Mann hat durch seine Freunde bekannt machen lassen, dass er nicht Einen Vers von seiner Arbeit mehr auf das Teater kommen lassen will: und er hat heute mit seinem Rivale in Einem Speisehause gegessen; sie sind gute Freunde: und weil jener gestern ein Nachspiel aufführen liess, worinne er das ganze Komödienhaus für sich und wider den jungen Schriftsteller zu interessiren wusste, so ist auch das Publikum wieder einig und hat die ganze Sache schon vergessen: mir selbst ist das Ding so alt, als wenn es unter dem Meroväus vorgegangen wäre. – Indem wir so mit einander sprachen, hörten wir einen Tumult, der einen lebhaften Zank ankündigte; als wir darnach forschten, so erfuhren wir, dass es zwei Bediente von einer gewissen Herzoginn waren, wovon der eine Tages vorher die unvermutete Ehre gehabt hatte, die schöne Hand seiner gebietenden Frau mit der seinigen zu berühren, als sie über den zu starken Duft eines parfumirten Herrchen in Ohnmacht sank, und er allein in der Nähe war, sie aufzufangen. Ein andrer, der nicht weit davon stunde, aber zu diesem Glücke zu spät kam, wurde neidisch darüber, und als sie gegenwärtig zusammenspeisten, überfiel ihn sein beleidigter Ehrgeiz von neuem, dass er das Messer ergriff und dem andern zwo grosse und etliche kleine Adern an der beneideten Hand entzweischnitt. – Welch ein feiner Ehrgeiz muss in diesem land herrschen! rief Belphegor. –
Mich beschäftigte die Begebenheit nicht länger, als ich darüber lachte: ich bin dergleichen Wettstreite um die Ehre gewohnt. Das ist der Krieg der Hofhaltungen, der aber nirgends so hitzig geführt wird als an der Hofstatt des Apolls. Jedermann buhlt da um die Gunst des eigensinnigsten Geschöpfes – des öffentlichen Beifalls. – Belphegor! dein gutes menschenliebendes Herz würde Kapriolen machen, wenn du die Künste, die Kabalen sähest und hörtest, die sich die Leute, jenem wankelmütigen leeren Dinge zu Gefallen, spielen, wie sie sich hassen, mit Satire, Pasquillen, Verläumdungen verfolgen, unterdrücken, ihr und andrer Leben verbittern, fast unglücklich machen, um einander ein Bröckchen Beifall abzujagen, dessen Genuss ihnen doch wahrhaftig die Hälfte der erlittnen Unannehmlichkeiten nicht wieder vergütet. Aber keiner unter diesem kriegerischen Dichtervolk hat doch gewiss seit der Schöpfung so weitaussehende Absichten gehabt als NIKANOR: der Mann war ein geborner Eroberer; er strebte nach der Universalmonarchie in dem Reiche des Beifalls so stark als Alexander in der politischen. Alle Mädchen, mit welchem ein Dichter nur zu tun hatte, wäre er gleich von der untersten Klasse gewesen, musste er zu seinen Freundinnen machen; und jeden Poeten, jeden, von dem er nur erfuhr, dass er in seinem Leben zwo Zeilen zusammen gereimt hatte, betrachtete und behandelte er als seinen Nebenbuhler. Ihre Mädchen, Freundinnen und Gönnerinnen waren seine Spione: sie mussten ihm von jedem verfertigten Verse ihrer Liebhaber Nachricht geben, das neue Produkt in Abschrift ausliefern und ihre skandalose geschichte zu wissen tun. Aus diesen drei Materialien machte er sein Pulver, und sein Wiz diente ihm zur Kanone. Wenn er die Ueberlegenheit eines Mannes fühlte, so liess er ihm sein Manuskript wegstehlen und verbrennen, oder Stellen heimlich einschieben, die es zum Beifalle schlechterdings unfähig machten: die Buchdrucker führte er deswegen insgesamt an seinem Seile. So bald er die Geringfügigkeit, das Mittelmässige eines neuen Werkes merkte, so arbeitete er, durch versteckte Wege die Bekanntmachung desselben zu beschleunigen, und gleich darauf erfolgte ein ganzes Packet Schmähschriften, Parodieen, die es so lächerlich machten, dass es niemanden nicht einmal mittelmässig schien: alle waren seine Arbeit, und seine Kreaturen mussten sie ausstreuen oder drucken lassen: oft liess er im Manuskripte Satiren auf Werke herumlaufen, die noch unter der Presse brüteten. Wenn ein neues gutes Werk ohne sein Vorwissen, oder ohne dass seine List es hindern konnte, an das Licht gelangte, so war ER der erste, der es unter dem Namen eines schlechten Mannes von übelm Kredite so ausgelassen lobte, dass es einem grossen Teile schon dadurch verdächtig, und allemal der Eindruck desselben geschwächt wurde. Einmal widerfuhr ihm das Unglück, dass ein mutiger Mann seiner List und seiner Unverschämteit trozte: er liess sich mit Fleis sein Manuskript stehlen, indessen dass er an einem entfernten Orte eine andre Abschrift davon drucken liess, die schon in den Händen des Publikums war und allgemein gelobt wurde, als der betrogne Nikanor noch ruhig über seinen Raub triumphirte. Plözlich erfuhr er, wie man ihn hintergangen hatte; er wütete, wie ein Löwe, besonders da ER darinne die lächerlichste Hauptrolle spielte, und jedermann sich schon auf seine Unkosten belustigte, ehe er es nur vermuten konnte. Sein Gegner hatte sich zwar versteckt, aber es gelang Nikanorn doch, ihn auszuforschen: nun fing der drollichste Krieg an. Man focht von beiden Seiten mit den schärfsten Waffen des komischen Witzes; und am Ende hatten sie den Nutzen, dass beide lächerlich gemacht waren: doch eignete sich Nikanor den Sieg zu, weil er das letzte Pasquill drucken liess. Durch diesen Krieg sank er in den Augen des Publikums: doch blieb er noch immer der gefürchtete Tirann in dem Reiche des Witzes, dem jeder huldigte und den ersten Rang zugestehn musste, wenn er den zweiten nach ihm haben wollte. Er unterhielt eine Menge Lobredner, die für ein kleines Lob, das er ihnen aus Gnaden zuweilen zuwarf, sich für seine Verdienste zur Posaune der Fama gebrauchen liessen: wenn sie weiter nichts tun konnten, so mussten sie wenigstens seinen Namen in dem Andenken des Publikums durch