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empfand, ohne mich zu kümmern, wer in Norden oder Süden würgte, vergiftete, unterdrückte; wie wohl war mir da! – und jetzt wie düster, mitternächtlich schwarz um die ganze Seele! Sonst schien mir die Erde eine Blumenwiese, wo die Menschen zwischen rieselnden einladenden Bächen, Hand in Hand, mit verschlungnen Armen herumwandelten, schwerbeladne Obstbäume ihrer lachenden Früchte entladeten, die Beute friedlich mit einander teilten und zur Sättigung der Musse Blumen pflückten, wo sie den anmutvollen muntern Reihen des Lebens in einsamer Stille oder lauter Frölichkeit hinabtanzten: dies war das goldne Zeitalter meines Lebens, die glücklichste Blindheit, der seligste Traum der Unwissenheit. jetzt habe ich die Augen geöffnet, ich übersehe einen weiten Raum der vergangnen und gegenwärtigen zeiten, von dem grossen Zirkel der Erde den meisten teil, den Umfang der Menschheit, Sitten, Staaten, Verhältnisse, unddie Weite der Aussicht macht mich unglücklich! höchstunglücklich! der Mensch, der Mensch ist in meinen Augen gesunken, und ich mit ihm. Ich übersehe ein ungeheures Schlachtfeld, wenn ich über die Erde hinschaue

Belphegor! unterbrach ihn Fromal, lass MICH das Bild mahlen! Du möchtest zu dunkle Farben dazu nehmen; meine gute Laune, merke ich wohl, hat unter uns dreien am längsten ausgehalten. Hier, Freunde! schmaust Datteln und seid gutes Mutes! Zum Zeitvertreibe zeichne ich Euch die geschichte der Erde im Kleinen; wenn ich kann, so will ich über mein Gemählde lachen, und darf ich ratenlacht mit mir! wenn es auch ein bittres lachen istes ist doch besser als bittres Klagen.

Er machte sich die Kehle mit einer Dattel geschmeidig und fing an: – Habt ihr nie von den lustigen Affen etwas gehört, denen man einen Korb mit Früchten und eben so viele Prügel hinlegt, als ihrer versammlet sind, wovon alsdann ein jeder einen ergreift und sich nebst seinem gefährten so lange herumprügelt, bis ein Paar die Oberhand behalten, die alsdann mit den nämlichen Waffen ausmachen, wer von ihnen beiden den Korb allein besitzen und den übrigen allen nach seinem Gefallen davon austeilen soll, was und wie viel ihm beliebt. Der Sieger wirft von Zeit zu Zeit Früchte unter sie, um welche ein neuer Krieg geführt wird; jeder Ueberwinder wiederholt mit seinem Anteile dasselbe Spiel, und so dauert der Krieg fort, bis alle ausser einem etwas besitzen, der sich mit den Schalen und schlechtern Bissen begnügen muss, die ihm die übrigen zuwerfen. – Wenn das Mährchen nicht wahr ist, so hat es jemand zum Sinnbilde für die geschichte unsers Erdenrundes ersonnen. Kann etwas ähnlicher sein? – Die natur baute einmal ein eiförmiges oder pomeranzenförmiges Ding, und sezte unter andern Geschöpfen eines darauf, das sich dadurch von allen übrigen unterschied, dass es weniger tumm, als jene, war, und sich für vernünftig ausgab. Jedem von diesen Wesen hieng sie, wie den römischen Rennpferden, zwo stachlichte Kugeln an, die sie bei jeder Bewegung in die Seite stechen und anspornenNeid und Vorzugssucht. Hier, sprach sie, Kinderchen, habt ihr einen hübschen geräumigen Plaz, der euch und eure Nachkommen nähren soll. Darauf gebe ich euch vier Stücke, die euch gelegenheit geben sollen, eure Kräfte zu brauchen: – Weiber, Reichtum, Gewalt, Ehre. Balgt, prügelt, würgt, mordet euch darum, so sehr ihr könnt! Ich habe euch etwas Mitleid ins Herz gegeben, dass ihr einander nicht vertilgt; weiter kann ich nichts für euch tun. – So sprach sie und übergab dem Schicksale die Aufsicht über ihre Söhnchen. Da das Häufchen klein war, fand wohl ein jeder sein Pläzchen: man nahm, wo es beliebte. Bald wurde ihre Zahl grösser: der Raum jener wenigen reichte für diese mehrern nicht zu: die Stärkern jagten die Schwächern fort. Die Vertriebnen ärgerten sich über das Glück ihrer Vertreiber: sie kamen verstärkt nach einigen zeiten wieder, schlugen jene tot und sezten sich auf ihren Fleck. Die Nachbarn wurden besorgt, dass ihnen dasselbe widerfahren möchte, andre, die in ihrem Distrikte ein Paar Eicheln weniger zu essen hatten, beneideten diese glücklichen Eroberer; beide taten zusammen, schlugen sie tot und teilten ihr Stückchen Erde, ihre Eichelbäume, ihre Hütten unter sich. Da die tummen Teufel nichts von der stereographischen Projektion wussten und folglich keine Teilungskarte machen, vielleicht nicht einmal bis auf drei zählen konnten, so musste die Teilung nach einem ungewissen Augenmaasse geschehen. Eine Rotte wurde in der Folge, da sie im Rechnen etwas weiter gekommen war, inne, dass die andre sechs oder acht Bäume mehr besass; sie nahm sie weg: jene wurde böse, dass man ihr ihr heiliges teuer erworbnes Recht kränkte, schlug zu, und wer übrig blieb, hatte ein völliges erlangtes Recht dazu. Die kleinen Rotten verschlangen einander, schmolzen zusammen und wurden zu grösseren Rotten, die sich um ein Stückchen von dem schmuzigen Erdenklosse weidlich herumzankten, bald um nicht zu verhungern, bald weil andre weniger hungerten, sich die Hälse zerbrachen, sich trennten, sich vereinigten, sich alle von Herzen hassten, einander alles Herzeleid wünschten und antaten, wenn sichs tun liess, sich zulezt als Fremde betrachteten, und nicht mehr daran dachten, dass sie von Einer Mutter natur ausgebrütet wären und zu Einem Geschlechte gehörten, unddas Schauspiel interessanter zu machensich gar nach huronischem und kannibalischem Völkerrechte frassen. Was ist der ganze Lauf der Welt vom Anbeginn, als eine Prügelei um den elenden Erdenkloss