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so viele Provinzen, die die blühendsten sein könnten, aus den Ketten des gräulichsten Despotismus, des Despotismus über den Menschenverstand. – kommt! – wobei er aufsprangwir wollen allen den scheusslichen Tirannen die Kehle zudrücken, die ihre Grösse auf die Unterdrückung der Vernunft, auf die Sklaverei der Unwissenheit und Dummheit baun! die den Keim der Menschenliebe ersticken, und feindselige Rotten aus Menschen machen, die sich, wie Brüder, lieben würden, und jetzt sich hassen, weil man ihnen den Hass befiehlt! kommt! – Närrchen, Närrchen! wohin denn? sprach Medardus und fasste ihn bei der Hand. Der Herr Markis ist ja in Frankreich verbrannt worden, und wir sind in der Türkei. Ach, wir werden genug zu kämpfen und zu streiten finden, ohne dass wir erst so weit laufen, um Feinde aufzusuchen. Da ist mir doch Deutschland ein ander Ländchen, Madam: da sitzen sie so still und ruhig beisammen, wie die Lämmchen; wenn sie einander gleich nicht gut sind, so lassen sies doch wenigstens dabei bewenden, dass sie einander nicht lieb haben. Mannichmal fuschen wohl ein Paar wunderliche Köpfe auch ins Verfolgungshandwerk, aber sie müssen doch nur im Kleinen arbeiten; und wenn sie zu laut werden, so stehen auf allen Ecken Aufpasser, die sie öffentlich auszischen und auslachen; auf diesem Wege giebts dort wahrhaftig nicht viel rechtes mehr zu verdienen. Den ersten Krug Apfelwein, den ich in meinem Leben wieder an meine Lippen setze, trinke ich auf die Gesundheit des deutschen Menschenverstandes aus. Nicht Brüderchen? du bist dabei? –

Belphegor bejahte es wohl; aber sein Herz war nicht bei der Bejahung. Er dachte noch etlichemal an die Welt und an Akanten, die sich ihm jetzt wieder sehr wichtig gemacht hatte, legte sich nieder und schlief ein.

Sie hatten nicht lange die Ruhe genossen, als ein Trupp türkischer Soldaten mit Tumult zum haus hineinstürzte und mit Gewalt den Prinzen Amurat darinne finden wollte. Die Markisinn glaubte, diese Barbaren durch die Nachricht von seinem tod zu gewinnen, und versicherte sie, dass er auf ihrer Schwelle sich ermordet habe, zeigte ihnen seinen blutigen Dolch, wies ihnen sein Grab, und liess sie seinen Leichnam ausgraben und besichtigen. Wider so deutliche Beweise hatten sie freilich nicht Lust, etwas einzuwenden; allein da sie einmal zum Morden ausgeschickt waren, und in der Türkei ein Menschenleben die wohlfeilste Waare ist, so spalteten sie, um der Absicht ihrer Sendung ein Genüge zu tun, die alte Markisinn nebst ihrer Sklavinn, jede in zwei Stücken, und die beiden Fremden, weil sie noch jung waren und also etwas gelten mussten, beschlossen sie mitzunehmen und an den ersten Liebhaber als Sklaven zu verkaufen, wovon aber weder Belphegor noch Medardus etwas wussten, weil sie die Sprache ihrer Ueberwältiger nicht verstanden; ehe sie es vermuten konnten, waren sie das rechtmässige Eigentum eines Mannes, der sie zu den niedrigsten Beschäftigungen bestimmte. – Siehst du, Brüderchen? sagte Medardus, als er zum erstenmale seine elende Kost genoss, nun ist es mit dem Apfelweine vorbei! der ganze schöne Vorrat, den ich mir in meine wohnung habe schaffen lassen, wird verderben: denn so bald werden wir aus dem Raubneste nicht wieder hinauskommen, das merke ich wohl. – Wenn das meine liebe Frau wüsstedu gutes Kind! wie wohl ist dir! – mit Tränen sagte er das; – wie wohl! und dein Männchen ist gar ein Sklave, ein elender Hund! – Doch mutig, Brüderchen! die Vorsicht lebt noch; da trink die elende Pfütze, und denke, es ist Apfelwein! da! glückliche Rückkunft nach haus! – und so trank er ihm einen Topf voll schmuziges wasser zu, wovon Belphegor einen kleinen Schluck mit verzerrtem gesicht nahm.

Unterdessen war die Entfliehung des Prinzen Amurat ruchbar geworden, und ein unbekannter niedriger Mann liess sich es einfallen, diesen Ruf zu nützen und sein natürliches Recht auf den Tron des Despoten durchzusetzen: denn wo Unterdrückung und Gewalt die einzige Stütze des Trons ist, da hat jedermann ein gegründetes Recht, ihn zu besteigen, wer den Besitzer herunterwerfen, sich hinaufschwingen und seinen Siz mit jenen beiden Stützen befestigen kann. Jedermann, der sich zu ihm schlug, war sicher und gewiss, dass er, wenn die Unternehmung gelang, bloss die person des Despoten veränderte: niemand hatte einen Begriff von einer andern Regierungsform, noch Begierde dazu: man stritt höchstens für die Ehre, sich seinen Unterdrücker selbst gewählt zu haben. Dieses geringen Vorteils ungeachtet, verschafte ihm doch die angeborne Neigung des Menschen zum Kriege und eine gewisse neidische Freude, den Tirannen, den man, wenn er mächtig ist, fürchten muss, zu stürzen, und sich dadurch gleichsam für die bisherige Furcht zu rächendiese beiden Antriebe verschaften dem Anführer einen so zahlreichen Anhang, dass er allentalben die schrecklichste Verwüstung verbreitete, und jedermann entweder für ihn fechten oder niedergehauen werden musste.

Bei einer so nahen und fürchterlichen Gefahr hielt es der Herr des Belphegors und Medardus für die beste Partie, mit seinen Effekten, so viel er davon fortbringen konnte, und seinen Sklaven sich durch die Flucht zu retten und den ganzen zurückgelassnen Rest seinem Leben und der Wut der Rebellen aufzuopfern. Ein Trupp hatte sich in einen Distrikt geworfen, durch welchen die Entflohnen schlechterdings wandern mussten. Sie fanden ringsum die entsezlichsten Spuren der Verheerung und der unsinnigsten Grausamkeit: zitternde Glieder ermordeter Säuglinge, die im Blute ihrer Mütter schwammen, verstümmelte halblebende Greise,