt.

Freilich lebt sichs schlecht, wenn man kein Geld "mehr hat; um einer Akante willen geh ich dir nicht Einen Schritt näher zum grab. wenn es denn nun ja sein musses gibt ihrer mehr!

Aber so hinterlistig zu täuschen!

Vergiss das nur, und sieh erst, ob du der einzige bist!

Die heilige Unschuld zum Deckmantel zu misbrauchen!

Ich bitte dich, vergiss das! Alle Menschen betriegen und werden betrogen; einer laurt auf den andern, ihm ein Paar Schritte abzugewinnen, oder, wenn er kann, ihn mit Gewalt zurückzustossen: alles ist im Kriege, und ohne Waffen geschehen alle Tage Niederlagen und Siege.

Und der Freche! meiner zu spotten!

natürlich, weil er der Stärkere war! Der Sieger hat allezeit Recht vom Ganges bis zur Spree und bis zum Südmeere.

Fromal, so verhülle ich mich in meine Tugend. –

Das kannst du tun, wenn du fein zu haus in deiner stube bleiben willst; aber so bald du dich unter die Menschen mengst, so wird die Hülle in kurzem Löcher bekommen: sie zersetzen sie dir, oder du musst sie bei Seite legen und dich so lange herumbalgen, bis du dich in Autorität gesezt hast: dann fürchten sie sich, und du kannst dein Hüllchen wieder hervorholen.

Himmel! hat mir die Verderbniss auch meinen Fromal geraubt? – Du warst mir sonst so teuer

Weil ich so oft von moralischer Schönheit, von Empfindung, von Liebe in einer Begeisterung mit dir sprach, in welcher damals meine Fantasie taumelte, und deine noch herumschwärmt! Ich weis nunmehr, was eine jede von jenen Raritäten in dieser Welt wert ist; der Firniss ist von meiner Fantasie weggewischt: lass dir Deine auch ausputzen! Du hast alsdann zwar weniger einsame Freuden, aber auch weniger Leiden unter Menschen; und wenn du ja einmal wider einen recht herzangreifenden Puff des Schicksals eine Stärkung brauchst, so wird eine Fantasie, wie die Deinige, noch immer brennbar genug sein, um sie auf ein Paar Stunden zu erhitzen.

Du, sonst der edle, der empfindende, der begeisterte Verehrer der Tugend! – Doch die Welt

hat mich aus meiner Begeisterung gerissen; du wolltest sagenverdorben! – wie man es nimmt! was wir sonst einander vorschwatzten, war der Rausch einer warmen Imagination und eines warmen Herzens: jetzt bin ich nüchtern; ich sage dir nicht mehr so viel Schönes und Begeisterndes, aber desto mehr Wahres: was kann ICH dafür, dass dies weniger begeisternd ist. – Ich bin dir doch noch teuer, wie sonst?

O Akante! o Welt!

Lass doch Akanten und die Welt in Ruhe! Verhülle dich in Unempfindlichkeit! das ist der beste Mantel.

So lehre mich, Fromal, meinem Herzen gebieten, dass es nicht schlägt, und meine Gedanken, sich selbst umbringen! – O die Menschen können die Empfindung gar herrlich abschleifen! Sie reiben an Geduld und Empfindung so lange, bis die Schärfe stumpf ist. –

Doch, sezte er hinzu, indem er das Gespräch abbrach, hast du gar kein Geld mehr?

Die Antwort war: Nein. – Nimm! fuhr Fromal fort, hier teile ich meinen lezten Rest mit dir. Lass dich heilen, und dann wandre, wohin dich dein Schicksal führt! Nimm dein Herz und deinen Verstand mit, aber deine Empfindung, Akanten und ihr Andenken lass um des himmels willen hier auf diesem Flecke zurück! Lebe wohl! – und gleich gab er dem stummen Belphegor einen freundschaftlichen Kuss, schwang sich auf sein Pferd und trabte davon. – Vielleicht finden wir einander wieder, war sein letzter Zuruf, dann wollen wir sehen!

Belphegor sass unbeweglich, wie in den Boden gepflanzt, seufzte, weinte mit unter ein Tröpfchen, exklamirte, winselte, schalt, lobte seinen weggegangnen Freund, zählte sein Geschenk, warf es von sich, las es wieder zusammen; und endlich nach zwo Stunden voll solcher unruhigen ängstlichen Grimassen, da die Dämmerung einbrach, fing er an zu überlegen, was bei so gestalten Sachen zu tun sei. Die Dämmerung wurde zu pechschwarzer Nacht, und seine überlegung war dem Entschlusse keinen Strohhalm breit näher; er sank vor Mattigkeit nieder, schlief ein, und fand bei dem Erwachen für seine Beratschlagung so freies Feld als Tages vorher.

Die Ruhe hatte indessen seine Lähmung und seinen Schmerz verschlungen; er konnte wieder gehen. Gegen Mittag fand sich eine Menge Gäste bei Akanten ein;

Musik, Geräusch, alles verkündigte die Freude eines Bankets, das ihr