1776_Wezel_104_3.txt

mich zu dir, so schwatzen wir eins zusammen. Willst du? – oder lebe wohl! –

Indem kehrte Belphegor, der ihm bisher den Rükken zugewandt hatte, weil ihm seine Hüftschmerzen die Bewegung des Umdrehens verboten, sich mit dem gesicht und dem Oberleibe, so viel er konnte, nach jenem um, undach! Belphegor! rief der Andre und stieg vom Pferdeguter Mann! Bist DU es? – Nein, so muss ich wissen, was dir fehlt. – Mit diesen Worten band er sein Pferd an eine Stange und sezte sich zu Belphegorn nieder. – Wunderlicher Mann! was hast du denn? sagte er, indem er den rechten Arm um ihn schlang und ihn an seine Seite drückte.

Ach, Freund Fromal! – war Belphegors seufzende Antwort, wobei er, sich windend, die arme seines Freundes losmachte: denn er hatte seine geschwollne Hüfte gedrückt. –

"Lustig, lustig, Belphegor! Hast du denn gar die Narrheit begangen, ein Misantrop zu werden? – Mit deinem verdammten philosophiren, spekuliren, meditiren! Ich sagte dirs wohl: alles das Zeug wird deiner Frölichkeit den Hals brechen."

Ach, Fromal, wie glücklich, wäre mein ganzes Leben nichts als eiskalte Spekulation gewesen! Hätte nie Eine Empfindung sich darunter gemischt! Aber

"Was hast du denn mit deiner Empfindung für Zank? – Sei frölich! und den andern Empfindungen schlage die Tür vor der Nase zu, wie ich!"

O wüsstest du, bester Fromal! die Treulose

"Ei, ei! du hast dich verliebt, und bist betrogen worden? – Ja, wer hat dich das geheissen? –

Meine Empfindung, mein Gefühl, ihre Reize, ihre Anmut, ihre unaussprechliche Anmut; alles, alles befahl es mir. So ungewissenhaft sie mich hinterging, so ist sie mir doch noch der schönste, der reizendste teil der Schöpfung. Meine ganze Seele ist in ihre Reizungen verwebt; sie kann sich nicht losreissen, ohne sich selbst zu zerreissen: mein Gehirn – – –

"Nimm mir es nicht übel! – mag ein wenig versengt sein. Glaubst du denn, dass die natur in ihrem ganzen Leben nur ein einzigmal Luft, Feuer, wasser, Erde zusammen knetete, und nur eine einzige so schöne Wachspuppe daraus bildete, wie die Ungetreue, die "dich jetzt, lahm geschlagen hat? – Es ist ja alles voll davon! – Was machst du mit der Empfindung in dieser Welt? – Das ist eine Last, die dich mit jedem Schritte zu Boden zieht. So viel als nötig ist, um die Freude zu fühlen! das übrige wirf weg! Ich habe mich in mich selbst zusammengerollt, und lasse mich vom Schicksale durch die Welt durchwälzen, ohne dass mich etwas aufhält: stosse ich irgendwo an, so bleibe ich so lange liegen, bis ich wieder einen neuen Stoss bekomme, und dann geht die Reise von neuem fort."

Bester Fromal! wärst du an meiner Stelle, du nenntest die Empfindung keine Last

"Aber zum Henker! wenn sie dir lahme Hüften macht

Nicht mir, nur Akanten habe ich gelebt

Wen nennst du da? – Akanten? Ei, da bist du schön aufgefallen.

Kennst du sie? Ist es nicht das schönste Engelbild, welchem die natur die herrlichsten Merkmale ihrer Meisterhand eingedrückt hat

Ja, ja, ein hübsches Mädchen ist es; aber so falsch, wie eine Tigerkatze

Fromal, sie kann es nicht sein! Sage mir alles, nur nenne sie nicht falsch! Kaum hatte' ich sie ein einzigmal erblickt, so war meine Seele schon ganz in die ihrige gegossen, ihr Bild schon mit meinen innersten Gedanken so ganz zusammen gewachsen, dass eine Trennung sie beide vernichten musste. Ich trank aus ihren Blicken, von ihren Lippen das reinste himmlischste Vergnügen. Wochen lang taumelte ich in einer Berauschung herum, Akante hatte den Schlüssel zu meinem Herzen und zu meinem Vermögen: sie gebot mit Einem Winke, und beides mein Herz und meine kleinen Schätze taten sich für sie auf

"Und da sich die kleinen Schätze nicht mehr auftun konnten, jagte dich die englische Akante zum Teufel?

Nie hätte ich geglaubteine so unschuldige ungekünstelte Aufrichtigkeit, eine so naife Offenheit, muntre lebhafte gefälligkeit, so liebenswürdige Sitten, so ein zartes Gefühl, das jedes Lüftchen bewegte, zu jeder Empfindung gestimmt, so sanfte Minen, ein Gespräch mit den lieblichsten Wohlgerüchen des Witzes und moralischer Güte umduftetsetze daraus ein Bild zusammen und denke

"– dass es eine Larve ist! Das hätte ich dir zum voraus sagen wollen. Armer Belphegor! – Bist du mit deinem Gelde ganz auf dem Boden?"

So geldarm als in Mutterleibe! Ich kaufte ihr Vergnügen über Vergnügenkleine unschuldige Vergnügen; dass sie ihr Genuss ergözte, war mein Dank. In den seligsten vollsten Entzückungen weidete ich mich an dem Gedanken, ein geschöpf gefunden zu haben, das meine Empfindung ganz ausfüllte: alle, auch die bewundertsten Schönen hatten vor ihr stets ein trauriges Leere darinne zurückgelassen, nur SIE nahm mein Herz ganz ein; und hätte ich noch eins gehabt, sie hätte es überfüllt: so ganz war ich von ihren Reizungen überströmt! Und siehe! plötzlich wirft sie sich in die arme eines Nebenbuhlers

"– – dessen kleine Schätze sich weiter auftaten als deine geplünderten! Nicht mehr als billig! Von dir hatte sie weiter kein Vergnügen zu