der andre ein Feind der Geistlichkeit und besonders der Jesuiten. Dieser, der jüngste von beiden, liess sich von jugendlichem Feuer und dem noch ungestümern Eifer der Rechtschaffenheit hinreissen, etlichen ihrer unverantwortlichen schädlichen Meinungen zu widersprechen. Er glaubte aus Mangel an Erfahrung, dass es genug sei, Recht zu haben, um Recht zu behalten, und dass man, um unsinnige Meinungen zu verdrängen, nichts brauche, als den Schuz der Vernunft und Wahrheit. Man begnügte sich anfangs, seine Meinungen als ketzerisch und schädlich zu verdammen, dem Urheber derselben etwas von der Verdammniss mitzuteilen, und ihn in die Flammen zu wünschen, die sein Buch verheerten. Man lärmte, man schrie, man verfolgte ihn mit Verläumdungen, man machte seinen Namen bei jedermann beinahe infam, und behielt den Groll im Herzen, um ihn bei der ersten günstigen gelegenheit zu seinem Verderben auszulassen. Sie zeigte sich: die Boshaften, die kein andres Interesse hatten, ihn zu grund zu richten, als dass er sich Vorurteilen widersezte, die sie bloss verteidigten, weil es verjährte Vorurteile waren, stürmten mit einer Wut auf ihn los, die nicht heftiger hätte sein können, wenn er die Grundstützen der Religion mit verwägener Hand niedergestürzt hätte. Man streute eben damals Erzählungen von Wundern aus, die ein neu entdecktes Haar von den Augenwimpern des heil. Ignatius getan haben sollte. So lächerlich und ungereimt die Erdichtungen waren, so sehr ihre Falschheit in die Augen sprang, so leicht liessen sich vornehme und geringe Laien von ihrer Wahrhaftigkeit überzeugen. Die Absicht war eigentlich, einem ungestifteten Kloster gönner, Bewunderer und Beiträge zu verschaffen: der Franzose, der alle Nationen über die Schultern ansieht und vielleicht in vielen Stücken ein Recht dazu hat, glaubte übel ersonnene Mährchen, die mit Mutter Gans in einem Range standen, und opferte reichlich. Mein Bruder, vielleicht halb von Rache, aber gewiss auch halb vom Eifer der Wahrheit angefeuert, trat zum zweitenmale auf den Kampfplaz; aber zu seinem Unglücke. Man beschuldigte ihn der schwärzesten Verbrechen, man brauchte die niederträchtigsten Kunstgriffe, falsche Zeugen, untergeschobne Briefe, um ihn der Gotteslästerung und Irreligion zu überführen. Man gelangte zu seinem Zwecke; der unwissende Pöbel ist jederzeit auf der Seite des Betriegers: er verlangte die Verurteilung meines Bruders. Der Mann, der sie aus den Ketten der Unwissenheit und dem Despotismus fanatischer Mönche reissen wollte, wurde auf Begehr Hoher und Niedriger öffentlich verbrannt.
Himmel! schrie Belphegor, öffentlich verbrannt! So sind ja die Banden der türkischen Sklaverei tausendmal leichter als die Tirannei eines unerleuchteten Klerus! –
Tausendmal leichter, mein Herr! Hier stirbt der Sklave mit Einem Dolchstiche, ohne Schande; der Despot, dessen Eigentum er ist, wirft ihn weg, wie ein abgenuztes Kleid; sein los befremdet ihn nicht, weil er auf kein andres Anspruch machen kann: allein wo der Bürger eines staates den mächtigen Gedanken der Freiheit im kopf hat, da ist es ihm unendlich schwer, etwas zu dulden, das nicht mit ihr besteht. Unter dem despotischen Himmel tödtet man mit Einem Hiebe, unter vielen andern quält man mit hunderttausend Stichen langsam zu tod: denn alle kann man nicht verbrennen, wie meinen Bruder. –
O, seufzte Belphegor, welch Untier ist der Mensch! Immer ein Unterdrücker, hier des Eigentums, dort des Menschenverstandes, hier des Rechtschaffnen, dort des Armen! –
Ja, fasste Medardus die Rede auf, dass die Menschen doch so einfältige Kreaturen sind! In Ruhe und Friede könnten sie bei einander sitzen, ein Glas Apfelwein trinken und sich einander ihr Leben erzählen: aber nein! da schlagen, schmeissen, balgen sie sich, wie das liebe Vieh; und noch ärger machen sies: denn die Tiere verschlingen sich doch nur aus Hunger, aber die Menschen, wenn sie der Hunger nicht dazu zwingt, suchen ein Sylbchen, ein Wörtchen, und verbrennen, hängen, köpfen und sengen sich darüber. –
Ja, leider, sprach die Dame, sonst wäre mein ältester Bruder nicht aus dem Schoosse des Vaterlandes, seiner Güter, seiner Familie vertrieben worden, weil er ein heimlicher Hugenott war. Ein Elender, dem er einen kleinen Dienst versagt hatte, weil er ihn desselben unwürdig hielt, gab ihn an; er musste, um sich nicht der Verfolgung preis zu geben, mit Schiffbruch sein Vermögen retten und den Weg wandern, den viele tausend seiner Brüder gegangen sind, in Länder, wo Vernunft und Freiheit herrschen, und vernünftig denken und wahr denken eins ist: noch glücklich, dass er nicht zu jenen zeiten der höchsten Unmenschlichkeit lebte, wo Frankreich seine Felder mit dem Blute seiner Einwohner düngen wollte! – O du schändlichster verderblichster unter allen Despotismen! Despotismus des Aberglaubens, der Scheinheiligkeit, der Habsucht im schwarzen Mantel, der heiligen Dummheit, der Vorurteile! verheere nicht länger mein Vaterland, dessen milder Himmel nur Menschlichkeit und gesunde Vernunft einflössen sollte! verheere kein Land dieser Erde mehr! und die ihr es vermögt, tilgt, sengt, schneidet, würgt, reutet ihn von der Wurzel aus, wo ihr ihn findet, wenn ihr euch und euer Volk liebt!
Belphegor, der nur ein Fünkchen brauchte, um in die Flamme der Begeisterung aufzulodern, fiel auf seine Kniee und rief mit entzückter stimme: O du göttliches Geschenk! Freiheit zu denken, Freiheit zu reden! komm auf alle Länder herab, die der Glückseligkeit einer allgemeinern Erleuchtung immer näher rücken! Komm! würge den schändlichsten Götzen, den Aberglauben, und reisse