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Verständnisse zu erhalten: die Klugheit riet ihm dies schon, wenn auch sein Herz und seine Freundschaft für Fromaln nichts dabei hätten tun wollen. Er dankte ihm freundschaftlich für seine aufrichtige Vorsorge und die Errettung aus den Klauen eines solchen Ungeheuers, tat noch ein Paar verliebte Ausrüfe an Akanten und verfluchte ihr Andenken auf ewig.

Ja, wenn alle Akanten wie meine Frau wären, sprach Medardus mit Rührung, so brauchte man ihr Andenken nicht zu verfluchen. Brüderchenwobei er Fromals Hand ergriff, – das war dir eine Frau! – Ein solches Weibchen und einen Krug Apfelwein! – und wahrhaftig ich wollte es in der Türkei alsdann mit ansehn. Siehst du, Brüderchen? das war dir ein Weibchen! –

Guter Mann! wenn du einen Engel zum weib hättest, du wärst doch in diesem land unglücklich, du müsstest denn die Menschheit zur Hälfte ausziehn. Ich habe viele Länder durchschweift und allentalben in dem Menschen einen Unterdrücker gefunden: doch nirgends ist mir noch die Unterdrückung mit so offner unverstellter Mine entgegengekommen, Leute, die nie einen höhern Grad von Freiheit gekostet haben, sind auch hier glücklich, wie der arme bei der Verachtung, wenn er nie die Süssigkeiten der Ehre geschmeckt hat; aber wir unter einem mildern politischen Himmel erzogne, wir kränkeln mit unsrer Glückseligkeit unter dem hiesigen beständig. Ich war der gefürchtete Herr vieler Sklaven, Besitzer von Reichtümern, und doch fehlte mir stets etwas, so sehr ich alles zu haben schien. –

Du, Fromal? der du so verarmt warest, als du mit mir teiltest, du hattest dies alles? –

Ja! und kam auf eine sonderbare Weise dazu. Ich musste entfliehn, als ich meinen boshaften Nebenbuhler ermordet hatte, um Akantens und der Gerechtigkeit Rache zu entkommen. Ich begab mich nach Frankreich und fand Paris bei meiner Ankunft in der heftigsten Bewegung. Du weisst, Belphegor, dass ich in der Welt selten mitspiele, sondern mich vom Schicksale, vom Strome der begebenheiten fortreissen lasse: auch hier blieb ich meinen grundsätzen getreu und war müssiger Zuschauer. Man hatte ein neues Schauspiel aufgeführt, das vielen Beifall aus den Logen erhielt: das Parterr überstimmte sie mit seinem Misfallen. Der Streit war der allgemeine Gegenstand des Gesprächs, aller Wünsche und Neigungen: man hasste und liebte sich bloss um der Partei willen, zu welcher man gehörte: wie Gelfen und Gibellinen, wie die grüne und blaue Faktion stritt man, nur mit andern Waffen als diese, wider einander. Wo ich einen schönen Geist, einen witzigen Kopf, einen Kunstrichter erblickte, der war wider den Autor aufgebracht: man schwur ihm allgemein den Untergang. Ich nahm mir die Freiheit, mich bei einem nach der Ursache dieses Hasses zu erkundigen, und erfuhr, dass der Verfasser ein junger Mann, dass dies sein erstes Stück sei, und dass ein ältrer von ihm beleidigter Dichter, der einen so schnellen Beifall ahnden müsste, den Aufstand veranlasst habe. – Aber wie machte er das? fragte ich. – Eine Schauspielerinn, die er liebte, wurde von ihm angestiftet, eine Schmeichelei an das Parterr im dritten Akte in die bitterste Satire zu verwandeln: sie opferte ihren eignen Ruhm der Liebe auf; und das letzte Wort von diesem herben Komplimente war auch das letzte, das im ganzen Stücke gesprochen wurde: weiter liess man sie nicht. Der Mann muss nieder, sezte er hinzu, er mag sich noch so sehr sträuben: man ist in Zorn wider ihn, und nie wird er durch die feinsten Schmeicheleien sich eine Handvoll Beifall erkaufen können: er soll nicht, er muss nieder. – Ich ging nach meinem Abschiede von ihm über einen Plaz, wo eine Menge Gaukler die Aufmerksamkeit des anwesenden Publikums an sich ziehen wollten. Ein jeder sagte dem Teile, der bei ihm stand, alles Böse von seinen übrigen Mitbewerbern und denen, die sie begünstigten, die sogleich die besten klügsten Sterblichen wurden, so bald sie zu IHM übertraten. Einer darunter, dem die ausgelassensten Spöttereien keine Zuhörer verschaffen wollten, hatte die Bosheit, einen von seinen Leuten abzuschicken, der unter die Zuschauer der nächsten Buden brennende Schwärmer werfen musste: das Volk sprengte aus einander, war allen den Gauklern gram, wo sie mit diesem Feuerwerke begrüsst worden waren, und liefen dem Haufenweise zu, der sie damit hatte begrüssen lassen: die übrigen wurden beinahe gestürmt. Sein Nachbar, der am meisten dabei gelitten hatte, dachte auf Ränke, sich zu rächen: er liess heimlich ein Paar Kerle die Nägel an den Hauptbefestigungen von der Bude seines Feindes ausziehen, alsdann einen guten Stoss daran tun, und die Bude stürzte über dem kopf ihres Besitzers zusammen, quetschte ihn mit Lebensgefahr; die Menge lachte und ging zu dem andern über. Kaum hatte er sich seiner gelungenen List zu erfreuen angefangen, als seine Bude in lichten Flammen stunde: sein Nachbar hatte sie ihm angezündet, als er den Strom zu ihm kommen sah. So suchte einer dem andern durch List oder Gewalt den Beifall abzujagen; und der einfältige Pöbel liess sich von einem zum andern herumschicken, bis sie ihm alle misfielen. Da der ganze Plaz leer, einer beschunden, der andre versengt, fast keine Bude mehr unbeschädigt und alle gleich verachtet waren, so traten sie zusammen, kondolirten einander herzlich und gingen in Gesellschaft zum Weine. – Einige Tage darauf fand ich meinen Mann wieder, den ich um die gegenwärtige Lage des teatralischen Streites befragte. –: Es ist vorbei, antwortete er: der