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, der gewiss alle ohne Kopfzerschmeissen ernähren würde, wenn sie nur gut einzuteilen gewusst hätten?

Kaum hatten sich die zusammengerotteten Schwärme auf verschiedenen Plätzen gelagertsiehe! da fährt einem wunderlichen mann der Hochmut in den Kopf; er will mehr als andre sein; kurz, er machte es so listig und grob, dass die andern von seiner Rotte ihn für ihren Herrn erkannten, oder erkennen mussten. Geschwind überfiel mehrere der nämliche Hochmut; sie taten es ihm nach. Nun ging ein neuer Zank an; einer wollte herrschen, der andre auch, der dritte desgleichen, und noch mehrere: sie schlugen sich abermals herum, und die Leutchen, die zum Gehorchen gemacht waren, gaben ihre Köpfe dazu her. Bisweilen teilten sich zwei in die Gewalt, und bei der nächsten gelegenheit verdrängte einer den andern; oder einer riss gleich die ganze Macht an sich; ein teil wollte, der andre musste gehorchen.

Da diese gelegenheit zum Zanke so ziemlich abgenuzt war, und alle Rotten ihre Herrscher hatten, so wandelte diese ein noch artigerer Hochmut an; einer wollte des andern Herr sein. Sie machten ihren Rotten etwas weis, dass sie mit ihnen gingen und die andern Nebenmenschen so lange und herzhaft plagten, was diese nicht zu erwiedern vergassen, bis einer oder der andre den Hals zum Joche darbot und den andern seinen Herrn nannte. Die Rotten hatten meistens nicht den mindesten Vorteil dabei; aber da ihnen doch der liebe Gott zwei arme gegeben hatte, so wussten sie dieses Geschenk nicht besser anzuwenden, als sich damit herumzuschlagen; und daher ermangelten sie niemals, wenn ihnen gepfiffen wurde, auf einander loszugehn. Das Spiel ging nun ins unendliche fort; es kam mit der Zeit so weit, dass sich der Herrscher alles, und seine Rotte nur ein Nebending ward, das um seines Interesse willen ohne Bedenken geschlachtet und gewürgt wurde. Einem gefiel der Fleck, den der andre mit seiner Rotte besass; er nahm ihn weg, und wer ihm den Besiz streitig machte, wurde niedergesäbelt. Dieser sah, dass die Menschenkinder in der andern Rotte hübsche Töchter hatten; er nahm ihnen eine gute Ladung weg, und der Stärkre besass sie.

Der Menschenverstand wurde von Tage zu Tage feiner und also auch die Begierden. Lange Zeit waren den Sterblichen Weiber, Felder, Hütten, Berge, Täler, Gewalt, herrschaft gut genug, sich deswegen die Kehlen abzuschneiden: sie zankten sich um ein grobes Etwas, doch jetzt prügelten sie sich um ein feines Nichts, um eine idee, umdie Ehre. War das nicht eine Verfeinerung, eine Erhebung ihrer Kräfte? – sie konnten sich jetzt schon umbringen, ohne etwas anders dabei zur Absicht zu haben, als die Ehresich umgebracht zu haben. Die Herrscher dünkten sich die grössten, die vortreflichsten, deren Rotten am unbarmherzigsten gemordet, und fremde Distrikte am geschicktesten zur Wüste gemacht hatten.

Indessen war die Dosis Mitleid, die die natur ursprünglich mitgeteilet hatte, in Bewegung gesezt worden, diese brachte etliche Ideen von Unmenschlichkeit, Grausamkeit, Barbarei und dergleichen in die Köpfe; man schämte sich des Mordens ein wenig: man gab ihm einen Namen, der sich mit jenem Gefühle vertrug, und die Rotten mordeten mit ruhigem Gewissen fort, weil das Ding einen hübschen Namen führte, um dessentwillen sie oft gar etwas verdienstliches zu tun glaubten.

Wenn doch jemand den Ninus, Sesostris, Nebukadnezar, Cyrus, Xerxes, Alexander und ihre Nachfolger wohlmeinend zu Asche verbrannt hätte, ehe sie ihre blutigen Eroberungsprojekte ausführen konnten! –

MED. Ich hätte selbst ein Scheitchen Holz mit hinzutragen wollen.

FR. Das Blut so vieler zu vergiessen, um den übrigen Herr zu sein!

MED. Die königin Tomiris machte es recht; wenn sie doch lieber den blutdürstigen Cyrus vorher, ehe er auszog, so mit seinem Blute ersäuft hätte! – Siehst du, Brüderchen? wahrhaftig, wenn ich Alexander wäre, ich könnte keine Nacht ruhig schlafen: alle die Leute, die um meinetwillen ermordet wären, stünden des Nachts um mein Bette und heulten und röchelten um mein Kopfküssen5; mit jedem Schlucke Apfelwein dächte ich einen Todtenkopf hinunterzuschlingen; bei jedem Bissen Brodte fiel mir bei, das mag wohl den Leuten aus dem leib gewachsen sein, die ich habe erwürgen lassen; bei meiner Schlafmütze! ich vertauschte hier das Fleckchen leidigen Kot, auf dem ich sitze, nicht gegen Alexanders ganze Monarchie, wenn ich sein Gewissen mitnehmen müsste: das Herz muss ihm doch geschlagen haben, so hoch, wie die Wellen auf der See. –

FR. Guter Medardus! dafür weis man schon Mittel. Wenn Alexander sich und seinem Herrn die reine Wahrheit hätte sagen wollen, so würde er ungefähr so gesprochen haben! – Lieben Kinder! ich will schlechterdings, dass die Leute auf der Erde, so weit sichs nur tun lässt, meinen Namen wissen: wenn ich ihnen die grössten Wohltaten erzeigte, so dankten sie mir vielleicht, und in einem Jahre wäre ich samt meinen Wohltaten wieder vergessen; und das müsste schon etwas sehr Grosses sein, wenn es noch so lange dauern sollte: wie lange würde ich mit meinem Winkel, Macedonien, zureichen? – Drum ist es am besten, ich quäle, würge, morde und verheere so lange, dass es die Leute so bald nicht wieder verschmerzen können: so denken sie doch gewiss allemal an mich, wenn es ihnen übel geht: die Spuren meiner Verwüstung werden wenigstens auch ein Jahrhundert und länger übrig bleiben