Gewimmer von Sterbenden, fliehende, verfolgende, in der Ferne flammende Dörfer, dampfende Brandstellen, das Lärm der Mordenden, das Geschrei der Ermordeten, das Aechzen der Zertretnen, das Wiehern verwundeter Rosse, blutbedeckte Felder, deren Furchen von Bächen strömten, Verwirrung, Angst, Todesschmerz und der Tod selbst in den grauenvollsten Gestalten – dies war das Bild, das sie eine lange Strecke neben sich auf einer weiten Ebne sahen: da sie aber mit ihrem Gepäcke von dünnem Busche bedeckt waren, so entgingen sie der ohnehin beschäftigten Aufmerksamkeit der Barbaren.
Belphegor zitterte vor Entsetzen und Zorn bei der Erblickung eines so unmenschlichen Schlachtfeldes, und Medardus war ganz versteinert. – Brüderchen, sprach er endlich leise zu jenem, das geht dir hier zu, wie in der Hölle: die Schlacht zwischen dem Hannibal und Scipio kann nicht so blutig ausgesehn haben. – Mich friert vor Grausen; was machst DU denn, Brüderchen? –
Ich verbrenne! rief Belphegor. Gott! Geschöpfe von Einem Geschlechte, aus Einem geistigen und körperlichen Samen gezeugt, Geschöpfe, die sich einer Vernunft rühmen, erwürgen sich? erwürgen sich im tummen trunknen Taumel der Mordsucht, ohne dass eine einzige für ihre Wohlfahrt wichtige Ursache ihr Blut fodert! um ein Nichts, aus blosser toller Begierde sich die Köpfe zu zerschmeissen! – O, Freund, den ersten besten Dolch möchte ich mir in die Brust stossen, um nicht mehr zu einer rasenden Gattung von Geschöpfen zu gehören, die nicht verdienen, dass eine Sonne über ihnen aufgeht, oder ihnen ein Mond leuchtet. Tiere führen doch nur den allgemeinen Krieg mit Tieren anderer Art, und scheuen unwissend die heiligen Bande, die sie zu Einem Geschlechte verknüpfen: aber der Mensch – ist das ärgste Ungeheuer der Hölle. Ich bin mir selbst gram, ein Mensch zu sein. –
Ja, Brüderchen, es geht wahrhaftig bunt her: wenn WIR nur erst glücklich durch wären, dann möchten sie sich schlachten, wenn es ihnen nun ja so beliebt. –
O möchten sie uns lieber zerfleischen und unter dem allgemeinen Ruine begraben! Was nüzt uns der elende Lebenshauch, als nur um die Grausamkeit der Menschen zu leiden und leiden zu sehen. Komm! ich stürze mich mitten unter die Barbaren, und wohl mir, wenn ich erliege! –
Närrchen, Närrchen! rief Medardus und zog ihn aus allen Kräften zurück. Die Vorsicht lebt noch: wer weis, wozu das gut ist, dass sich die Leute hier die Kehlen abschneiden? Auf dem feld hier wird folgendes Jahr das schönste Getreide wachsen. Wer weis, ob uns das Metzeln hier nicht desto eher wieder zu meinem Apfelweine verhilft? – Zu etwas muss es doch gut sein. Wenn sie UNS nur die Kehlen ganz lassen; sonst ist es mit der hoffnung aus. –
Belphegor wurde unwillig über die Gelassenheit seines Freundes und schoss einen verächtlichen blick auf ihn, der aber noch nicht völlig bis zum Medardus gekommen war, als die Rebellen das Gepäcke hinter ihnen anfielen, Führer und Lasttiere niedermachten, die aufgepackten Effekten zerhieben, zertraten und nur etliche tragbare Kleinigkeiten nahmen, den Sklaventrupp gleichfalls angriffen und unbarmherzig niederhieben: alle, auch Belphegor und Medardus, lagen in Einem Haufen zusammen. Da die Heldentat verübt war, gingen die Krieger zu dem Hauptchore mit ihren Lorbern zurück.
Belphegor und Medardus waren nur verwundet und in dem Wirbel des Scharmützels unter die toten mit niedergerissen worden. So bald die erste Betäubung des Schreckens verschwunden war, so arbeiteten sie sich unter den Erschlagnen allmählich hervor, einer lieh dem andern seine Kräfte, und es gelang ihnen hervorzukommen: doch ermattet von Arbeit und Verblutung sanken sie auf die oberste Reihe wieder zurück. Mit der Kleidung der Getödeten stopften und verbanden sie endlich ihre Wunden und schleppten sich nach dem Orte zu, wo die Plünderung des Gepäkkes vorgegangen war, aus einer sehr weisen Vorsicht, ihrem gänzlichen Mangel durch eine Kostbarkeit abzuhelfen, die vielleicht ihre Mörder in der Hitze der Verwüstung zurückgelassen haben möchten. Unter vielen verderbten vortreflichen Sachen fanden sie ein Schächtelchen, von dem sie sich viel Gutes versprachen: auch betrog sie ihre hoffnung nicht: sie öffneten es hurtig und fanden einen einzigen Diamant von ungeheurer Grösse darinne. Ihr Appetit wurde durch den Fund rege gemacht, und sie suchten weiter; sie entdeckten noch etliche kleinere und andre tragbare Sachen von Werte, die sie sorgfältig in die abgelegensten Winkel ihres Körpers versteckten. Darauf machten sie sich gefasst, diesen Ort des Entsetzens so schnell als möglich zu verlassen. Sie warfen noch einen mitleidigen blick auf ihre daliegenden Mitbrüder, obgleich aller Vermutung gemäss kein einziger Christ darunter sein mochte, als sie eine Bewegung an einem Haufen wahrnahmen. Da sie erwarteten, dass es gleichfalls ein Verwundeter sein werde, der sich, wie sie, zum Leben emporarbeiten wolle, so vereinigten sie ihre hülfe, die toten Körper abzuwälzen. Kaum hatten sie sechs oder achte abgeworfen, als einer seine hände nach ihnen ausstreckte, mit welchen sie ihm aufhalfen. Er war wenig oder gar nicht verwundet und durch die Drückung der übrigen nur erschöpft. Er stieg von ihnen geführt herunter, und da sie auf ebnem Boden waren, so schlug der Errettete und die Erretter zum erstenmal ihre Augen gegen einander auf, um Dank zu geben und zu empfangen, stuzten insgesamt, waren verlegen, ungewiss, konnten sich nicht besinnen, bis sichs nach drei fragen und drei Ausrüfen fand, dass hier auf diesem Flecke Belphegor, Medardus und – Fromal beisammen stunden, sich umarmten, nicht wussten