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Ei! ei! gewiss ein Seeräuber, den ich dort sehe! Gleich wirst du einen traurigen Beweis bekommen, dass in dieser Welt stäter Krieg, und Obergewalt Recht ist. Er schifft verzweifelt hastig auf uns zu: tummer Teufel! dürftige Leute wirst du zu ernähren finden, aber nicht einen Flitter, der dir den Weg bezahlte. –

Himmel! schrie Belphegor, Seeräuber! Was sollen wir tun? – Uns ihnen ergeben, sprach Fromal, weil sie die Stärkern sind! Geschwind unsre Diamanten verborgen! versteckt, wo sie niemand finden kann, dass sie den Weg umsonst tun! –

Sie folgten seinem Rate, und wegen der Eilfertigkeit, mit welcher sich ihnen das Schiff näherte, schien es ihnen ungezweifelt, dass es ein Korsar sei. Medardus und Belphegor zitterten vor Angst und Erwartung! doch Fromal ruderte ihnen unerschrocken entgegen. – Es ist jetzt eine Wohltat für uns, sagte er, in ihre hände zu fallen: sie müssen uns füttern, da wir ohnedies hier zwischen wasser und Himmel verhungern würden. Wir werden freilich ihre Sklaven: aber wenn nun in der Reihe menschlicher begebenheiten alles sich so geordnet hat, dass wir Sklaven in Algier oder in Tunis sein müssen, wer will sich der notwendigkeit des Schicksals widersetzen? – Mut oder Gelassenheit! das letzte muss jetzt unsre Partie sein. –

Medardus raffte seine Entschlossenheit wieder zusammen. Getrost, Brüderchen! sprach er. Die Vorsicht lebt noch: wer weis wozu das gut ist, dass wir jetzt Sklaven werden? –

O Freiheit! rief Belphegor, du göttliches Geschenk der Erde! so lebe zum zweitenmale wohl! Ich soll von neuem Zeuge der Unterdrückung, der Grausamkeit der Menschen werden: wohlan! ich küsse die Sklavenkette, wenn sie mich nur mit euch, Freunde, untrennbar vereint. –

Kaum hatte er seinen Schwanengesang an die Freiheit geendet, als die Räuber schon an ihr Fahrzeug heranrückten; da sie nichts als ein beuteleeres Boot mit drei Menschen erblickten, so schienen sie unschlüssig zu sein, was sie mit ihnen anfangen wollten: doch endlich erinnerten sie sich, dass sie das Boot brauchen könnten, und nahmen es also ein. Man untersuchte alle Winkel ihres Leibes, um verborgne Schätze zu entdecken: doch man entdeckte nichts. Sie wurden ins Sklavenbehältniss gebracht, und nach langem vergeblichen Herumkreuzen fanden sie eine Prise, von der sie sich gute Hoffnung machten. Es war das alte Lied des menschlichen Lebens: ein Trupp Menschen wurde des andern Herr, nachdem sich etliche von ihnen ermordet, ersäuft, erschossen hatten. Die Räuber kehrten voller Lust und Freude über ihre Eroberung nach Algier, wo sie ihre Abgabe von ihrer Beute entrichteten, auf neues Glück ausreisten und unsre drei Europäer in einer zweijährigen Sklaverei zurückliessen, ohne dass einer den Aufentalt des andern wusste.

Fromal machte während dieser Zeit verschiedene Versuche, sich und seine Freunde aus einem für Freigeborne so traurigen Zustande zu reissen: doch keiner gelang ihm, bis er es endlich dahinbrachte, unter einen Trupp von tausend Sklaven den Samen des Aufruhrs auszustreuen, der sich schnell ausbreitete. Grosse Armeen von Sklaven brachen sich los, befreieten andre, und Fromal war ihr Anführer. Man stürmte, rasste, wütete: das ganze Land war Ein Gemählde des Aufruhrs. Die erbitterten verwilderten Sklaven würgten und verheerten, wohin sie gerieten: die Reichen starben in den Flammen ihrer Reichtümer; man wollte alles ausrotten, was nicht Sklave war. Die Truppen der Republik sezten den Verwüstern zu, tödteten und wurden getödtet. Als alle Ebnen mit dem Blute und den Leichnamen der Aufrührer und ihrer Sieger besät waren, beschloss man das schreckliche Schauspiel mit den fürchterlichsten Scenen einer barbarischen Justiz.

Ehe es bis dahin kam, waren unsre Europäer insgesamt gerettet. Fromal hatte keine Absicht, als sich und seine Freunde zu befreien, und liess daher, bei Erbrechung eines jeden Sklavenbehältnisses die Namen Medardus und Belphegor ausrufen: nicht eher wollte er vom Aufstande ablassen, als bis ihm entweder der Tod das Leben genommen, oder das Glück seine Freunde wiedergegeben hätte. Sein Wunsch wurde bald befriedigt: er fand sie in den ersten zwei Tagen, begab sich mit ihnen heimlich auf die Flucht und liess seine Armee für Freiheit und Leben fechten und sterben, so lange sie wollte.

Nach einer langen ermüdenden Wanderschaft sahen sie sich an den grenzen von BILIDULGERID. Hier glaubten sie sich sicher genug, lagerten sich unter einem Palmbaume an einem kleinen Flusse und waren unschlüssig, ob sie Schläfrigkeit oder Hunger zuerst besänftigen sollten. Sie griffen zuerst nach den Datteln, die über ihnen hiengen, und schliefen bei dem Mahle alle drei ein.

Bei ihrem Erwachen blickten sie einander zum erstenmale wieder frei und ruhig an, erzählten ihre Drangseligkeiten, und Belphegor beschloss jede Erzählung mit einem herben Klageliede über die Grausamkeit der Menschen; und da die Reihe herum war, brach er in melancholischem Tone, mit Tränen in den Augen aus: O Fromal! was ist die Welt? du rietest mir, dies barbarische Schlachtaus kennen zu lernen: der Zufall erfüllte deinen Rat: ich hasse dich dafür; du hast mich unglücklich gemachtFreund! in den engen Kreis der Unwissenheit eingezäunt, als ich nie über mich, meine kleinen Bedürfnisse und zwei oder drei Freunde hinausblickte, da ich mich vom Strome der Zeit hinwegreissen liess, ohne mit Einer Minute Nachdenken bei einer Scene ausser mir zu verweilen, da ich mit meinen Empfindungen über die kleinen einzelnen Anhöhen auf meinem Wege hinabgleitete, da ich ass, trank, schlief und