die öftre Wiederholung desselben erhalten; und man hat mich versichert, dass er selbst einen Haufen Broschüren unter fremden Namen schrieb, worinne sein eigner werter Name, nebst Citaten aus seinen Schriften, auf allen Seiten zu finden war; auch bestach er die Setzer, dass sie in andrer Werken, wo seiner gedacht wurde, seinen Namen jederzeit mit grossen hervorleuchtenden Lettern drucken mussten. Nach einem sechzigjährigen Leben voll immerwährender Scharmützel und Kämpfe hatte er endlich das Glück errungen, dass er sich einige dreissig Jahre für den Diktator perpetuus in der Republik der schönen Wissenschaften gehalten hatte, und nun, da seine komischen Waffen stumpf, sein Arm zur Lanze des Wizes zu matt war, da er nicht mehr morden und würgen konnte, jeder Esel, jeder Hase dem alten kraftlosen Löwen einen derben Stoss gab, bis endlich nicht einmal auf diese Weise mehr sein Andenken erneuert wurde, und den grossen Universalmonarchen der Tod im Stillen vor den Kopf schlug. –
Der Narr! unterbrach ihn Medardus; so bin ich doch wahrhaftig bei meinem Kruge Apfelweine neben meinem Weibchen tausendmal glücklicher gewesen, als er mit seinem grosstuenden Ruhm, und will es gewiss auch wieder werden, wenn ich nur erst aus dem barbarischen land wieder weg wäre. – Sage mir nur, Brüderchen, wie du in so ein Land hast gehen können? –
Der Zufall schleuderte mich hin. Ich ging von Paris nach London auf ein ungewisses Glück aus. Was für einen Lärm, was für Unruhen traf ich dort an? Nicht bloss heimlicher schleichender Hass, nicht Faktionen, die bloss in Gesellschaften über den Wert eines Schauspiels sich teilen! oder Dichter, die sich ihren guten Namen mit unblutigen Waffen zerreissen! Nein, öffentlicher lauter Tumult! Tumult der Grossen und des Pöbels! – Ein unbekannter Mann, der seine Niedrigkeit nicht ertragen mochte, schreiben und lesen konnte und unverschämt dreist war, hatte sichs einkommen lassen, eine Schrift auszustreuen, worinne er von Gefahren für die Freiheit, von der Usurpation der Regierung, von Unterdrückung schwazte: ohne Zusammenhang, ohne Gründe machte er alles verdächtig und ermunterte zur Verteidigung der Freiheit. Sogleich rotteten sich seine Leser zusammen; wer sie oder ihren Autor aufs Gewissen gefragt hätte, worinne ihre Freiheit gekränkt worden wäre, würde keine Antwort darauf erhalten haben: dennoch sezte das einzige Wörtchen "Freiheit" das ganze Volk in Feuer. Man schlug Pasquille an, man warf Fenster ein, man verfolgte diejenigen, die der Autor verhasst gemacht hatte, auf allen Gassen, hielt ihre Kutschen an, sie konnten sich beinahe nicht ohne Lebensgefahr sehen lassen, man erdrückte, man zerquetschte sich, rief dem Autor ein Vivat, bis alle Kehlen durstig wurden, und dann zerstreute man sich in die Bierhäuser, um für die Freiheit zu saufen. Dem mann, der sie losgehezt hatte, kam es wenig auf die Freiheit an, von der er vielleicht selbst keinen Begriff hatte: er wollte sich aus der Dunkelheit reissen, und war ihm der entgegengesezte Weg dienlicher dazu, so schrieb er wider die Freiheit so gut als jetzt dafür. Doch in England bringt nun einmal der Eifer für die Freiheit empor, wie in verschiednen andern Reichen der Eifer für die Unterdrückung: ein jeder, der empor will, wählt sich den Weg, der ihn unter seinem Himmel am nächsten dahin führt; schlachtet, wenn er kann, dort die Grossen, und hier die Kleinen: wenn er nur durch ein Wörtchen Leute anlocken kann, sich zu seinem Endzwecke arme und Beine entzweizuschlagen, und für sein Interesse zu arbeiten, indem er ihnen weis macht, dass sie es für das ihrige tun: wohl ihm alsdann! sein Verlangen ist befriedigt. Die Kunst der Illusion! – das ist die einzige probate Kunst des Erdbodens. In England ist sie leicht und gelang meinem Autor sehr wohl. Der Aufstand vergrösserte sich täglich; Glaser und Glasfabriken wurden mit jedem Tage mehr mit Arbeit versorgt; man illuminirte der Freiheit zu Ehren, man baute ihr Ehrenpforten, man verbrannte, hieng, köpfte die vermeinten Unterdrücker im Bildnisse, man höhnte und schimpfte sie in Schriften, der wilde Haufe geriet selbst in Uneinigkeit, sie trennten sich in Faktionen, steinigten, prügelten sich wund und lahm, und da ihr Aufhetzer seine Absichten so ziemlich befriedigt, sich bekannt, angesehen und erhoben sah, so zerstreute er ihren Unwillen, besänftigte die Verfechter der Freiheit und bezahlte niemanden seine Versäumniss, seine Wunden und sein verschwärmtes Geld: es blieb wie sonst, und die Freiheit war nichts besser und nichts gekränkter. –
Wohl einem volk, sagte Belphegor, das für die Freiheit fechten kann! Keine Illusion ist glücklicher als die Illusion der Freiheit, wenn man ihr gleich jährlich etliche hundert Hirnschädel opfern müsste. Mein Blut schwillt in allen Adern empor und zersprengt fast mein Herz vor übereilter zuströmender Bewegung, wenn ich nur den begeisternden Klang Freiheit tönen höre. Komm! wir kehren zurück nach England: das einzige Land der Erde, wo ich von nun an wohnen will! Die Sonne muss dort erfreulicher wärmen, der Schatten viel erfrischender laben, weil er ein freies Haupt erquickt. Freunde! wenn mein Leben nur noch in Einem Tropfen Blutes bestünde, gern wollte ich mir selbst die Ader zerschneiden und ihn herauströpfeln lassen, könnte ich durch diesen Tod eine Menge Menschen in die Illusion versetzen, sich für freier als den Rest der Menschheit zu halten und dadurch glücklicher zu werden. – Meinst du nicht, Freund? redte er den Medardus an. –
Ja, Brüderchen