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auf die Eingebung eines wilden Traums anzufallen, einzuschränken, aufzureiben, zu vertilgen und gar aufzufressen? – In allen Ständen der Gesellschaft und der Menschheit ist der Mensch Krieger, Unterdrücker, Räuber, Mörder gewesen. Ein teil unsers Planetens ist endlich dahin gelangt, dass die Menschen sich einander ruhig unterwarfen, die Obergewalt, die der Zufall begünstigte, für Recht gelten liessen, dem Stärkern wichen, der notwendigkeit der Inferiorität nachgaben, in die Verhältnisse geduldig sich bequemten, die der Zufall angeordnet hat: aber das Spiel der Welt ist im Ganzen immer noch das alte, nur in regelmässigere Form gebracht und mit weniger grausen und unmenschlichen Scenen überhäuft.6 Wenn die Entschuldigungen der Kriege, die einige Gelehrte ausgesonnen haben, etwas mehr als erbettelte Ausflüchte heissen können, oder wenn sie deswegen zulässig sind, weil sie unvermeidlich notwendig, bisher wenigstens, gewesen sindwelches unter allen Beschönigungen die einzige geltende istso muss die Bestimmung der Menschheit auf diesem Planeten im Ganzen diejenige sein, die ich vorhin angab, oder kein Geschlecht von Geschöpfen hat bisher seiner Bestimmung so sehr zuwider gelebt als die Menschen.

BELPH. Ich bitte, ich beschwöre dich, Fromal, mache den verhassten Schluss nicht! lass mich ihn nicht wissen, wenn er gleich Wahrheit ist! – Und wenn ja der Mensch im Ganzen das war, wie du ihn schilderst, so sagt mir doch mein Herz, dass, den Menschen im einzelnen betrachtetdass du da lügst. –

FR. Lügst? – Das möchte ich bewiesen sehen! Hast du nicht durchgängig Neid und Vorzugssucht, als zwei der stärksten Gewichte, in jedem Menschenherze gefunden? Ich dächte, du hättest zu deinem Herzeleide Beispiele genug davon erlebt. Dein eigenes menschenfreundliches Herz ist, offenherzig gesprochen, nicht davon leer: aber wohl dir, dass die natur mit deiner sanften liebenden Empfindung dir ein Gegengewicht einhieng, das jenem die Wage hält! Lass deinen jetzt nur glimmenden Neid, deine jetzt nur lauschende Vorzugssucht Zunder findenich prophezeihe dir, sie lodern beide zur Flamme auf

BELPH. So viel ich mich kenne, nimmermehr! –

FR. Und so weit ICH den Menschen kenne, gewiss! Du würdest nie ein grausamer fühlloser Würger werden, dein Neid, deine Vorzugssucht würde immer noch die Menschlichkeit mehr als bei jedem andern zur Begleiterinn haben; aber sie würden gewiss beide hervorbrechen, sei es in welcher Gestalt es wolle.

BELPH. Ich schwöre dir: eher wollt ich mein Herz aus dem leib reissen, eher

FR. Schwöre nicht! Das Schicksal hat oft wunderliche Grillen; es könnte dich in Umstände versetzen, wo du an deinem Schwure meineidig werden müsstest.

MED. Brüderchen, den Schwur wollte ich auch tun.

FR. Der Himmel wird euch vermutlich den Meineid ersparen; aber, aber ... Neid und Vorzugssucht sind die zwei allgemeinen Hauptzüge aller menschlichen Charaktere; so viel ich ihrer aus der geschichte, aus der Erzählung, aus dem Umgange kennealle, alle hatten stärkre oder schwächre Schattirungen davon; oft waren sie freilich mit den übrigen Farben des charakters so verschmelzt, dass ein feines Auge dazu gehörte, sie zu erkennen: aber vorhanden waren sie. Wenn die menschliche Tätigkeit von zwo solchen Federn in Bewegung gesezt wird, so ist allgemeiner Krieg in jedem verstand eine unvermeidliche Folge: jeder will über den andern, und jeder beneidet den andern, wenn er über ihn ist, es sei, worinne es wolle: dies ist ein unläugbares Faktum seit der ersten Existenz der Menschen: allzeit bricht dies freilich nicht in hellen flammenden Krieg aus, weil tausend andre Rücksichten, ganz unzähliche Neigungen und Rücksichten jenem Bestreben, jenem Neide das Gleichgewicht halten und ihre fürchterlichen Ueberströmungen hindern. Oft reisst aber der Strom nicht den Damm durch, sondern gräbt sich einen Weg an einem weniger festen Orte unter dem Boden, ergiesst sich durch, und Niemand weis es, als bis er die Ueberschwemmung fühlt. Von diesen beiden Trieben sind die meisten unsrer Laster und Tugenden Abkömmlinge oder Masken: die Eigenliebe ist die Mutteroder wenn ich hier in Bilidulgerid unter einem Palmbaume eine in Europa erfundne Allegorie wiederholen darf, so will ich sie euch mitteilen. – Die Eigenliebe und das Mitleid wurden dem neugeschaffnen Menschen zu Begleitern gegeben, ihn durch den mannichfaltigen Kampf dieses Lebens hindurchzuführen: jene sollte seine Tätigkeit anspornen, ihm den nötigen Stoss geben, um sich selbst, wie um seinen Mittelpunkt, zu bewegen, dieses ihm Einhalt tun, wenn ihm in dem Kreise seines Umlaufs eins seiner Geschöpfe im Wege stünde, dass er es nicht unbarmherzig in seinen Wirbel hinriss: jene sollte überhaupt ihn antreiben, dieses zurückhalten, jene tätig, wirksam, dieses gerecht, gütig machen. Nach einer kurzen Bekanntschaft mit den Menschen entsprungen aus dem kopf der erstern zwei KinderNeid und Vorzugssucht, die das Amt der Mutter übernahmen und von nun an die Führerinnen der Menschen wurden. Sie entzündeten einen ewigen Krieg unter dem Menschengeschlechte, verdrängten die Gefährtinn ihrer Mutter, das Mitleid, von ihrem Geschäfte und machten die Menschen zu grimmigen grausamen Tigern, worunter der Stärkre den Schwächern fühllos zerfleischte. Endlich zog das Schicksal das vertriebne Mitleid aus seiner Verweisung zurück und suchte es zu seiner Würde wieder zu erheben. Jene Vertreiber willigten nach langem Widerstande in einen Vertrag: sie blieben die Regierer der Menschen, wie vorhin, und liessen es auf einen Kampf ankommen, wer von den beiden Parteien der einzige oberste Herrscher, und wem die andre unterworfen sein sollte: