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und vor grossen Freuden nicht wissen wollten, wie sie zusammengekommen waren.

Am lebhaftesten war die Freude über diese plözliche Zusammenkunft auf Belphegors Seite: er wurde so ganz freundschaftliches Gefühl, dass er nicht einen Augenblick an die Nachrichten dachte, die ihm Akante von der Untreue seines Freundes hinterbracht hatte. Es war nur eine kurze Unterredung nötig, um zu erfahren, dass Fromal der Herr der niedergesäbelten Sklaven und des geplünderten Gepäckes gewesen war; da er seine beiden Freunde hatte kaufen lassen, ohne sie selbst zu sehen, und sie auch kein Verlangen noch gelegenheit gehabt hatten, ihren Gebieter kennen zu lernen, so war es um so viel leichter, dass ihre Erkennung bis auf den gegenwärtigen Augenblick verschoben bleiben konnte.

Nachdem sie noch eine neue Durchsuchung mit den Resten der Plünderung vorgenommen und nichts entdeckt hatten, so beschlossen sie einmütig, dies Land der Barbarei und der Unterdrückung zu verlassen und sich mit den grossen und kleinen Diamanten nach dem humanisirtern teil von Europa zurückzubegeben, um dort mit dem Herrn Magister Medardus einen Krug Apfelwein auszuleeren.

Da die Pest eben in Konstantinopel wütete, und der Aufruhr sich sehr schnell nach dieser Stadt hinzog, so nahmen sie ihren Weg nach der mittäglichen Meerseite, um dort eine gelegenheit zum Rückmarsche zu suchen. Unterwegs erst führte sie das Gespräch auf Akanten, und Belphegorn auf den Verdacht, den sie ihm wider Fromals Freundschaft hatte beibringen wollen; allein da die Länge der Zeit und die gegenwärtige Freude über sein Wiedersehn die Stärke desselben ungemein gemildert hatte, so berührte er ihn nicht als einen Vorwurf, sondern vielmehr als eine Erzählung, welcher er nicht sonderlichen Glauben beimass. Fromal rechtfertigte sich nicht, sondern ohne grosse Beteurungen berichtete er ihm in planem historischem Stile, dass er allerdings Belphegorn von Akanten zu entfernen gesucht habe, doch ohne die schmerzliche Begegnung, welche seinem Befehle und seiner Absicht zuwider gewesen wäre.

Ich wusste, sprach er, dass du auf der Neige deines Geldes warst, dass deine zu feurige Liebe dir keine eigne Rückkehr erlauben würde: du warst von dem gänzlichen Verderben nur einen Strohhalm breit entfernt; ich beschloss, dir eine schimpfliche Verabschiedung zu ersparen, und bot mich Akanten an deine Stelle an. Ich bot mich ihr bloss an, damit sie desto leichter in deine Trennung willigen sollte: denn den Ruin deines Vermögens wusste sie noch nicht. Damit sie mich desto williger annähme, stellte ich mich reich, ob ich gleich nicht mehr in der tasche hatte, als eben so viel, wie ich dir gab: hätte ich gewusst, dass sie einen andern viel reichern Liebhaber schon an der Seite hätte, so wäre mein Weg nicht einmal eine so weite Strecke mit ihr gegangen. Dass sie dich so empfindlich behandelte, das war gewiss eine wirkung ihres eignen rachsüchtigen Herzens, das das Hässlichste auf dem Erdboden ist. Dich hat sie mit Ribbenstössen verjagt, und mich wollte sie gar vergiften.

Vergiften? rief Belphegor. Davon hat sie mir kein Wort gesagt; aber wohl, dass du deinen Nebenbuhler in ihren Armen durchbohrtest. –

Sie wird keine Verräterinn ihrer eignen Bosheit werden: aber ihre Vergiftung war eben die Ursache meines Mordes. Sie merkte bald, dass mein Reichtum nur Grosssprecherei gewesen war; und weil ich zu gleicher Zeit meinen Nebenbuhler ausgekundschaftet hatte, so war mein Plan schon gemacht, mich unter einem anständigen Vorwande von ihr loszureissen. Weil sie wieder und zwar gut versorgt war, so befürchtete ich nichts von ihrer Rache: doch ich betrog mich. Sie verriet mich an ihren Nebenbuhler, sie beredete ihn, dass ich mich durch den Tod von ihm befreien wollte, dass sie mich im grund hasste und meiner gern entübrigt wäre: genug, sie kützelte ihn so lange, bis der Leichtgläubige sich übertäuben und zu dem Anschlage meiner Vergiftung hinziehn liess. Zum Glücke behorchte ich sie, als sie den Entwurf zu der schändlichsten Tat schmiedeten, ich erbrach in der Wut die tür und rennte mit blossem Degen auf den Bösewicht los, der unter dem ersten Stosse erlag: Akante entsprang. Was konnte ich anders tun? Krieg gegen Krieg! Mein Leben oder das Leben des Angreifers! – Sie stellte dir mein ganzes Verhalten vermutlich in einem Lichte dar, das den hässlichsten Verdacht der Treulosigkeit gegen dich darauf werfen musste? –

O mit den gehässigsten schwärzesten Farben! –

Sie hinterging dich, Freund! Meine Absicht war die redlichste: du musstest von ihr entfernt, oder wenn sie deine Verarmung gewahr wurde, am Ende das traurigste Opfer ihrer Rache werden. Ich musste dich retten, oder nicht dein Freund seinich musste, sollte ich auch gleich der Gefahr mich aussetzen, einige Zeit von dir nicht dafür gehalten zu werden. Ich sah keinen andern Weg vor mir, als den ich wählte: unglücklich, dass die Boshafte meinen Befehl überschritt! wofür sie bereits gebüsst hat, gleich als ich dich verliess, und noch büssen soll, wenn sie das Schicksal wieder in meine hände liefert. –

Belphegor wusste nicht, wohin er sich mit seinem Glauben lenken sollte, zu Fromals oder Akantens ganz entgegenlaufenden Erzählungen: sein Verstand sprach für Fromaln, und sein Herz für beide: endlich neigte er sich bei einer solchen Unentschiedenheit auf Fromals Seite und glaubte der lezten Erzählungder gewöhnliche gang, den der Glaube der Menschen nimmt! Einmal wurde er auf alle Fälle betrogen, und konnte nie ausmachen, von wem eigentlich; und bei dieser Bewandniss war es gewiss das Beste, dem Anwesenden Recht zu geben und sich mit ihm in gutem