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gestürzt war, schwamm indessen herzu und stiess aus Rache und Neid das Fahrzeug mit aller Gewalt vom land zurück, dass Fromal kaum ihm widerstehen konnte: es war einen kleinen Raum noch von dem Einsteigeplatze entfernt: seine zwei Freunde stunden zitternd und rufend am Ufer: schon schoss ein Schwarm Rebellen mit verhängtem Zügel auf sie herzu und die Säbel schwebten beinahe schon über ihren Häuptern: Tod im Meere oder von den Händen der Barbaren, war ihre Wahl. Schnell zog der friedliche Medardus einen Säbel, den er um der Seltenheit willen einem Erschlagenen vom Wahlplatze genommen hatte; hieb dem Kerle, der das Boot zurückstossen wollte, die auf dem rand desselben liegenden hände ab, dass er herabstürzte, und Belphegor gab ihm mit einem Knittel, da er ihr Einsteigen noch immer verhindern wollte, einen Schlag auf den Kopf, Fromal trieb das Schiff näher, sie sprangen beide hinein und ruderten eilig fort: die Nachsetzenden schossen nach ihnen, trafen aber keinen. Da man kurz darauf den entflohnen Grossvezier erhascht hatte, so gab man sich weiter keine Mühe, sie zu verfolgen.

Belphegor hatte seit seinem Eintritte in den Kahn in einer todtenähnlichen Betäubung dagelegen, indessen dass seine beiden Freunde unermüdet vom land wegruderten. jetzt sind wir in Sicherheit, rief endlich Fromal; sie ruderten langsamer, und Belphegor sammelte sich wieder.

Gott! was haben wir getan! rufte er mit zusammengeschlagnen Händen aus. Menschen, unsre Brüder, Wesen unsrer Art, Verwandten unsers Geistes und unsers Blutes ermordet! von ihrer Selbsterhaltung verdrängt! in den Abgrund hinabgestossen! – Gott! welch ein Gedanke, ein Menschenmörder zu sein! – Fromal! ich zittre, ich schaudre vor ihm; – und so umfasste er bebend seinen Freund. –

Belphegor! was ist dir? erwiderte dieser. Verfolgt dich dein feuriges Blut noch immer mit Gespenstern?– Was haben wir getan? Menschen von ihrer Selbsterhaltung verdrängt, die uns von der unsrigen verdrängen wollten. Jedes geschöpf ist sich selbst die ganze Welt; ohne andre Rücksicht kämpft jedes für sich und seinen Wohlstand: wen der Zufall gewinnen lässt, wohl ihm! Er hat UNS begünstigt; hätte er unsern Gegnern wohlgewollt, so lägen wir jetzt an ihrer Stelle, vom Meere verschlungen, so nährten WIR die Ungeheuer der See.–

"Aber, bester Fromal, woher waren sie denn unsre Gegner? –"

Weil sie unsrer Rettung, unserm Wohl im Wege stunden. –

"Hatten SIE nicht einen grösseren Anspruch auf dieses Boot, SIE, denen wir es entrissen? –"

Und konnten ihn ungekränkt haben, wenn sie uns verstatteten, uns mit ihnen zu erhalten. –

"Aber welches Recht hatten wir, uns ohne sie zu erhalten, da sie uns nicht vergönnten, es mit ihnen zu tun? –"

Die Obermacht, das Glück! –

"geben diese ein Recht? –"

Sie verschaffen es, sie sind es. Jedes Recht ist eine verjährte Unterdrückung, ein verjährter Raub; nichts weiter. Den Flecken Erde, den ich jetzt zum rechtmässigen Eigentume erkaufe, raubte, riss der erste Besitzer an sich: alle Menschen hatten vor ihm gleich gegründetes Recht darauf: er raubte ihn dem Menschengeschlechte und behauptete ihn durch die Obermacht; diese vollendete sein Recht. Zu den Diensten, die ich jetzt von gewissen Personen vermöge eines erkauften Rechtes fodre, zwang der erste, der sie sich leisten liess, ihre Vorfahren, oder Furcht und Elend zwangen diese, sie ihm anzubieten: allemal Unterdrückung! – Mein Leben ist das Eigentum meiner natur; wer es mir nimmt, dem gibt die Obergewalt ein Recht darauf. –

"Fromal, du erschreckst mich! Ist es möglich, dass DU so denkst? – Eine unmenschliche Behauptung! –" Sie ist so menschlich, dass dies die Maxime aller zeiten gewesen ist. Warum fodert der Despot, warum der Monarch, warum die Republik mein Leben? – Nicht um meinetwillen; bloss um ihrentwillen: aber sie können es fodern, weil sie mich zwingen können; die Obermacht ist ihr Recht. –

"Aber das Leben dieser Unglücklichen war doch so sehr ihr Eigentum, ihr ohne Unterdrückung erlangtes Eigentum –"

Keineswegs! Auf die Materialien ihres Wesens, auf die Teile ihres Bluts, ihrer Lebensgeister hatte ich, hatte jeder andre einen gleichen Anspruch mit ihnen: die natur streute die Elemente zu unser aller Leben aus: der Zufall teilte einem jeden das mit, was er jetzt besizt: indem er es bekam, nahm ER es einem andern weg: nimmt es ihm dieser wieder, und der Zufall begünstigt ihn

"Rede noch so subtil! mein Herz wirft alle deine Spizfindigkeiten zu Boden. Meine Empfindung macht mir den Vorwurf, dass ich eine Grausamkeit mit dir begangen habe; in meinen Augen bleibt es eine, wenn es gleich dein Räsonnement für keine erklärt –"

Allerdings ist es eine, auch nach meinem Gefühle, so gut als nach dem deinen: aber was kann ich dafür, dass die natur die Erhaltung des einen Wesen auf die Zerstörung des andern gebaut hat; dass sie uns auf dieses Erdenrund gesezt hat, mit einander um Länder, Leben, Ehre, Geld, Vorteil zu fechten: warum entzündete sie diesen allgemeinen Krieg, und drückte mir ein Gefühl ein, das mich treibt, mich allen andern vorzuziehen, und mich quält, wenn ich es getan habe? warum stellte sie mich an den engen Istmus, entweder mir schaden zu lassen, oder andern zu schaden? –