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, war seine Antwort, ich dächte selber, dass in einem freien land ein Krug Apfelwein tausendmal schöner schmecken müsste, weil er über eine freie Zunge geht: aber wenn nicht solche Weiberchen zu haben sind, wie meine verstorbne, – ei! Schade für die Freiheit! –

Fromal lächelte und fuhr in seiner Erzählung fort. – In London machte ich die Bekanntschaft einer ziemlich reichen Kaufmannswittwe, die wegen einer empfindlichen Beschimpfung, die sie erlitten hatte, den festen Entschluss fasste, ihr Vaterland zu verlassen: ich bot ihr meine Begleitung und meine person an; wir heirateten einander und zogen zusammen in die Türkei, wo sie einen Vetter beerbte: ich teilte den Genuss ihres Vermögens und dünkte mir glücklich. Das Schicksal kollerte mich aufwärts, jetzt wieder unterwärts; wer kann sich dem Schicksale widersetzen? das wäre der tollste Krieg. Es mag mich weiter fortschleudern: seine Hand hat die Elemente sich zu dem Dinge, das ihr Fromal nennt, zusammenballen und aufwachsen lassen, sie wird es schon durch die Welt transportiren, und weis sie es nicht mehr fortzubringen, so wirft sie es wider die Erde, dass es aus einander fällt; und aus den Fragmenten wird der Zufall wieder etwas anders brüten: es geht nichts verloren. – Frisch! munter! meine Freunde! Getrost wollen wir uns von dem Stosse des Schicksales fortrollen lassen, wohin uns auch seine Richtung treibt: wir bleiben immer auf der Erde, finden allentalben Menschen, allentalben Krieg in verschiedener Gestalt, allentalben Kampf, wenn wir uns unter ihr Spiel mischen, und werden vermutlich ganz wohl davon kommen, wenn wir stillschweigend neben ihnen wegschleichen. –

O Fromal, hätte ich diese Regel früher befolgt! sprach Belphegor; vielleicht wäre ich jetzt weniger Krüpel. Die unbändige Hitze, die mich dahinreisst! –

Brüderchen, sprach Medardus, sei du guten Mutes! die Vorsicht lebt noch. Wer weis, wozu es gut ist, dass du ein Krüpel bist? der Apfelwein würde dir immer noch wohl schmecken, wenn du einen Krug voll hier hättest. Lass das Grämen und Härmen! wer weis wozu dirs gut ist? –

Wozu? unterbrach ihn Fromal lächelnd; zu nichts! In der langen Kette von Ursachen und Wirkungen in dieser Welt war es schon längst vorbereitet, dass er ein Krüpel sein sollte: wer kann der notwendigkeit widerstreben, die die sterblichen begebenheiten aus einander hervorwachsen lässt? Wer kann den Bliz aufhalten, dass er nicht mein Haus trift? Wäre die Lage und wirkung der Teilchen der Atmosphäre von Anbeginn durch den Zufall anders geordnet worden, so träfe er vielleicht meinen Nachbar: aber nein! er soll, er muss mich treffen. Gut ist mir es wahrhaftig nicht, wenn er mich bettelarm macht, aber meine Armut kann mir in der Folge vielleicht durch den Zufall irgend wozu nüzlich werden: ich bilde mir es ein, ich suche den Nutzen; wohl mir, wenn ichs zu einer solchen glücklichen Illusion bringe! – Wohlan! wie leichte Späne, schwimmen wir auf dem Strome der notwendigkeit und des Zufalls fort: sinken wir untergute Nacht! wir haben geschwommen! –

Viertes Buch

Das Gespräch, das sie über diesen Gegenstand noch einige Zeit fortsezten, hatte sie unvermerkt zum Strande kommen lassen, wo sie ein Schiff zu erwarten gedachten, das sie nach England führen sollte, wohin Belphegor mit brennender Begierde verlangte. Durch eine höchstglückliche Verknüpfung von Ursachen und Wirkungennach Fromals Ausdruckemusste gerade damals ein Fahrzeug in Bereitschaft liegen, das der Grossvezier, der bei veränderter Regierung aus gegründeten Ursachen für seinen Kopf fürchtete, heimlich zu seiner Flucht bestellt hatte. Es wurde nur von drei Leuten bewacht, die mit ihm an einem versteckten, zum Einsteigen bequemen, verborgnen Winkel lauschten: die Reisenden näherten sich ihnen und erkundigten sich nach der Ursache, die sie hier zu halten bewegte, wovon ihnen aber, wie zu vermuten, eine falsche angegeben wurde. Da die Schiffer sich aber umständlich und etwas ängstlich nach der Beschaffenheit des Tumultes, und besonders nach der Lage des Grossveziers erkundigten, so drang Fromal, der gut Türkisch sprach, in sie, ihm ihr geheimnis zu entdecken, und versicherte sie mit dem höchsten Schwure, sie nicht zu verraten. Die Muselmänner weigerten sich und sezten sich in Positur wider Gewalt, als plözlich von hinten zu aus einem wald her ein wilder kriegerischer Lärm gehört wurde, der sie insgesamt aufmerksam und besorgt machte. Die nächste Vermutung war, es für die Annäherung eines tumultuirenden Truppes zu halten, von dem alle ihren Tod gewiss erwarten mussten, schuldige und unschuldige. Die Schiffer wollten vom land stossen, doch Fromal kam ihnen zuvor, sprang in das Boot und nötigte seine gefährten seinem Beispiele zu folgen. Die Schiffer, die dies für Verräterei hielten, wollten Fromaln hinauswerfen, doch kaum sah er einen auf sich zukommen, als er ihn in der Mitte fasste und hinausschleuderte. Die übrigen fiengen an zu rudern, er riss einem die Stange aus der Hand und dem andern gab er einen Hieb mit seinem Säbel, dass er sie selbst sinken liess und zum Boote hinausfiel. Fromal trieb das Boot dem Ufer wieder um vieles näher, um seine Freunde einzunehmen, als ihn der letzte von hinten zu anfiel, zu Boden warf und vom Ufer wegruderte. Fromal rafte sich auf und sendete ihn vermittelst seines Säbels mit gespaltnem kopf den nämlichen Weg, den seine Brüder genommen hatten: darauf fuhr er zum Ufer zurück. Der erste, der ohne Wunde ins Meer